Hektik in der Bildröhre

23. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Kolumne von Frank Meyer

Was für ein Tag! Was für Schlagzeilen! Liz Taylor ist als eine der letzten Diven in die unendlichen Weiten der menschlichen Erinnerungen gegangen. In Jerusalem gab es Bombenanschläge. Ob das Kernkraftwerk in Fukushima zu Staub zerfällt und die übrigen Reste in alle Winde über die Welt verstreut, bleibt ungewiss. In Libyen vernichten militärische Kampfmaschinen menschliches Leben. Knut ist auch schon wieder tot. Und jetzt tritt auch noch der Regierungschef von Portugal zurück…

Der heutige Tag dürfte eigentlich erst in weiteren 72 Stunden enden. Die Fernsehgeräte versagen beim Ansturm der Schlagzeilen ihren Dienst. Nein, das tun sie nicht. Sie lassen das weniger Wichtige beiseite. In solchen Tagen wie heute muss man Kompromisse machen. Kompromisse muss es auch bei der Gewährleistung der Funktionsfähigkeit des Hirns des Betrachters geben. Ab auf`s Fahrrad!

Wie schnell sich die Welt doch dreht. Und dabei sind doch erst 24 Stunden vergangen. Über die Börse zu sprechen verbietet sich von selbst. Gratulation an Herrn Buffett. Er empfahl, japanische Aktien mitten im Chaos zu kaufen. Und damit lag er richtig – zumindest bis zum heutigen Tag. Für die Anzahl der Ereignisse des heutigen Tages zeigte sich die Börse relativ entspannt. Es ging etwas hoch, etwas runter, und letztlich tanzte sie irgendwo im Nirgendwo. Was spielt es für eine Rolle, wenn es um Menschenleben geht. Die große Politik interessiert das wenig. Der Börse ist es egal. Es sind bedauerliche Unfälle mit einem Potential an Aufregung in der Öffentlichkeit. Mehr nicht.

Bei all den Schlagzeilen fühlt sich der Autor dieser Zeilen überrumpelt. Es ist unmöglich, sich auf etwas Bestimmtes zu konzentrieren. Zu komplex und zu vernetzt ist diese Welt geworden. Die Globalisierung zeigt sich divenhaft wie einst Liz Taylor. Während die globale Wirtschaft im Takt vermeintlicher Gesetze funktioniert, fliegen schwarze Schwäne durchs politische Gebälk. Europa zerlegt sich. Die NATO tut das auch. Politische Interessen wirken heute mindestens so stark wie politischer Protektionismus. Keiner für alle. Und alle für keinen.

Am Abend trat Portugals Regierungschef José Sócrates zurück. Mit seinem Sparplan ist er gescheitert. Grandios! Wie gut, dass es den Transfermechanismus mit Deutschland gibt. Sócrates ist weg und damit auch alle warmen Worte, die Dinge mit den Schulden wieder in Ordnung zu bringen. In wenigen Stunden beginnt der EU-Gipfel – voller Einigkeit. Griechenlands Regierungschef Papandreou hält das Ruder (noch) fest in der Hand. Er sprach heute von der Tilgung aller griechischen Schulden. Wenn er auch eines Tages weg sein sollte, bleiben seine kühne Absichten und vor allem seine warmen Worte übrig.

Die Welt ist zerbrechlicher geworden. Von den Träumen der 90er Jahre um eine Welt in Frieden ist wenig übrig geblieben. Selbst Obama macht weiter wie Bush. Wo bleibt die Empörung? Nun weiß man, dass er nicht über Wasser gehen kann. Vielleicht wollte er das auch niemals.

Es ist gut, wenn man das wahre Leben spürt. Wahrscheinlich aus Versehen hat mich heute auf einer Radtour eine Biene mit einem Veilchen oder einem blauen Stiefmütterchen verwechselt. Warum sollte ich schimpfen? Zum einen hat die Biene ihren Irrtum mit ihrem Leben bezahlt. Das tat mir leid. Zum anderen merkt man dann, wenn es zwickt, dass man mitten im Leben steht. Und es erinnert auch daran, dass man sorgsam mit dem Leben umgehen sollte: Nicht wegen des Schmerzes, sondern wegen der Unmenge an Neuigkeiten, die alles Leben bedrohen. Seien Sie aufmerksam!

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