Harte Herzen, weiche Birnen

4. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es gibt Menschen, die glauben fest daran, dass die Veränderung der letzten Ziffer in der Jahreszahl am Lauf der Welt etwas verändern würde. Und sie tun das, obwohl sie zwar jedes Mal aufs Neue selbst Vorsätze fassen, die das übliche Schicksal von Heimtrainern teilen…

(die, anfangs intensiv genutzt, binnen kürzester Zeit Staubfänger werden). Interessant ist, dass ich gerade jetzt, zur Jahreswende, so oft wie nie zuvor zu hören bekomme: „Im neuen Jahr werde ich endlich mal mehr an mich selbst denken. Immer habe ich nur für andere gelebt und nie was zurückbekommen. Jetzt bin ich mal dran.“

Noch interessanter war, dass das mit Masse diejenigen waren, bei denen ich nie habe beobachten können, dass sie für andere etwas taten, ohne dabei den eigenen Vorteil im Blick zu haben. Und besorgniserregend ist, dass solche „Vorsätze“ erfahrungsgemäß die sind, die sich am längsten halten. Es dauert länger zu kapieren, dass es sich nicht mehr schön leben lässt, wenn man es sich mit seinem Umfeld verdirbt, als eine Diät oder der Beschluss, das Rauchen aufzugeben, vorhalten würde. Das, genau das, können wir jetzt nicht gebrauchen.

Wir stehen, was den sozialen Frieden angeht, auf der Kippe. Aber leider ist das kaum jemandem bewusst. Mit jeder Generation wird der Grad der Egozentrik größer. Gleichzeitig nimmt dadurch die Fähigkeit ab, im großen Rahmen zu denken. Angefeuert durch die Medien, die uns vorgaukeln, dass es eigentlich jedem ganz hervorragend geht. Denn die zunehmende innere Isolation fördert dadurch die Frustration, dass es im eigenen Leben so ganz anders läuft, als es angeblich für alle anderen gilt.

Die Konsequenz ist eine nur scheinbar existierende Gemeinschaft aus Einzelwesen, die verbissen nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Das erinnert sehr an die EU. Wir verlieren immer mehr die Gemeinschaftsstrukturen. Das birgt ebenso binnen- wie geopolitische Risiken. Und diese Entwicklung erreicht auch die Börsen.

Das zunehmende Verbarrikadieren innerhalb des eigenen Selbst geht nicht mit Optimismus und Zuversicht zusammen. Man ist schneller bereit, etwas fallen zu lassen, wenn es nicht läuft, wie man sich das vorstellt. Und wenn die Perspektiven fehlen, basierend darauf, dass man das Gefühl hat, dass man sich abstrampeln kann, wie man will, es springt nichts dabei heraus, während andere scheinbar mühelos alles erreichen (das ist zwar eine verschwindende Minderheit, aber nicht, wenn man die Außenwelt durch einen Fernseher wahrnimmt), ist dieser Frust ein ständiger Begleiter. Ein Börsenjahr, in dem anfangs viel versprochen wurde, am Ende aber nichts gehalten wurde, ist da schon ausreichend, um eine Hausse zu kippen, die fast sieben Jahre lang vor allem auf blinder Zuversicht und Hoffnung aufgebaut war.

Enttäuschte Erwartungen wiegen in einem solchen Umfeld schwerer als die tatsächliche Eintrübung der weltwirtschaftlichen Perspektiven. Wir haben ja Jahr um Jahr gesehen, dass aufkommende Sorgen einfach durch die Notenbanken mit billigem Geld erstickt wurden.

Die feste Erwartung, dass dieses scheinbare Allheilmittel wirken würde, hat jeden scharfen Kursrutsch der vergangenen Jahre wieder ausgebügelt und viele derjenigen Anleger, die nur auf ihre Gewinne schauen und nicht auf das, was unter dem Teppich verborgen ist, konditioniert wie Pawlow’sche Hunde: Rücksetzer sind Kaufgelegenheiten. Doch bereits im alten Jahr hat dieses scheinbar in Stein gemeißelte Gefüge Risse bekommen:

Erstmals seit Beginn dieser Hausse Anfang 2008 sind die vorherigen Hochs bislang nicht wieder erreicht worden – und die Zeitspanne ist bereits verdächtig groß. Darin liegt die eigentliche Absturzgefahr, das Risiko, dass jetzt die Ladung hochgeht, deren Zündschnur bereits so lange brannte, dass viele davon ausgingen, dass da nichts mehr „anbrennen“ würde.

Wir kennen das ja aus den vergangenen Jahrzehnten. Die Lage trübt sich ein, wird negativ … und die Börsen steigen einfach weiter. Die Wende kommt erst, wenn die Masse denkt, sie käme überhaupt nicht mehr und die Aktienmärkte seien „unkaputtbar“. Die Basis liegt in den „weichen Birnen“, die sich um die tatsächliche Lage nicht scheren, sondern nur auf ihr eigenes Depot bzw. auf die Indizes starren und letztere einfach als Barometer dafür hernehmen, ob noch alles in Ordnung ist.

