Heftige Sturmböen aus Griechenland…

31. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Kaum vereidigt, wirft die neue griechische Regierung alle diplomatischen Gepflogenheiten über den Haufen und legt sich mit EU und den internationalen Geldgebern an. Strategischer Weitblick oder Größenwahn?

Was für ein Jahresauftakt: Erst die unerwartete Freiheit des Schweizer Frankens. Ein paar Tage später der unverhohlene Rechtsbruch der Europäischen Zentralbank (EZB), die nun offenbar wild entschlossen ist, ihr Mandat zu überschreiten, und ab März 2015 Staatsanleihen kaufen will. Dann die Griechenlandwahl mit dem Erdrutschsieg der Syriza-Partei. Und jetzt das:

Das griechische Kabinett ist noch keine drei Tage im Amt, da kommt es schon zum ersten ernsthaften Zerwürfnis mit der Europäischen Union (EU): Beim Besuch von Eurogruppenchefs Jeroen Dijsselbloem am Freitag in Athen kam es zum offenen Streit mit Ministerpräsident Alexis Tsipras und dem griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Stein des Anstoßes: Griechenland will die Zusammenarbeit mit der Troika beenden. Und: Die griechische Regierung verzichtet freiwillig auf weitere finanzielle Hilfen der EU.

Wie bitte?

Bevor man jetzt vor Wut aus der Haut fährt, oder auch in wilden Angsträumen ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone an die Wand malt, sollte man sich eines bewusst machen: Alexis Tsipras ist gerade dabei, ein zentrales Wahlversprechen umzusetzen. Denn genau aus diesem Grund hatten viele Griechen Syriza gewählt: Weil die Partei versprochen hatte, das Spardiktat der EU zu beenden und die Troika in die Wüste zu schicken. Genau das passiert jetzt.

Doch dass die neue griechische Regierung nun sogar Hilfsgelder der EU ausschlagen will, ist natürlich ein „starkes Stück“. Damit hatte in dieser Form wohl niemand gerechnet – außer Tsipras selbst.

„Unerhört“ ist auch, dass Politiker nach einer Wahl offensichtlich das tun, was sie zuvor angekündigt hatten. Das sind die Menschen in Europa gar nicht mehr gewohnt. Erst recht nicht die Medienschaffenden, was man den aufgeregten Kommentaren am Freitagnachmittag unmittelbar nach den Ereignissen in Athen entnehmen konnte.

Angst und Panik waren geradezu mit Händen zu greifen.

Dabei ist die saftige Ohrfeige für die Troika nicht die einzige Überraschung der neuen griechischen Regierung: Der geplante Verkauf eines 65-prozentigen Anteils am Gasversorger DEPA wurde in dieser Woche ebenso abgesagt, wie die Privatisierung des Hafens von Piräus. „Auf keinen Fall werden wir DEPA an irgendjemanden verkaufen, egal wer es ist,“ gab sich Energieminister Panagiotis Lafazanis kämpferisch.

Auch ein geplantes Goldminen-Projekt im Norden des Landes wird gekippt. „Wir sind strikt gegen den Verkauf und werden die nächsten Schritte prüfen“, polterte Lafazanis. Das Projekt war eines der Lockangebote der Vorgängerregierung, um ausländische Investoren ins Land zu holen.

Die Privatisierung von Staatseigentum ist eine der Auflagen der internationalen Geldgeber für ihre Finanzhilfen an das hoch verschuldete Land. Das passiert tagtäglich, im Großen wie im Kleinen, was es aber nicht besser macht: Banken geben Geld, das sie aus dem Nichts erschaffen, und reißen sich dafür echte Werte wie Bodenschätze, Rohstoffe, Immobilien und Ländereien unter den Nagel. Dass die neugewählte Regierung in Athen das griechische Tafelsilber nun nicht den Banken in den Rachen werfen will, ist ein maximaler Affront gegen die Finanzindustrie. Daher auch die helle Aufregung in der Medienlandschaft.

Doch aus Sicht des griechischen Volkes sind diese Schritte nur zu begrüßen. Denn niemandem sonst als den Griechen, und nur den Griechen, gehören die Bodenschätze des Landes. Es wurde höchste Zeit, die so genannten „Geldgeber“ einmal an diese Wahrheit zu erinnern. Tsipras stoppt jetzt den Ausverkauf Griechenlands. Das ist mutig und verdient höchsten Respekt.

Es ist übrigens das gleiche Vorgehen, mit dem Russlands Präsident Wladimir Putin den Westen gegen sich aufgebracht hat: Seit Putin die Selbstverständlichkeit klar gemacht hat, dass russisches Öl und Gas den Russen gehört, und niemandem sonst, wird er im Westen dämonisiert. In allen Fragen rund um die Ukraine-Krise gilt es diesen Aspekt zu berücksichtigen.

Mit Blick nach Athen ist nun noch ein anderer Punkt von Bedeutung: Die Entschlossenheit, mit der die neue griechische Regierung ans Werk geht, mit der sie alle diplomatischen Gepflogenheiten über den Haufen wirft und ohne mit der Wimper zu zucken EU und Finanzindustrie vor den Kopf stößt, lässt nur zwei Schlüsse zu:

Entweder das neugewählte Kabinett besteht aus lauter Wahnsinnigen, die nicht den Hauch einer Ahnung davon haben, welche Konsequenzen ihre Beschlüsse haben könnten, sollte Griechenland tatsächlich weiterhin im Euro bleiben wollen.

