Heiteres Datenraten

9. Dezember 2013 | Kategorie: Gäste

von Ronald Gehrt

Wir fürchten uns. Und das so knapp vor dem Fest… Auf der einen Seite wollen wir (wollen wir?) in diesem Jahr mehr für Weihnachtsgeschenke ausgeben. 273 Euro werden es sein. Aber wir sind in den letzten 12 Monaten so viel glücklicher und reicher geworden, da kann man schon mal ein bisschen mehr ausgeben.

Das sagt eine von Ernst & Young herausgegebene Statistik, also machet auf die Börsen und kaufet. 2012 waren es übrigens angeblich nur 230 Euro. Aber wir sind in den letzten 12 Monaten so viel glücklicher und reicher geworden, da kann man schon mal ein bisschen mehr ausgeben.

Wobei das natürlich alles Durchschnittswerte sind. Es geht hier um den durchschnittlichen Deutschen, die/der anders als eine Salatgurke nach EU-Norm irgendwie nie so wirklich greifbar ist. Max und Erika Mustermann ebenso wie Otto Normalverbraucher existieren in der Welt der Zahlen … aber das ist eine Realität, in der wir alle irgendwie nicht wirklich vorkommen.

Das gilt auch für die düstere Seite dieses Weihnachtsfests. Das besorgte Antlitz von Ben Bernanke, mit bereits in Richtung Janet Yellen verwischten Gesichtszügen, blickt auf uns alle herab und will und nehmen, was wir zum Überleben brauchen. Money-calypse now … der Geldhahn, der uns alle (uns? Ha!) mit Glück, Stabilität und Zukunftsperspektiven versorgt, könnte von diesen beiden apokalyptischen Fußgängern in Bälde zugedreht werden. Heißt es. Der guten Daten aus den USA wegen, sagt man. Und da die Kurse am Aktienmarkt gerade fallen und die Zinsen steigen, muss es wohl stimmen, dass wir uns fürchten.

So ein statistischer Durchschnittsmensch kann nämlich beides – glückselig über Blumenwiesen hüpfen und Geld ausgeben – und es zugleich tief besorgt beisammen halten. Was logisch ist, denn momentan ist die Welt ja wunderbar und düster zugleich. Wobei das je nach Sichtweise wechselt. Niedrige Zinsen sind Mist, wenn man für sein Jahrzehnte zusammengetragenes Erspartes nichts mehr bekommt. Sie sind indes toll, wenn man quasi gratis Geld bekommt. Dumm nur, dass der Segen aus dem Geldhahn der Notenbanken irgendwie an uns vorbei ging. Die Finanzindustrie suhlt sich in Gratiskrediten und kann damit ungehemmt noch viel heftiger zocken als vor der Subprimekrise, weil man ja systemrelevant ist. Ist das Geld futsch, wird auf das drohende, traurige Schicksal der Sparer hingewiesen … und die Politik gibt erneut. Und wenn’s dann immer noch nicht reicht, wird halt ein bisschen gemogelt … bei Währungen und Zinsen. Die paar Hundert Millionen, die man dann an Strafe abdrückt, holt man doch locker anderswo wieder rein, gell?

Schon beeindruckend, wie bei den Großbanken so mancher kalkuliert … während wir unsere Kosten/Nutzen-Analyse darauf beschränken, wie oft es möglich ist, keinen Parkschein zu ziehen, ohne durch die ab und an fälligen Knöllchen ins Minus zu rutschen. Jetzt frage ich mich indes: Wenn wir … die, die irgendwie knapp am statistischen Durchschnitt vorbeischrammen, weil wir zu dick, zu groß, zu alt, zu arm sind …uns doch dauernd mit dem schnöden Bodensatz des Lebens in Glückseligkeit zu befassen haben, warum fürchten wir uns denn dann angeblich vor dem monetären Fallbeil der US-Notenbank?

Naja, die meisten fürchten sich ohnehin nicht, weil sie all die guten Daten, die Maßnahmen der Notenbanken und überhaupt die längst überstandenen Krisen und den momentanen, irgendwie angeblich stabilen Aufschwung von ihren Sofas aus nicht mitbekommen. Auf diesen Posten vorgeschobener Beobachtung menschlichen Daseins wird sich erst gefürchtet, wenn die BILD-Zeitung uns mitteilt, dass wir uns fürchten sollen. Alles andere ist kompliziert, langweilig, irrelevant. Selbst aktive Anleger ignorieren das Offensichtliche so lange, bis Koryphäen wie Alan Greenspan oder Carl Icahn melden, dass ein wenig Sorge am Platze sei. Wo war ich? Ach ja … die Furcht der Masse.

Ja, das dumme an der ganzen Geschichte ist, dass es zwischen der Finanzindustrie und unsereins Fußvolk eine Schnittstelle gibt – unser Erspartes. Und diese Schnittstelle ist psychologischer Natur und damit ärgerlicherweise statistisch nicht so recht messbar. Das Problem dabei ist: Diese Verbindung ist die alles entscheidende Brücke, sie ist der Ankerpunkt zwischen Hausse und Baisse. Und sie ist der Grund, warum ein Trend meist erst viel später dreht, nachdem die Veränderung der Gesamtlage deutlich wurde.

