Börse: Hat die Verkaufsphase begonnen?

31. März 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Je länger ich auf dieser Erde weile, desto mehr frage ich mich, was mit dieser Rasse passiert ist, die angeblich den Planeten beherrscht. Wobei ich nicht Fliegen, Ameisen oder Kakerlaken meine…

Die sind zwar zahlreicher als der Mensch, jedoch deutlich weniger organisiert. Soweit wir wissen, zumindest. Wie kann es sein, dass eine Rasse aus Pfuschern, Verschiebern, Beschönigern und Wegguckern imstande ist, sich zu behaupten? Immer öfter erlebe ich, wie Menschen in meinem nicht allzu kleinen Bekanntenkreis Pläne schmieden, Beschlüsse fassen, ihr Leben mal so richtig neu ordnen und umkrempeln wollen … und es dann doch wieder mal nicht tun. Das muss früher anders gewesen sein. Sonst würden wir immer noch in Erdlöchern hausen.

Aber ich erlebe auch, dass solche Entschlüsse und Entscheidungen, nachdem sie zum fünften oder zehnten Mal allen kundgetan wurden, die es nicht wissen wollen, dann doch – ob halbherzig oder nicht, ist eine andere Frage – in die Tat umgesetzt werden. Da geht es darum, endlich mal wieder Freunde zu treffen, die man jahrelang nicht gesehen hat. Es geht um Abnehmen, Rauchen aufhören, Sport treiben und gesunde Ernährung. Es geht um den Umgang mit anderen, die eigene Lebensweise …. und es geht um die eigenen Finanzen. Und da wird es nun langsam interessant.

Dass sich so viele Menschen wie in Zeitlupe durchs Leben bewegen, während sich die Realität im Zeitraffer wandelt, ist ein Grund, warum immer mehr das Gefühl haben, irgendwie den Anschluss zu verpassen. Das Dumme dabei ist, dass sie dieses Gefühl nicht haben, wenn es um die Börse geht. Da bleibt diese Angst, zu spät zu kommen und/oder etwas zu verpassen, den Tradern vorbehalten, die naturgemäß zu den eher flexiblen und reagiblen Zeitgenossen gehören. Der „normale“ Anleger indes, der, der Fonds, Versicherungen, Hedgefonds etc. Monatlich oder quartalsweise mit Geld versorgt oder sich selbst ab und an ein paar Aktien ins Depot hebt, gehört zur passiven Gruppe, die nicht nur den Affenzahn, mit dem an den Börsen die Vorzeichen wechseln, nur als wirres Flimmern wahrnimmt, sondern auch an die Börse herangeht, als wäre sie ein Aspekt im Leben wie jeder andere.

Konkret bedeutet das, dass diese Gruppe, die trotz ihrer Passivität aufgrund regelmäßiger monetärer Zuwendungen an institutionelle Investoren einen entscheidenden Anteil daran hat, dass der Hausse über die letzten fünf Jahre nicht der Sprit ausging, die Lage an den Börsen beurteilt, als wollte sie die Tragfähigkeit einer Leiter oder Brücke prüfen. Je länger sich ein solches Teil im Gebrauch bewährt hat, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass das Ganze hält … desto eher kann man sich selbst also auch mal darauf wagen. Was die Börsen angeht, eine fatale Denkweise, denn dort muss man in vielerlei Hinsicht das Gegenteil dessen denken und tun, wie es im „normalen“ Leben richtig wäre.

Aber geht es ihnen nicht auch so? Immer öfter höre ich von immer mehr Menschen, dass die Aktien gerade gut laufen. Dass man da doch jetzt doch mal mitmachen sollte. Das sind meist die, die mir das schon vor drei oder vier Jahren sagten und es nie getan haben. Weil da war ja noch Krise. Und jetzt ist wieder alles gut. Ich enthalte mich dann nicht meist, sondern immer jedweder Kommentare. Was soll ich auch sagen? Die große Masse der Menschen nimmt nur das wahr, was sie wahrnehmen will. Da nun mit von der Gegenseite nie zur Kenntnis genommenen Fakten daherzukommen um zu zeigen, dass die Krisen nie bereinigt wurden und gerade jetzt nach fünf Jahren Hausse die große Gefahr besteht, ausgerechnet nahe am Topp einzusteigen … weil genau diese Denkweise seit jeher vor einer großen Trendwende auftauchte … ist vergebliche Liebesmüh. Manch einer steigt dann erst recht ein. Erstens, weil man denen von der Börse eh nicht trauen kann und die einen nur um die Chancen bringen wollen. Zweitens, weil diese komischen Gegenargumente doch nicht stimmen können, jetzt, wo wir im Fernsehen doch sehen, dass die Arbeitslosigkeit besiegt ist, die Staatshaushalte Gewinn machen, Europa solide wächst und die Zinsen so niedrig sind, dass sich jeder alles leisten kann.