Oder aber, und das ist die wahrscheinlichere Alternative, die Tsipras-Regierung weiß sehr genau, was sie tut und hat einen „Plan B“ in der Hinterhand, den sie beizeiten ausspielen wird. Nach Lage der Dinge kann dieser „Plan B“, so er denn wirklich existiert, nur der Abschied vom Euro und die Einführung einer eigenen griechischen Währung sein.

Die gute Nachricht: Über einen möglichen Schuldenschnitt müsste sich dann niemand mehr Gedanken machen. Die Milliarden, die mittlerweile nach Griechenland geflossen sind, wären in diesem Fall nämlich futsch.

Das beantwortet auch die Frage, was von den Einlassungen einiger Finanzexperten zu halten ist, die Anlegern in dieser Woche vollmundig zu Griechenland-Investments geraten hatten.

Wer sich jetzt unbedingt eine blutige Nase holen möchte, der kann den Ratschlägen von Anleiheinvestor PIMCO und Nobelpreisträger Robert Shiller natürlich ruhig folgen. Wer dagegen etwas mehr Weitblick besitzt, der hält sich mit Griechenland-Investments jetzt zurück, bis klarer geworden ist, welche Trümpfe Alexis Tsipras und seine Mannschaft noch in der Hinterhand haben. Russland und die Öl- und Gasvorkommen vor der griechischen Küste könnten dabei eine zentrale Rolle spielen.

Alles ist möglich…

Andreas Hoose –  Antizyklischer Börsenbrief



 

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5 Kommentare auf "Heftige Sturmböen aus Griechenland…"

  1. argus sagt:

    Herrlich, das macht mir Hoffnung auf eine bessere Welt, ich hoffe die griechische Bewegung wird ihre Wellen auch in Madrid , in Rom und in Dublin schlagen.
    Das Volk will nicht aus Brüssel regiert werden, von Menschen, die nicht vom Volk gewählt sind und ausschließlich den Banken dienen. Ich hoffe nur, dass Alexis Tsipras nichts „passiert“, doch ich halte ihn für gewieft genug, sich die richtigen Verbündeten mit ins Boot zu holen.
    Spannend ist die Entwicklung bei den Hellenen allemal, das Volk atmet auf, die Besatzung der Troika ist beendet, die werden erst einmal einen Freuden-Sirtaki auf`s Parkett legen…..

  2. Michael sagt:

    Es handelt sich vermutlich um ein bereits vor langer Zeit auf europäischer Ebene beschlossenes Vorgehen, das jetzt als mediale Inszenierung wird abgespult. Politische Projekte – wie der EURO – enden als politische Inszenierung.

    Ich kann mir persönlich auch nicht vorstellen, dass Deutschland so dämlich ist und die Exporte herschenkt. Dahinter stand bestimmt eh die Abwägung von hohen Risken für die deutsche/europ. Bankenlandschaft, Kuschelbegriff für Finanzindustrie, zum damaligen Zeitpunkt und den verkraftbaren Konsequenzen aus Forderungsausfällen zu einem späteren Zeitpunkt.

  3. stonefights sagt:

    Ich denke, am Ende wird es so ausgehen: http://www.illuminatigamerevealed.com/028-bermuda-triangle.html
    (Man beachte die Farben des Dampfers 🙂 )
    Und was viele hier tun, ist sich ihre Mauer aufzubauen: http://www.illuminatigamerevealed.com/075-currency-speculation.html
    😉
    lg, stonefights

  4. Reiner Vogels sagt:

    Das mit dem Plan B ist vermutlich richtig.

    Die Frage ist allerdings, ob es der Große Bruder jenseits des Atlantik dazu kommen lassen wird.

    Mit anderen Worten: Der eigentliche Trumpf, den Griechenland in der Hand hat, ist die Option, sich auf lange Sicht fort von EU und NATO (!) zu orientieren und sich auf Rußland zuzubewegen. Tsipras hat bei seinem Besuch in Zypern Anfang der Woche ja von der Wichtigkeit Griechenlands und Zyperns für die Stabilität im Südosten Europas gesprochen. Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl, der auf diesen Trumpf in kaum verhüllter Form hinweisen sollte.

    Und der Vorsitzende der Unabhängigen Griechen, die mit Syriza die Koalition bilden, hat schon darauf hingewiesen, daß Griechenland und Rußland durch die gemeinsame Orthodoxe Kirche verbunden sind. Das ist eine religiöse und kulturelle Verbindung, die über 1000 Jahre alt ist und auf die Reichsteilung unter Kaiser Konstantin zurückgeht. Man soll solche Traditionen nicht unterschätzen. Allen handelnden Politikern in Rußland und in Griechenland dürften sie stets vor Augen sein.

    Wenn aber wirklich diese Option am Horizont der Verhandlungen erscheinden sollte, dann, so bin ich sicher, wird Washington intervenieren. Die USA werden alles daransetzen, daß ihre europäischen Satrapien es nicht dazu kommen lassen. Sie werden insbesondere Deutschland ein Angebot zu machen versuchen, das es nicht ablehnen kannn.

    Die spannende Frage wird sein, ob die Satrapen wie bisher gehorsam bleiben und die Befehle aus Washington befolgen oder ob sie aus Angst vor innenpolitischem Erdrutschen (AfD, Front National, UKIP, Wilders, Wahre Finnen) ihre Taschen geschlossen halten.

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