Die unberechenbare Gefahr

13. Oktober 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Heidefeuer ist so ein geflügeltes Wort, das mit diesem „die Heide brennt“. Schnell gesagt. Bis mir einfiel, dass es nicht dasselbe ist, als würde der Baum oder die Hütte brennen. Ein Heide- oder Moorfeuer ist etwas anderes. Es ist genau das, worum es momentan geht…

Es sind die besonderen Eigenschaften eines Heidefeuers, die die Gefahr dieser aktuellen Situation noch größer machen, als sie der abschmierende DAX ohnehin schon andeutet.

Der Gedanke erinnerte mich an die großen Heide- und Moorfeuer 1975 und siehe da, es gibt tatsächlich noch Nachrichten-Aufzeichnungen darüber. Das besonders gefährliche an dieser Art Feuer ist, dass es sich völlig unsichtbar, unter der Erdoberfläche über das Wurzelwerk ausbreiten kann und die Flammen dann an absolut unvorhersehbaren Orten auftauchen. Eine Katstrophe also, die Unwissende weder kommen sehen und die man nicht eingrenzen kann. Präzise so wie aktuell an der Börse.

Also: Ja, die Heide brennt. Das Unvorhersehbare ist dabei nicht die Brandgefahr an sich gewesen. Klar hätte jeder, der es auch zur Kenntnis nehmen wollte, wissen können bzw. müssen, was Sache ist. Aber das wollte eben kaum jemand. Warum, so die platte Entschuldigung, die man sich selber gibt, die Pferde scheu machen, wenn doch alles funktioniert? Sicher, die kippende Konjunktur in der Eurozone … die EZB am Ende ihrer Möglichkeiten … die US-Notenbank, die in all ihrer internen Uneinigkeit dennoch stur einen Harakiri-Kurs zu fahren beliebt … unschön.

Aber hey, an den US-Börsen ging es rauf, wenn Leitzinserhöhungen avisiert wurden, weil das doch belegt, dass die Konjunktur stark ist. Und es ging ebenso rauf, wenn miese Konjunkturdaten eben dies wieder unwahrscheinlicher machen, weil dann die Zinsen schön niedrig bleiben. Kurz: Man konnte denen jeden Mist erzählen, die fanden alles toll. Und in Europa … naja, da fielen die Indizes wenigstens nicht. Aber die Glut breitete sich unter der Oberfläche allgemeiner, heiterer Gelassenheit aus. So übrigens wie 2007, als man bis zum letzten Moment so tat, als sei die Subprime-Krise ein auf den Immobilienmarkt begrenztes Problem. Dann, als man gegen die Realität nicht mehr anfaseln konnte, erklärte man, dass dieses Problemchen selbstredend auf die USA beschränkt bleiben werde. Und erst, als absolut jeder auf dieser Welt wusste, dass das Kartenhaus zusammengebrochen war, entbrannte operative Hektik, verursacht dadurch, dass man bis dahin an seine eigenen verbalen Beruhigungspillen hatte glauben wollen und daher untätig blieb.

In der aktuellen Situation ist das Prinzip, das nun das Kartenhaus ins Wanken bringt und binnen Tagen einstürzen lassen könnte, dasselbe. Nur wären die Konsequenzen diesmal noch heftiger. Denn was, bitte sehr, könnte man nun tun, um zu verhindern, dass das Heidefeuer plötzlich überall aus dem Boden schlägt … diejenigen einschließt, die dachten, das alles erledigt sich irgendwie von alleine, obwohl die Erfahrung lehrt, dass mit dieser verboten dummen Denkweise alles nur schlimmer wird … und uns alle – wieder mal – mit in die Bredouille bringt?

Mir fällt nichts ein, sorry. Zinsen unten, billiges Geld, wohin man schaut – außer dort, wo es gebraucht würde, bei den Bürgern – und die großen Wirtschaftsregionen Europa und USA (wo das angeblich starke Wachstum zum Großteil auf Pump und auf Lager produziert wird) kippen, nachdem all das kein echtes Wachstum erschaffen konnte, jetzt mit einem unschönen Furz in eine Schrumpfungsphase, die auch die Emerging Markets, vorher einziger Motor der Mini-Wachstums (und nicht das Gratisgeld für die Finanzindustrie) logischerweise mitzieht. Was die klassische Abwärtsspirale in Gang setzt, von der jeder neutral und frei denkende Volkswirt weiß, dass sie in einer derart globalisierten Weltwirtschaft nur diejenigen verschonen würde, die ihre Märkte nach außen dichtmachen.

Dass alleine ist übel. Die Flammen, die nun überall aus dem Boden schießen, sind die Konsequenz daraus, dass wie immer niemand unter den Entscheidungsträgern die Gefahren hatte wahrnehmen wollen. Ein Mario Draghi konnte sich da den Mund fusselig reden, dass man ohne aktive politische Maßnahmen nichts ausrichten kann – solange man nicht bis zum Hals in der Sch… steckt, tut keiner was. Und wenn du erst dann anfängst zu überlegen, wo man doch gleich den Feuerlöscher hingeräumt hat, wenn die Flammen aus dem Keller schlagen, kannst du den ganzen Mist auch gleich abbrennen lassen … und die Zeit nutzen, dir zu überlegen, wie du die Schuld anderen in die Schuhe schieben kannst. Die ersten Politiker dürften sich da nun wohl bereits Gedanken machen.

Was für Gefahren? Es gibt hierbei zwei Sektoren, und beide sind für sich alleine schon ausreichend, um die ganze Scharade, die hier seit Ende 2008 gespielt wird, platzen zu lassen.



