Hase und Igel

9. September 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Ist man an den Aktienmärkten momentan nur Zaungast oder gar ein Laie, dann ist es durchaus verständlich, wenn man sich angesichts des folgenden DAX-Charts darüber wundert, warum die Marktteilnehmer, die Händler und unsereins Börsenbriefautoren momentan dauernd die Krise kriegen. Nicht, dass man nicht außerhalb der Börsensäle eine ausgewachsene Krise hätte, die grundsätzlich nicht für steigende Aktienmärkte sprechen würde…

Das ist für diejenigen, die sich an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen orientieren, natürlich ein Problem, ist aber andererseits nichts Neues. Und bis zu einem gewissen Grad lassen sich steigende Aktienmärkte aufgrund der alles andere als verlockenden Zinsniveaus in den noch als sicher geltenden Bereichen der Anleihemärkte auch nachvollziehen. Und selbst wenn nicht – dass die Börsen ihre eigene Logik haben, muss man nun einmal zur Kenntnis nehmen und akzeptieren, denn das ist seit jeher nicht anders gewesen. Nein, das Problem ist ein ganz anderes..

Was hier im DAX so aussieht wie ein völlig unkomplizierter Aufwärtstrendkanal (Chartquelle market maker pp4), ist alles andere als unkompliziert. Im Nachhinein weiß man natürlich immer alles besser. Da stellt man sich einfach vor diesen Chart und sagt: „Ist doch alles ganz einfach. Unten einsteigen, jeweils oben Gewinne mitnehmen oder Short gehen, unten wieder Long gehen – fertig.“ Aber ja doch. Wer diese Phase der letzten drei Monate als Marktteil-nehmer mitgemacht hat, kriegt bei solchen Sprüchen die kalte Wut. Denn wenn man mal genauer hinsieht, sieht man zum Beispiel, dass die ursprüngliche obere Begrenzung des Trendkanals zuvor niedriger lag. Sie wurde Anfang August nach oben durchbrochen, aber nie wirklich mit Schwung. „Oben“ war also, während dieses Chartbild entstand, durchaus relativ.

Die gute alte Faustregel, an der 200 Tage-Linie einzusteigen und einfach entspannt knapp darunter einen Stoppkurs zu setzen, hätte sich zwar Ende Juli als richtig erwiesen. Anfang und Ende Juni wäre das aber ganz schön in die Hose gegangen. Und hinzu kommt, dass „unten einsteigen“ ja zu Beginn des Trendkanals alleine deswegen nie möglich ist, weil es diesen Kanal zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht gibt. Erst nach einem zweiten Tief, das wir hier Ende Juni gesehen haben, kann man überhaupt eine erste Trendgerade einzeichnen, wobei diese noch völlig unbestätigt ist. Zwei Punkte im Chart miteinander zu verbinden, das kann man ja immer und überall. Sie wird erst dann bestätigt, wenn es einen dritten Punkt gibt, an dem diese Trennlinie berührt wird und hält. Das war erst Ende Juli der Fall. Gut, da wäre man eben Ende Juli Long gegangen und hätte die Bewegung nach oben mitgemacht, könnte der Außenstehende sagen. Aber …

… diejenigen, die aktiv dabei waren, kriegen bei diesen Aussagen eine Krise. Denn dieser Tageschart zeigt das eigentliche Problem nicht. Dieses Problem liegt darin begründet, dass jemand, der als normaler Anleger abends nach der Arbeit auf die Kurse schaut, bei diesen Kursbewegungen, ob es beispielsweise der Sprung über die 200 Tage-Linie Ende Juni oder die Verteidigung dieser Linie Ende Juli war, bereits vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Die Notierungen sind in einer dermaßen extremen Geschwindigkeit nach oben gelaufen, dass der Großteil dieser Bewegung bereits nach wenigen Stunden zu Ende war, zumal der Kursanstieg des jeweils zweiten Tages zum Großteil bereits am ersten Tag nachbörslich vollzogen wurde.