Tja, die heile Medienwelt hat, nachdem sie jahrelang unaufhörlich in die Köpfe der Menschen getreten wurde, nachhaltige Wirkung. Diese so massiv erzeugte Fata Morgana vermeintlichen Glücks und Sicherheit hat seine Zeit gebraucht, um sich in den Köpfen der passiveren Menschen einzunisten. Aber jetzt müsste immens viel passieren, um sie da wieder heraus zu bekommen. Und hinzu kommt: Im Gegensatz zu 1999/2000 oder 2006/2007 ist es diesmal weniger die die Gier, die jetzt neue Käufer an die Aktienmärkte treibt. Es ist diesmal das niedrige Zinsniveau in Kombination mit dem Eindruck, dass der Aktienmarkt nicht gefährlich sei. Was fünf Jahre steigt, steigt nochmal fünf Jahre. Ist doch logisch.

Wer diese Kolumne liest, weiß, dass das Gegenteil richtig ist, deswegen tue ich es Ihnen, verehrte Leser, nicht an, nochmal lang und breit auszubreiten, warum. Zumal das auch in vielen anderen Kolumnen der letzten Zeit thematisiert wurde (ein kleines Archiv über gut ein Jahr finden Sie auf meiner Website www.baden-boerse.de im Bereich Kolumnen).

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Es macht zwar einen Unterschied, ob es nun wie früher die Gier oder heute das Gefühl vermeintlicher Sicherheit nebst fehlender Alternativen ist, das die Menschen nun auf die Idee bringt, Aktien zu kaufen. Denn der Ansturm verteilt sich mehr über die Zeit und ist in jedem Fall geringer als in früheren, vergleichbaren Phasen. Aber die großen Adressen sind um jeden froh, der ihnen auf diesem Niveau ihre Bestände zu verringern hilft. Selbst, wenn es über Fonds oder Sparpläne ist – Hauptsache, man kann die eigenen Bestände verkleinern. Denn dort weiß man natürlich sehr wohl, wie schmal der Grat ist, auf dem die Börsen momentan balancieren. Und wie wenig es nun noch braucht, um gerade die Aktienmärkte in eine fatale Lage zu bringen. Denn bereits jetzt klemmt es beim Umsatzwachstum der Unternehmen, bei einigen auch schon beim Gewinn. Und die Entwicklung der Währungsrelationen lässt die Risiken wachsen, während die Pulverkammern der Notenbanken, deren Nullzinsen und Anleihestützungen schon jetzt kaum noch etwas bewirken, leer sind.

Da ist ein solcher Übergang von den „sicheren Händen“ der Profis in die „zitternden Hände“ der weniger bis gar nicht erfahrenen Privatanleger immer wieder genau die Gelegenheit, um denen das Zeug zu Höchstpreisen in die Hand zu drücken, bevor es ungemütlich wird. Immerhin sind nicht nur mal wieder genau fünf Jahre um – also die Zeitspanne, die die meisten Haussen seit Anfang der 80er Jahre dauerten.

Auch die schwer übersehbaren Tendenzen zu Toppbildungen bei den wichtigsten Indizes – siehe die begleitenden Charts – deuten an, dass es womöglich langsam Zeit werden könnte, sich in Sicherheit zu bringen, während die gutgläubigen Käufer von all diesen Risiken dank der „Rosa-Brille-Politik“ der Medien nichts oder wenig ahnen. Aber … eine typische Distributionsphase wird es diesmal dennoch nicht geben können, denn… (—> Seite 2)


 

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Ein Kommentar auf "Börse: Hat die Verkaufsphase begonnen?"

  1. Michael sagt:

    Schaut alternativlos aus? Im großen Bild ist Alternativlosigkeit keine Gute Idee.

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