Hat man nun Bitcoin, Cash oder einfach beides?

15. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Wem die läppischen Bewegungen an den Aktienmärkten zu langweilig sind, der fühlt sich vermutlich in mancher Crypotwährung wohl. Die letzten Tage zeigten, wie auch dieser Markt von den Aussagen einzelner durchgeschüttelt werden kann. Party und Kopfschmerzen reichten sich stündlich die Hände…

Die letzten Wochen waren für die Freunde von bitcoin & Co überaus unterhaltsam. Auslöser war die zunächst geplante, dann aber abgeblasene erneute Aufspaltung (fork) der Bitcoin-Blockchain. Eine solche Abspaltung hatte es zuletzt mit bitcoin cash gegeben (BCH). Dieser enge Verwandte des bitcoin ermöglicht ein schnelleres Abarbeiten von Transaktionen und wird daher als ein wichtiger Schritt in Richtung verbesserter Nutzbarkeit aufgefasst. Wie viele andere Cryptowährungen darf man wohl sagen, dass der „echte“ bitcoin in seiner jetzigen Form für einen auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Zahlungsverkehr nicht geeignet ist. Bei bitcoin cash ist die Ausgangslage schon besser, so dass dessen zunächst zurückhaltende Aufnahme trotz aller Schwächen durchaus verwunderlich ist.

Eine Bemerkung von Tom Zander, verantwortlicher Manager bei Bitcoin classic, der sich für Anpassung des Bitcoin-Protokolls ausgesprochen hat, sorgte nun für wilde Turbulenzen. Geplant war eine Veränderung der Software um die Skalierbarkeit des Protokolls zu erhöhen (für Interessierte: SegWit2x). Diese Änderung hätte auch für den bitcoin eine höhere Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Anzahl von Transaktionen pro Zeiteinheit mit sich gebracht. Nach der Absage dieser Anpassung rief Zander die Nutzer zum Wechsel hin zu bitcoin cash auf, ein Ruf, dem viele offenbar umgehend zumindest temporär folgten.

Wichtig für unbedarfte Nutzer und Spekulanten: Bitcoin Classic ist nicht der „bitcoin“. Es ist eine Abspaltung aus dem Jahr 2016, die es schon damals zum Ziel hatte, die Alltagstauglichkeit des bitcoin zu verbessern. Das ist das, was der später abgespaltene bitcoin cash trotz aller Probleme umgesetzt hat. Das ist der Grund, warum Tom Zander zur Nutzung gerade von bitcoin cash rät. Sollte sich dieser durchsetzten hätte dies auch für den „normalen“ bitcoin wohl dramatische Konsequenzen. Wer investiert ist sollte sich rasch darüber Gedanken machen, wie er die Lage einschätzt. Wer seine ganze digitale Habe in bitcoin investiert hat, sollte zumindest über die Vorteile der guten alten Diversifikation nachdenken.

Die unmittelbaren Konsequenzen der Aussage Zanders auf die Handelbarkeit von bitcoins und für die Transaktionskosten innerhalb des Bitcoin-Netzwerks waren enorm. Exodus, einer der bekanntesten Wallet-Anbieter versandte folgende Statusmeldung:

November 12th, 2017 @ 12:55 PM Pacific Time: With the recent run of Bitcoin cash and the highest Bitcoin fees we have ever seen, our team continues to notice Bitcoin transactions and exchanges taking much longer than expected to complete. Currently we are seeing Bitcoin transactions, including Bitcoin exchanges, take over 72 hours to settle. For reference, in the past, we see most Bitcoin transactions complete in under 60 minutes.

72 Stunden statt 60 Minuten, damit ist man temporär wieder im Zeitrahmen einer nachmittäglichen Überweisung von der Sparkasse zur Privatbank.

Auch die Kurse schwankten dramatisch als viele offenbar gleichzeitig versuchten von der einen Seite des Bootes auf die andere zu gelangen. Der Kurs des bitcoin kam massiv unter Druck während gleichzeitig der Kurs des bitcoin cash nach oben schnellte. Vom bisherigen Hochpunkt sank der bitcoin innerhalb von drei Tagen um 33% während der bisher kleine Bruder in der Spitze um bemerkenswerte 320% zulegte.

bitcoin cash Chart nach dem Statement von Tom Zander von bitcoin classic

Auf den ersten Einbruch folgte die übliche Erholung im zweistelligen Prozentbereich. Wie weit diese führen wird, darf mit Spannung erwartet werden. Sollten sich auf absehbare Zeit sämtliche Pläne für eine Anpassung des Bitcoin Protokolls zerschlagen haben, kann es durchaus zu einem Favoritenwechsel kommen. Der Marktwert aller bitcoins liegt derzeit bei 75 Mrd. USD, bitcoin cash notiert bei rund 20 Mrd. USD und hat es bereits auf den dritten Platz aller Cryptos geschafft. Das von vielen Banken progagierte token Ripple hat es hinter sich gelassen. Gemessen am Marktwert liegt Ethereum, das nicht als Währung konzipiert ist, noch gut 50% darüber, aber das ist ja mittlerweile nicht mehr als die Kursbewegung eines turbulenten Sonntagnachmittags. Um den bitcoin vom Thron zu stoßen müsste sich bei unverändertem bitcoin-Kurs – eine nicht sonderlich robuste Annahme – der Kurs des bitcoin cash erneut verfünffachen.