Solange die Indizes stabil sind, steigt niemand aus. Jeder sagt sich: „Wenn die anderen verkaufen, kann ich ja immer noch aussteigen“. Insbesondere die passiven Anleger, die über Fonds, Pensionskassen etc. anlegen, sind auch, was ihre Rektionsgeschwindigkeit angeht, höchst „passiv“. Man zahlt jahrelang eine Summe zum Monatsende ein, es funktioniert, also macht man damit weiter. Bis …

… nichts mehr dabei herausspringt. Und den Punkt haben wir jetzt. Sehen Sie dabei nicht auf den DAX, der hat immerhin zehn Prozent geschafft. Wobei es womöglich frustrierender ist, vorher mal beinahe 30 Prozent im Plus gestanden zu sein und diese Gewinne dann immer weiter schrumpfen zu sehen, obwohl doch Rücksetzer angeblich Kaufgelegenheiten sind. Aber der Euro Stoxx 50 als Barometer für Gesamteuropa hat nur ein winziges Plus erreicht, Dow Jones und S&P 500 gar keines. Da lauert das Risiko.

Wir haben eine zunehmende Zahl an Menschen, denen die offenbar doch nicht werksseitig eingebaute Zuversicht abhandenkommt, wir haben Fonds, die wider Erwarten keine Gewinne abwerfen. Und diese Fonds fahren gemeinhin so niedrige Barreserven, dass sie nicht umhin kämen, bei einem nennenswerten Mittelabfluss durch frustrierte Anleger ihre Bestände abzubauen … in einen Markt hinein, der größeren Verkaufsdruck nicht auffangen kann.

Das ließe sich nun nur aufhalten, wenn von irgendwoher Zuversicht injiziert wird, die wenigstens die Börsen erfasst. Aber dahingehend fällt mir momentan wenig ein … zumal immer mehr Anleger realisieren, dass all diese Klimmzüge der Notenbanken kaum noch bis gar nicht mehr wirken. Das kann eine Kettenreaktion auslösen, die natürlich auch die Gesamtwirtschaft erfasst … damit das Sozialgefüge weiter in Schieflage bringt. Kann. Muss nicht. Aber …

statt sich mit Sprüchen wie „wenn man positiv denkt, wird alles gut“ zu beruhigen wie mit einem Schnuller, könnte es nicht schaden, sich vom Sofa zu wälzen und sich der Tatsache zu stellen, dass man nicht immer nur bergauf getragen wird und jeder selbst angehalten ist, sich damit auseinanderzusetzen. Wer weiß, dass nach Sonne oft Regen kommt, ist gerüstet … und dann ist jedes Jahr, auch eines, das mit kritischen Vorzeihen beginnt, ein gutes Jahr.
Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt – www.baden-boerse.de
P.S.: Mein Börsendienst SYSTEM22 new opportunities ist wieder für Probeleser offen.

 

9 Kommentare auf "Harte Herzen, weiche Birnen"

  1. EuroTanic sagt:

    „Die Konsequenz ist eine nur scheinbar existierende Gemeinschaft aus Einzelwesen“
    Soweit ich weiss, waren die Neandertaler nicht sehr an einern übergreifenden „Gemeinschaft ala EU, Nato, G7 oderwasweissich interessiert. Für sie zählte wohl eher der nächste Mammutbraten, die Frau, die Kinder und dann noch die Sippe. Sie haben damit ziemlich lange überlegt wie ich meine. Das kann man von uns wahrscheinlich nicht mehr lange erwarten. Vielleicht ist ja was an unserem „Gemeinschaftskonzept“ falsch?

  2. Falkenauge sagt:

    Zitat: „Mit jeder Generation wird der Grad der Egozentrik größer. Gleichzeitig nimmt dadurch die Fähigkeit ab, im großen Rahmen zu denken. … Und diese Entwicklung erreicht auch die Börsen.“

    Sie liegt schon den Börsen und den Aktien zugrunde: Möglichst hohe leistungslose Einkommen erzielen zu wollen, die ja andere erarbeiten müssen, ist höchst egozentrisch. Das wäre einmal des gründlichen Nachdenkens wert, erfordert allerdings die Fähigkeit, im großen Rahmen zu denken.

    • @Falkenauge:
      Bitte bedenken Sie, dass auch Sie irgendwann einmal auf passives Einkommen angewiesen sein werden, dann nämlich, wenn Sie in Rente gehen möchten. Oder gilt Ihre Kritik auch dem Rentensystem? Wohl nicht.
      Vielmehr ist es vielfach so – meiner Erfahrung nach – dass Personen, die in ein öffentliches Rentensystem einzahlen (das scheint bei Ihnen zuzutreffen), sich nicht bewußt sind, dass dies nur dann funktioniert, wenn nach ihrem Ruhestand ANDERE für sie arbeiten.