Hinzu kommt, dass diese Rallyes nicht nur zu völlig überraschenden Zeitpunkten innerhalb eines Handelstages aus dem Nichts entstanden, sondern auch keine vernünftige Begründung hatten. Es sei denn, man sieht monatelange Hoffnungen auf letzten Endes die Grundproblematik der Krise nicht tangierende Anleihe-Kaufprogramme als begründetes Argument für blitzartige Kursschübe an. Der normale Anleger zweifelt daher verständlicher-weise an einem solchen Kursanstieg und will erst einmal sehen, ob sich das Ganze auch wirklich hält. Wenn er zu vertrauensselig war, bekam er nur wenige Handelstage später durch kräftige Kurseinbrüche ordentlich eins auf die Mütze, wobei dabei jedes Mal ein auch nur einigermaßen vernünftiger Stoppkurs gebrochen worden wäre. Selbst der relativ kleine Rücksetzer Anfang August reichte aus, um die meisten Stoppkurse zu unterschreiten. Was dazu führte, dass man mehrmals „oben“ einsteigen musste, um danach mit Verlust wieder ausgestoppt zu werden. Soweit zu einem „einfachen“ Aufwärtstrendkanal. Ein normales, sprunghaftes Auf und Ab gehört zu den typischen Problemen, mit denen man als Anleger versuchen muss, fertig zu werden. Aber… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Hase und Igel"

  1. stephan sagt:

    Die Börse ist aus den von Herrn Gehrt genannten Gründen überhaupt nichts mehr für Laien, die sich nicht Vollzeit damit beschäftigen können. Aber selbst wenn, ist man als Laie der Letzte in der Informationskette und damit der Gelackmeierte. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber ich behaupte mal, das ist die Regel.

    Letztlich hilft dagegen nur eine Glättung der Einstandskurse durch regelmäßiges Investieren. Allerdings hilft das auch nicht in einem Zickzack-Markt, wie wir ihn im DAX etc. schon seit Jahren haben. Dann landet man im besten Fall bei einem ausgeglichenen Ergebnis.

    Die Glättung funktioniert nur in einem Markt, dessen Trend intakt ist. Zum Beispiel bei Gold seit dem Jahr 2000.

    Die ganze Herum-Traderei bringt dem Normalanleger gar nichts und verdient nicht die Bezeichnung „Geldanlage“, sondern „Zockerei“.

  2. Futur sagt:

    Weil es so gut passt:

    Wer noch an „Freie Märkte“ & „Marktgerechte Börsen“ glaubt,

    der glaubt auch an den Osterhasen!

    Viele Grüße
    Futur

  3. katzbuckel sagt:

    Vor tausend Jahren, im Fach „Wirtschaftslehre“ lernten wir, Aktien solle man dann kaufen, wenn es mit dem Laden, der sie ausgibt, aufwärts gehe. Da steigen die Aktien.

    Nun kann man natürlich auch Aktien kaufen, wenn der Betrieb in Erwartung von Gewinnen investiert. Was in diesen Zeiten meist nicht etwa aus Rücklagen geschieht, sondern mittels billiger Kredite. Auch da steigen die Aktien.

    Falls die Investitionen (etwa in Produktionsmaschinen) allerdings am zukünftigen Markt vorbeigingen, weil kein Bedarf da ist, dann gehen die Aktien sehr schnell in den Keller.

    Und so wird es laufen. Ein Feld für Zocker. Aber nicht für Leute wie Sie und mich.

    Ich halte mich an Silber.

  4. DCWorld sagt:

    Herr Gehrt, Sie haben vollkommen Recht. Über den Aktienmarkt und die Kursbewegungen kann man sich nur wundern.

    Zum Thema:
    „An der Börse geht es schon seit längerer Zeit nicht mehr um die Investition. Die meisten Anleger reden von frischem Geld, von der Flutung der Märkte, sie reden von der EZB und FED und hoffen auf weitere Schritte der Zentralbanken. Seit Monaten spielen an der Börse ein gewisser Herr Draghi und ein Herr Bernanke die Hauptrollen. Sie sind in der Lage die Märkte zu bewegen, sie können manipulieren und die Anleger treiben. Wo bleibt da die Investition?“ (Quelle: Start-Trading)

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