Hebeln wird olympisch

22. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Bankhaus Rott Vor einiger Zeit waren so genannte Bankenstresstests in aller Munde. Nach den neuerlichen Staatshilfen für französische, italienische und holländische Banken ist es an der Zeit einen Blick auf die aktuelle Eigenkapitalausstattung europäischer Institute zu werfen. Das Ergebnis ist wenig erheiternd…

Die Berichterstattung vieler Medien nicht nur zum Thema Wirtschaft lässt sich oft nur mit einer dämpfenden Dosis Halbschlaf oder einer guten Humorausstattung ertragen. Da plaudern Radiomitarbeiter mit nachlässig überschminktem Unwissen über die Vorgänge an der Börse. Sie lassen Anleger „beherzt zugreifen“, suchen und finden in den Überschriften der Gazetten nach vermeintlichen Gründen für jede noch so unbedeutende Kursbewegung und foltern die Hörer mit orwellsch anmutenden Erfolgsmeldungen von „geringer als erwarteten“ Wirtschaftsschrumpfungen. In der binären Urteilswelt der guten Laune lautet die Ägide: Wer nicht schon heute pleite ist, befindet sich auf einem guten Weg …

So sehen sie aus, die wirtschaftlichen Erfolge der Neuzeit. Es breitet sich ein planwirtschaftliches Flair aus, in dem die Bereitschaft, jede dpa-Meldung ungeprüft zu schlucken, als Optimismus ausgelegt wird. Beim Blick auf die nicht verbesserte Situation des europäischen Bankensektors würde sich für die Leitartikler die Überschrift „Europäische Banken können Hebel aufrecht erhalten“ anbieten. In der Welt der Risikogewichtung gemäß Basel Akkord mag zwar der eine oder andere beflissen nicken. Wer sich jedoch für die echten Risiken eines Sektors interessiert, der gemessen am BIP viermal so groß ist wie der in den Vereinigten Staaten, dem ist nicht nach Jubel zumute.

Den letzten Tabellenführer der Hebel-Meisterschaften (siehe Artikel von 2011), die belgische Dexia, hat es bekanntermaßen bereits erwischt.

Mit steuerfinanziertem Eigenkapital sowie zusätzlichen Garantien in Höhe von mehr als 50 Milliarden Euro wurde nicht nur der Kollaps sondern leider auch eine machbare Abwicklung der Bank durch die Politik verhindert. Nach dieser Stützung rücken nun die Credit Agricole aus Frankreich und ein Türmchen aus Frankfurt an die Spitze der Liste der am stärksten gehebelten privaten europäischen Finanzinstitute.

Hier die aktuellen Daten. Alle Werte beziehen sich auf das Jahresende 2012 bzw. das Datum der neuesten auf Bloomberg verfügbaren Zahlen. Dargestellt sind das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme, der echte Hebel, sowie die so genannte Kernkapitalquote gemäß Basel Richtlinien.

Die Grafik zeigt, wie sehr die Basel-Quoten die echten Risiken verharmlosen. Nur weil eine Anlage ein geringes Risikogewicht hat, also nicht oder nur mit sehr wenig Eigenkapital unterlegt werden muss, kann sie natürlich trotzdem ausfallen. Ein einfacher Sachverhalt, der überraschenderweise auch einige Branchenverteter zu überfordern scheint.

Das mag an der Bezeichnung „Risikogewichtung“ liegen, suggeriert dies doch, dass hohe Risiken höher gewichtet werden, was ja zunächst plausibel klingt. Die Sache hat zwei Haken. Zum einen können schon kleine Fehler bei der Risikoeinschätzung auf Grund des nur marginalen Kapitalpuffers und aufgeblasener Positionen böse Folgen haben. Zum anderen ist schwer nachvollziehbar, wie Risiken vermindert werden sollen, wenn vermeintlich unproblematische Papiere in praktisch unbegrenzter Höhe erworben werden können... (Seite 2)


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