      Nun gibt es Menschen, ich gehöre dazu, die nicht in ein öffentliches Rentensystem einzahlen und folglich irgendwann einmal von passivem Einkommen aus Unternehmensbeteiligungen, Lizenzen oder Immobilienvermietung leben müssen. Ich kann daran nichts Verwerfliches erkennen. Es ist sogar im Grunde ehrlicher als der Bezug eines passiven Einkommens aus öffentlichen Haushalten, denn ich kann durch geeignetes Agieren mein künftiges passives Einkommen verbessern (und umgekehrt bei gravierenden Fehlentscheidungen sogar leer ausgehen). Das nennt man Chancen und Risiken der Freiheit.

  3. markus sagt:

    Zitat: „Mit jeder Generation wird der Grad der Egozentrik größer.“
    Mag sein, jedoch hat die Babyboomer-Generation diese Egozentrik geradezu befluegelt. Insbesondere sieht man das z.B. an Tarifvertraegen („Guertel enger schnallen: ja, aber primaer die juengeren; fuer die aelteren gibt es Bestandsschutz“), Rentenpolitik (Sonderregelungen fuer aeltere Jahrgaenge). Kein Wunder, dass die demokratische Minderheit der Post-Babyboomer dann nicht mehr glaubt, dass man zusammen mehr erreichen kann. Man ist demokratisch gesehen eh dauerend in der Minderheit.

    • Hans 64 sagt:

      @Wolfgang Rösner

      Eine Empfehlung:

      Befassen Sie sich etwas intensiver mit dem gesetzlichen Rentensystem und dem Umlageverfahren, dann ersparen sie dem kundigen Leser einen argumentativ so seichten Kommentar, wie ihren.

  4. FDominicus sagt:

    Zitat: „Mit jeder Generation wird der Grad der Egozentrik größer.“

    Und die Beweise wären. Könnte es vielleicht sein, daß das Problem die immer weiter gehene Einmischung von Leuten sind, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun hat?

    Könnte die Verbürokratisierung jedes einzelnen Lebens sein? Könnte es das „wir entscheidet“ sein? Könnte es sein, daß es der Wunsch ist sich ohne Arbeit das Eigentum andere Leute anzueignen?

    • Insasse sagt:

      @FDominicus: So ist er der Sozialismus. Vorgeblich wichtige Leute, die aber real niemand braucht, sammeln per staatlichem Zwang Geld von Leuten ein, um diesen – aus ihren eigenen Mitteln!!! – eine künftige und vor allem ungewisse Leistung zu versprechen. Absurder und anmaßender geht es eigentlich nicht. Vor allem aber wollen die Zwangsverwalter ihren eigenen Lebensunterhalt aus diesen abgepressten Mitteln bestreiten, denn selbst sind sie zu faul und wohl auch zu unfähig, ein Einkommen aus eigener Kraft zu erzielen. Immerhin gibt es die Gewissheit, dass sich ein solches System irgendwann selbst zerstört, da immer mehr Parasiten auf Kosten der verbleibenden Einzahler leben wollen. Gelackmeiert sind dann allerdings nicht nur die staatlichen Zwangsverwalter, sondern auch diejenigen, welche ihr Geld in dieses System abgeben mussten. Das nennt sich dann „Gerechtigkeit“.

  5. Argonautiker sagt:

    Wohlmeinende Worte, die wahrscheinlich ebenfalls aus einer Komfortzone geschrieben wurden. Das Blöde ist, daß das Geldsystem ständig neu geregelt wird, und die so neu entstehenden Regeln, den Fluß des Profites immer wieder in die Gleiche Richtung lenken.

    Das wird man so lange tun, bis Die, die am meisten unter diesen Regelungen leiden, sich einen Scheiß um diese Regeln kümmern werden, denn diese Regeln, sind es eben, die Rechte und Pflichten regeln, und den Fluß des Profites so lenken, wie sie ihn lenken. Das hat mit freier Marktwirtschaft einfach nichts mehr zu tun.

    Ich fürchte also, wenn Die, die hier angesprochen sind, aus ihrer Komfortzone aufstehen, wird das nicht lustig, andererseits ist es nun eh zu spät. Man brauchte 2008 Zeit. Man hat sie bekommen, und man hat sie genutzt, und neue Regeln geschaffen. Man hat die Insolvenzverschleppung kurzerhand legalisiert, sodaß man wieder einmal alles so geregelt hat, daß die Folgen des Zusammenbruchs, sich wie immer fügen werden. Der Profit wird in die altbekannte Richtung fließen, und der Verlust auch.

    Das hat mit freier Marktwirtschaft wirklich gar nichts zu tun. Das ist einfach nur widerlich.

    Das ist das gleiche Prinzip welches Merkel verfolgt. Sie spaltet das Land, und wagt es im gleichen Atemzug davor zu warnen, daß sich das Volk nicht spalten lassen soll. Man vollzieht eine Insolvenzverschleppung ungeheuren Ausmaßes, drängt die Menschen in die Börsen, wohlwissend, daß es nur eine Frage ihrer Regelung sein wird, wann der Zusammenbruch erfolgt. Schade, mir fällt leider kein stärkeres Wort, als widerlich ein, wobei das durchaus angebracht wäre.

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