Heldenhaft in den Untergang?

10. Februar 2014 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Mit Heldenmut in den Untergang zu gehen, das sorgt seit Jeher bei den Menschen für Bewunderung. Was indes eine ziemlich komische und wenig rationale Denkweise ist. Man denke da an die „letzte Schlacht des General Custer“, um die sich viele Legenden ranken…

Dabei hatte Custer einfach Mist gebaut, sich selbst völlig überschätzt und Hunderte aufgrund eigener Dummheit in den Tod gerissen. Was ist daran verehrungswürdig? Wieso haben historische Figuren wie Alexander der Große, Wallenstein oder Napoleon eine solch verklärte Rolle in der Wahrnehmung der Menschen, obwohl sie an sich selbst gescheitert sind? Womöglich, weil wir uns eher mit ihnen identifizieren können, da sie uns an uns selbst und unsere Fehlbarkeit erinnern? Gut möglich.

Denn diese Figuren der Geschichte spiegeln einen gefährlichen Charakterzug wieder, der typisch menschlich ist … und auch für Börsianer eine permanente Bedrohung darstellt: In einer Umgebung vermeintlicher Sicherheit und ungefährdeten Erfolgs neigt man dazu, zu ignorieren, dass sich am Horizont dunkle Wolken heran schieben. Und entlädt sich das Gewitter dann, bleiben die meisten einfach im Eisregen stehen, weil sie unfähig sind, sich an die so überraschend veränderte Lage anzupassen. Dass das mit Heldenmut gleichgesetzt wird, liegt wohl wirklich daran, dass es vielen von uns eben nicht anders gehen würde als General Custer, der sich in eine völlig ungewisse Lage brachte und darin lieber unterging, als einzuräumen, dass er den Überblick verloren hat.

Nichtsdestotrotz ist nicht empfehlenswert, sich als Anleger diesem Verhalten anzuschließen. Nur … es ist gar nicht so leicht, sich vom Tunnelblick zu lösen, der unsereins leider meistens deswegen zu Eigen ist, weil man mit seinen Depotbeständen denkt. Was im Depot liegt, beeinflusst unsere Wahrnehmung. Wer bis über beide Ohren Long investiert ist, tut sich naturgemäß schwer, Gedanken zuzulassen, die die Perspektiven dieser Positionen infrage stellen. Immerhin hieße das, sich mit Verlusten auseinanderzusetzen, die eintreten könnten. „Könnten“, weil man ja nie sicher vorhersagen kann, was passieren wird. Und da wählt man naturgemäß das Szenario als feste, innere Überzeugung, bei dem am Ende doch alles gut geht. Menschlich, keine Frage. Aber alleine deswegen unlogisch, weil man so eine Einschätzung in eine sich stetig wandelnde Gegenwart transportiert, die naturgemäß nicht dieselbe ist als die, die existierte, als diese Positionen gekauft wurden.

Die Gemengelage ändert sich, ob man das nun mag oder nicht. Doch die computergesteuerten Handelsprogramme und die Daytrader scheren sich nicht um das, was sich außerhalb der kurzfristigen Kursbewegungen tut. Und die Mehrheit der anderen Betroffenen tut sich schwer, Veränderungen wahrzunehmen bzw. zuzulassen, dass sie an ihren inneren Überzeugungen kratzen. Die Börse nimmt nicht die Zukunft vorweg. Sie hängt ihren Hoffnungen nach!

Das hat seit jeher für böse Verluste bei kleinen – aber auch großen, institutionellen – Investoren gesorgt, die selbst nach eindeutigen Trendwenden der Kurse nach unten immer wieder zukauften, weil die veränderte Lage keinen Zugang zu ihrer eigenen Wahrnehmung bekam. Was übrigens auch für Trendwenden nach oben zu gelten pflegt, die einfach nicht umgesetzt werden, weil die Hirne stur im „Weltuntergang-Modus“ verharren.