Selbst dann, wenn sich der auf seinem Sofa fläzende Max Mustermann beunruhigt die Augenbraue hebt (eine langt), passiert an den Börsen noch herzlich wenig. Die Hütte brennt erst dann, wenn er sich zu seinem Computer schleppt und sein Geld aus seinem Fonds, Hedge Fonds oder seinen Versicherungen abzieht, weil er so langsam merkt, dass das mit den ewig steigenden Kursen, die ihm in den Medien um die Ohren gehauen werden, nicht so recht hinhaut und sein Erspartes weniger wird statt mehr. Die Frage ist: Wann passiert das?

Nun, eben dann, wenn die Kurse nennenswert und länger als nur ein paar Wochen fallen. Und wann ist das wiederum der Fall? Wenn die großen Adressen einerseits und die kurzfristigen Trader andererseits der Ansicht sind, dass sich mit fallenden Kursen deutlich mehr verdienen lässt. Aber da kommt die Crux: Auch das ist wiederum von emotionalen, nicht messbaren Einschätzungen abhängig.

Aktuell konkret davon, ob die Datenlage der Wirtschaft in Kombination mit den verklausulierten Kommentaren der Notenbanker einen hinreichend großen Verdacht dahingehend erlaubt, dass sich der Geldhahn langsam schließt. So, und um das Ganze noch ein wenig komplizierter zu machen, kommt dabei folgendes Problemchen ins Spiel… (Seite 2)

 

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5 Kommentare auf "Heiteres Datenraten"

  1. stephan sagt:

    „Falls die US-Notenbank den aktuell starken Daten glaubt und die Gefahren fallender Aktien- und Bondkurse unterschätzt, brennt blitzschnell der Baum.“

    Die FED wird die Gefahr fallender Aktien- und Bondkurse nicht mehr unterschätzen. Das hat sie einmal gemacht, als Bernanke das erste Mal laut über Tapering nachgedacht hat. Nach der Beschau der daraufhin heftig fallenden Börsenkurse, hat sie auf der Stelle eine Kehrtwendung um 180 Grad gemacht. Die FED wird auch weiterhin alles dafür tun, dass der schöne (Börsen-) Schein bewahrt bleibt. Es sei denn jemand, der noch mehr zu bestimmen hat, hält den Zeitpunkt für gekommen, der schönen Scheinwelt zur Konsolidierung das Licht auszuknipsen. Das wäre aber aus FED-Sicht dann eher ein „externer“ Schock.

  2. FDominicus sagt:

    @stephan Und ich Dummbeutel dachte immer Zentralbanken seien für Währungen zuuständig. Wie man sich so irren kann ;-(

  3. stephan sagt:

    @FDominicus: Wir leben in einer ver-rückten Welt. Die Polit- und Finanz-Elite bricht, nach leichtem, anfänglichen Zögern und Unbehagen, nunmehr völlig ungeniert jedweden (rechtlichen) Rahmen, den sie sich selbst in grauer Vorzeit auferlegt hat. Und zwar allein zur Erreichung ihrer (!) politischen Ziele, die lange nicht das Interesse der Allgemeinheit widerspiegeln. Wie diese elitären Nichtsnutze, die nie etwas anderes gemacht haben, außer mit fremder Leute Geld um sich zu schmeißen und selbst parasitär davon zu leben, denken, darüber gibt dieser Artikel reichlich Aufschluss: http://www.zeit.de/2013/49/schmidt-fischer-europa/komplettansicht
    Es muss sich also niemand wundern, wo wir heute stehen.

    • bluestar sagt:

      @stephan
      Aufschlussreicher Artikel, vielen Dank. Bei diesem geistigen Müll mit ökonomischen Schwachsinn, präsentiert in einer Soße aus Arroganz, Selbstüberschätzung und Eigenlob fällt einem nichts mehr ein.
      Länderfinanzausgleich auf europäischer Ebene heißt nun die Lösung der Rot-Grünen Versager von gestern und vorvorgestern.
      Einfach widerlich diese nutzlosen Lakaien und Parasiten.

  4. Michael sagt:

    Märkte die von Subventionen gestützt werden sollten einen höchst eilig vom Sofa locken.

    Es weiß ja kein Menschen wieviel Geld letztendlich wirklich für die Subvention wird ausgegeben. Wenn ich mir Kommunikation zur EURO Rettung vor Augen führe, da stand ein kleiner Betrag aus Topf A zur Diskussion her nach wurde so diskutiert als sei Topf A in Topf B integriert. Letztendlich stellte sich heraus, dass Topf A und Topf B in Summe zu dotiert waren.

    Ich für meinen Teil denke dass 42 Mrd. USD um die 85 Mrd. USD wurde ergänzt, aber nie im Zusammenhang diskutiert. Das deckt sich auch mit den Aussagen andererorts, dass die zumindest jemals mal offiziell genannte Summe mal gegen 130 Mrd. geht. Da kann man ruhig mal 10 Mrd wegnehmen bleiben ja noch immer noch schwach 120 Mrd übrig oder seien es gut 70 Mrd stimmen die offiziell genannten Zahlen. Vermutlich wurde die Kommunikation derform verbessert, dass die Stützung im ausgeblendeten Bereich der Diskussion weiterläuft.

    Im Prinzip handelt es sich um den Vorgang Steuergelder der Zukunft für die Stützung von Asset Märkten heute heranzuziehen um die Preise von Gütern hochzuhalten, die sich just jene nicht leisten können die sich ob steigender Steuerlast sowieso diese nicht mehr leisten können. ‚Generationenvertrag‘ in den Asset Märkten :). Die Lösung ist wahrlich kreativ.

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