Spannend zu beobachten wird auch auch die weitere Diskussion um die Tauglichkeit verschiedener Cryptos als Zahlungsmittel sein. Welches token ist für eine große Anzahl an Transaktionen geeignet, die sehr zeitnah bestätigt werden? Wer will schon einen Kaffee bezahlen und eine halbe Stunde warten? Derzeit gilt neben bitcoin cash vor allem DASH („digital cash“) als ein solches Konstrukt. Im Zuge der neu erweckten Zuneigung zum lange Zeit geschmähten bitcoin cash stieg auch der Kurs des DASH auf ein neues Allzeithoch. Die Marktkapitalisierung von DASH beträgt derzeit lediglich ein Siebtel dessen, was bitcoin cash auf die Waage bringt. Gemessen am noch großen Bruder bitcoin blickt man beim DASH auf nur rund 3% des Marktwertes.

Keine bitcoin Debatte ohne Bubble Debatte. Zum Thema Bubbles, Finanzmarktblasen sei daher noch eines angemerkt. Das Ausmaß irrsinniger historischer Blasen wie der britischen South Sea Company und der französischen Schwesterunternehmung Mississippi Company waren wesentlich größer als dies bei bitcoin und Co der Fall ist. Diese beiden Blasen beliefen sich auf ihrem Zenit auf etwa das 8-fache des damaligen britischen BIP. Auch die Tulpenblase hatte ein anderes Kaliber. In Holland zahlte mancher auf dem Gipfel der Tulpenblase für eine Tulpenzwiebel soviel wie für ein mehr als ordentliches Haus.

(Mike Dash, Tulipomania) “It was enough to feed, clothe and house a whole Dutch family for half a lifetime, or sufficient to purchase one of the grandest homes on the most fashionable canal in Amsterdam for cash, complete with a coach house and an 80-ft (25-m) garden – and this at a time when homes in that city were as expensive as property anywhere in the world.“

Ob etwas Schwachsinn ist muss jeder für sich entscheiden. Wenn etwas aber Schwachsinn ist, dann kann er weiter führen, als dies auch der größte Fan sich vorstellen kann. Ob steil hoch oder rasch bergab, Langeweile wird sich im Cryptoland vorerst wohl nicht einstellen.

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Ein Hinweis zu den Schreibweisen bitcoin und Bitcoin:

bitcoin mit kleinem „b“ bezeichnet eine Einheit der Crypotwährung selbst.

Bitcoin mit großem „B“ bezeichnet das Bitcoin-Protokoll.

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3 Kommentare auf "Hat man nun Bitcoin, Cash oder einfach beides?"

  1. Skyjumper sagt:

    Das Problem welches ich bei allen Kryptowährungen (noch) sehe, ist die mangelnde Akzeptanz im alltäglichen Gebrauch. Selbst der originale Bitcoin (mit nach meiner Wahrnehmung noch dem größten Akzeptanzrahmen) ist eben noch weit davon entfernt einem gut gefüllten Portemonaie oder einer EC-Karte Konkurrenz machen zu können. Die Protokollprobleme (Transfertempo und -kosten) sind da sicherlich eine der Ursachen.
    Die ständige wachsende Flut an Altcoins ist sicherlich auch nicht gerade geeignet die Akzeptanz deutlich ansteigen zu lassen. Bei Geld sind Unsicherheiten (und auch die enormen Schwankungen) nunmal für die meisten Nutzer vollkommen unerwünscht. Dies wird meines Erachtens nach auch letztlich das Ende der Bitcoins und aller Altcoins (nicht jedoch der zugrundeliegenden Technik) bedeuten. Die Technik wird am Ende von den Zentralbanken, also letztlich den Staaten, gekapert werden. Und dann haben wir ein Geld das alle Nachteile des heutigen Giralgeldes mit den Nachteilen von Kryptogeld (= kein Bargeld) vereint.

    Obwohl also ziemlich skeptisch, habe ich im Frühjahr dann doch mal einen kleineren Betrag von € in Bitcoin getauscht. Will man sich dabei nicht „nackt“ im Internet präsentieren, und/oder drastische Gebühren erdulden, ist der Weg zum Erwerb von Bitcoin recht umständlich und vor allem langwierig. Für mein Empfinden durchaus ein Problem bei einer so hoch volantilen „Währung“.
    Hinzu kommt, dass die Verwaltung auf dem eigenen Rechner nicht ganz unaufwändig ist und einiges an Speicherplatz kostet. Aber nur so hat man tatsächlich selbst die Hand auf den Keys. Einer der Vorteile ist dann allerdings, dass ich z.B. sowohl die Bitcoins, als auch die Bitcoin cash habe. Natürlich ohne die Bitcoin casg gekauft zu haben, sondern einfach durch den Splitt der Blockchain. Die beschriebenen Schwankungen sind (für mich) daher auch nicht so dramatisch. Was die einen (Bitcoin) an Federn lassen mußten, haben die anderen (Bitcoin cash) an Zuwachs gehabt.

    Ich sehe das ganze Thema weiterhin als kurzweiliges Entertainment und als eine faszinierende (Zukunfts)Technik die man gut beobachten sollte. Für ein ernsthaftes Investment ist es (für mich) allerdings ungeeignet.

  2. RealTerm sagt:

    Muss jetzt erst einmal die 450 M€ für den Salvatore Mundi an Christies abdrücken. Den Salvatore nagele ich im Esszimmer neben dem Pirelli-Kalender an die Wand, danach schau ich mit mal das Bitcoin-Gedöns an.

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