Nummer 1 ist der bereits erwähnte Umstand, dass all die Maßnahmen der Notenbanken einfach für die Tonne waren. Echtes, solides Wachstum konnte trotz Nullzinsen und Geld nach Gusto für die Finanzindustrie nicht entstehen, weil die strukturellen Schieflagen, die das Problem verursacht haben, nie angegangen wurden. Da haben wir z.B. den wirtschaftlichen Niedergang des Mittelstands, in den USA noch brutaler als in Europa, der immer wieder durch das wahre Bild verfälschende Statistiken eines immer weiter wachsenden Wohlstands kaschiert wurde. Klar, das Gesamt-Vermögensvolumen steigt. Aber dieses Vermögen besitzen immer weniger Menschen Aber alle müssen den Konsum tragen. Und die hübsch wirkenden sinkenden Zahlen der Arbeitslosigkeit verdeckten dabei, dass immer mehr Menschen von ihren Jobs nicht leben können. Hätte man auf die reale Netto-Entwicklung des Konsums geschaut, hätte man das erkennen können. Wollte aber keiner. Sah doch alles so nett aus. Nur: Jetzt kippt‘s erneut. Die Gefahren wurden jahrelang unsichtbar gemacht, unter die Oberfläche verbannt. Und nun kommen sie plötzlich aus dem Boden geschossen.

Die Notenbanken haben ihre Magazine leergeschossen. Und statt jetzt sofort die Maschinen anzuwerfen und Konjunkturprogramme zu starten, die nicht wie die schwachsinnige Abwrackprämie dazu da sind, nur dem schönen Schein der Statistik zu nutzen statt den Menschen, sondern wie seit Jahrzehnten erfolgreich erprobt wirklich mehr Geld für die Bürger zu erschaffen, dabei als Nebeneffekt z.B. marode Bereiche wie das Straßennetz wieder auf Kurs zu bringen, wird – auf einmal, das glaubt ja keiner! – furchtsam auf die Neuverschuldung gestarrt. Obwohl eigentlich jeder Hanswurst mit einem Blick nach Griechenland, Spanien und Portugal kapieren müsste, dass dieses Totsparerei absolut der falsche Weg ist, fängt man damit jetzt erneut an. In einer Podiumsdiskussion mit Finanzminister Schäuble kriegte da Lawrence Summers, ehemaliger US-Finanzminister, sichtlich die Krise. Wenn nichts wirklich wächst und alles mit Statistiken zugepinselt wird, die die Realität verstecken, muss man sich nicht wundern, dass auf einmal die Flammen neben den polierten Lackschuhen aus dem Boden schießen… (Seite 2)



 

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2 Kommentare auf "Die unberechenbare Gefahr"

  1. FDominicus sagt:

    „Mir fällt nichts ein, sorry. Zinsen unten, billiges Geld, wohin man schaut – außer dort, wo es gebraucht würde, bei den Bürgern“

    Nein auch da kann es nur schaden. Der Bürger braucht kein „billiges“ Geld, er braucht „sein“ Geld. Und genau das wird ihm ja nicht zugestanden. Meins ist nur das, was der Staat dem Opfer nach dem Raub lässt. Um später noch mal vorbeizukommen um nochmals zu rauben.

  2. Michael sagt:

    Im Moment zeichnet sich nicht mehr ab als der Beginn des ganz normalen Abschwung alle 7 Jahre und der gilt auch für die Welt. Das krisenhafte Element wird nicht mehr verschwinden. Es war nie weg. Wir sind im 7ten Jahr ‚der‘ Krise, wir sind im 7ten Jahr in dem darüber berichtet wird. Genauso wie die 100 Jahre davor die Aufmerksamkeit vom krisenhaften Charakter unseres Geldsystems wurde abgelenkt. Je weiter Aktien steigen desto größer ist das Krisenpotential. Rauf und runter immer munter.

    Der DAXK und Indu sind an sich harmonisch. Interessant ist der vergleich zum ATX. Erstaunlicherweise treffen sich der Indu und der ATX an Tiefpunkten sehr gerne. Der Indu und damit KDAX sind relativ 60% im Plus auf Startdatum 2004 gesehen. Ist der ATX the New Normal, sprich die Zielvergabe im Rahmen des ganz normalen Abschwungs? Die gute Nachricht ist, DOW und DAXK sind wieder gleich auf 10 Jahre gesehen. Die schlechte ist, dass ein ATX 5% unter 2004 steht.

    Momentan wirkt eher verdächtig, dass eben diese Schwingungen bei der Korrektur so in die 90er Jahre uns katapultierten könnten. DOW auf 100 Jahre im großen Bild. Das deckt sich auch so mit aktuellen ATX Niveau.

    Das jetzt ist ja mal nichts anderes als dass die 20% übertriebene Hoffnung im DAX rausgepustet werden. Da geht es um gar nichts. Je später die Korrektur der Aktienpreise auf eine vernünftiges solides Niveau kommt desto heftiger wird sie. Innerer Wert + zeitnahe Gewinne + ein wenig mehr darf es schon sein. Daumen mal PI 20% bis 30% gemessen am aktuellen Niveau.

    Ich sag mal so. Die Deutschen Familien arbeiten so viel und bekommen wirklich gemessen an anderen Ländern eher wenig Entlohnung für viel Stress. Schießen wir den DAXK auf 10% oder weniger runter, geben allen Deutschen Familien Aktien und treiben den DAXK auf das Niveau vom DOW zurück – zuerst relativ dann absolut. So eine Art Vervierzigfachung schwebt mir vor.

    Finanziert über eine kleine Vermögensabgabe die nur ausgeborgt wird für den Kauf der Aktien. Für den ersten Schritt. Wie lange dauert die Aktion 1ms oder 2 ? Merkt kein Mensch und die Deutschen sind Aktien Fans. Das wäre die Verzehnfachung.

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