Was aber wirklich übel ausgehen kann ist der Umstand, dass auch Notenbanken und Regierungen aktuell außerstande scheinen, die dunklen Wolken am Himmel wahrzunehmen. Dass weder die amerikanische noch die europäische Notenbank Anlass sah, zu den die Wachstumsperspektiven der Weltwirtschaft bedrohenden Währungsturbulenzen an den Emerging Markets oder den zuletzt ernüchternd schwachen Konjunkturdaten auch nur einen Kommentar abzugeben, ist ein weitaus größeres Alarmsignal als diese Konjunkturdaten selbst oder die kritische charttechnische Lage der Aktienindizes. So tun, als wäre alles wie vorher – also bestens – das hat ja schon fast Tradition:

Denken wir da mal an die Zeit 2006-2008. Die Hütte brannte am Immobilienmarkt … aber die Politiker und Notenbanker lächelten … und die Anleger waren nur zu gerne bereit, im Zweifelsfall denen zu glauben, die zuversichtlich lächelten. Am Ende kaufte man, wo man hätte verkaufen müssen. Und als es dann derartig schlimm wurde, dass selbst die fröhlichsten Gemüter Angst bekamen, wurde man wiederum so stur negativ, dass man immer weiter Short ging und erneut verlor, während die Märkte Anfang 2009 längst die Wende nach oben vollzogen hatten. Sich da Napoleon in der Schlacht von Waterloo oder anderen großen Figuren der Geschichte mit am Ende tragischem Schicksal nahe zu fühlen, mag trösten, macht aber trotzdem arm.

Natürlich ist es schwer, die Lage immer wieder neu zu bewerten, zu überdenken und dabei eine mentale Brandschutzmauer zwischen Lagebeurteilung und Depotbestand aufzubauen. Aber es ist unumgänglich, wenn man Trendwenden rechtzeitig erkennen will. Stellt man sich nun abseits eigener Positionen und Hoffnungen, erkennt man dabei momentan Folgendes:

In allen Bereichen, die Basis für eine Fortsetzung der seit fast fünf Jahren steigenden Aktienmärkte sein könnten, haben die Signale von grün auf gelb, teilweise sogar schon auf rot geschaltet… (Seite 2)

 

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3 Kommentare auf "Heldenhaft in den Untergang?"

  1. wolfswurt sagt:

    Nun ja, Napoleon wollte nur bis Moskau ebenso Hitler aber die Herren der BIZ/FED/EZB wollen, jetztmal klein gerechnet, 1 Mrd Menschen verwalten, regulieren, stimmulieren oder gar beglücken.
    Mir scheint da hat ihr Größenwahn den Überblick verloren.
    Das ist dann das Szenario, in dem der Einzelne gut daran täte, sein kleines Umfeld im Auge zu behalten und um Gottes Willen nicht den Überblick verlieren.

    Mehr bleibt einem nicht.
    Evtl. noch den Tee trinken…

    • Michael sagt:

      Atilla der Hunnenkönig kam bis in die Gegend von Brüssel, dann war es mit der Dynamik der Expansion vorbei zumindest im Norden.

      Er hat geheiratet und soll in der Hochzeitsnacht im Vollrausch an einem Blutsturz gestorben sein, ein Weilchen später und das obwohl er zuvor massiv Gold von den Römern hat eingesackt.

      Wenn einer am Gipfel ist, dann ist egal ob er runterplumpst da er zu vorsichtig respektive zaghaft war, auf ein paar Steinchen ausrutschte und sich verhedderte oder einen Freudensprung zuviel und zu weit wagte. Derjene der vor letzten Anstieg gemütlich bei der Jause die Früchte seines Anstiegs genießt hat es da besser, den holt der Hubschrauber, den anderen auch, wie alle Optimisten – ein letztes Mal.

  2. retracement sagt:

    Ein Kommentar von Herr Gehrt. Dann kann es ja nur weiter aufwärts gehen.
    So wie fast jede Woche im gesamten letzten Jahr 🙂
    Lasst doch mal das Yellen ans Mikro. Werdet schon sehen . . .

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