Hang zur Inflation

10. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Im Schuldgeldsystem wird Inflation früher oder später unwiderstehlich, sie wird als die „Politik des kleinsten Übels“ angesehen. Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt verlauten, die Inflation im Euroraum sei derzeit zu niedrig. Mit anderen Worten: Die Geldentwertung sei nicht hoch genug. Wie erklärt sich das?

Die EZB hat sich zur Aufgabe gemacht hat, die Inflation (der Konsumentenpreise) bei etwa 2 Prozent zu halten. Derzeit liegt die Inflation tatsächlich bei etwa null Prozent. Für die Konsumenten ist das sehr erfreulich!

Die Klage der EZB, die Inflation sei zu niedrig, hat einen tieferliegenden Grund. Er ist in der Konstruktion des ungedeckten Papiergeldsystems zu finden, in dem Geld per Kreditvergabe „aus dem Nichts“ geschaffen wird. Es handelt sich hierbei um ein inflationäres System, das für ein Ansteigen der Preise auf breiter Front sorgt: Die Preise der Güter der laufenden Produktion und die der Güter, die in Vorperioden erstellt wurden (Vermögen) steigen.

Problematisch ist dabei, dass der Preisauftrieb sich fortsetzen muss, damit das ungedeckte Papiergeldsystem nicht ins Schlingern gerät. Keinesfalls jedoch dürfen die Preise der Güter fallen. Sonst wird es kritisch.

Überschuldet

Betrachten wir dazu ein einfaches Beispiel. Die Familie XYZ hat ein Haus zu 100 Euro gekauft. Sie verfügt über 20 Euro Eigenkapital und hat einen Kredit in Höhe von 80 Euro aufgenommen (siehe Abb. 1).

polleit-2015-10-09-1Nun fällt der Hauspreis auf 80 Euro (siehe Abb. 2). Das Eigenkapital von Familie XYZ fällt auf 0 Euro. Daraufhin meldet sich die Bank. Sie sagt, die ursprünglichliche Beleihungsgrenze (von 80 Prozent (also Kredit 80 Euro dividiert durch Hauspreis von 100 Euro)) sei nunmehr auf 100 Euro gestiegen.

polleit-2015-10-09-2Die Bank fordert daher Familie XYZ auf, zusätzliche Sicherheiten zu stellen (und zwar in Höhe von 20 Euro). Doch Familie XYZ hat das Geld nicht. Die Bank stellt daraufhin den Kredit fällig. Familie XYZ muss ihr Haus verkaufen.

Geht es vielen Familien so, fallen die Häuserpreise (zum Beispiel auf 50 Euro, siehe Abb. 3). Familie XYZ und auch andere Familien, die ihr Haus mit Kredit und wenig Eigenkapital gekauft haben, sind plötzlich überschuldet: Der Erlös aus dem Häuserverkauf reicht nicht mehr aus, um die Kredite zurückzuzahlen.

polleit-2015-10-09-3In gleicher Weise ergeht es nicht nur den privaten Häuslebauern, sondern auch Unternehmen, die verschuldet sind. Sinkt der Marktpreis ihres Vermögens, geraten sie unter Druck. In einer Deflation – wenn die Preise auf breiter Front fallen – geraten Schuldner in Probleme, werden zahlungsunfähig. Die Kreditgeber – allen voran Banken und Versicherungen, die die Banken finanzieren – erleiden Verluste.

Interesse an Inflation

Die Staaten sind in einer Deflation nicht mehr in der Lage, ihre Ausgaben wie bisher zu leisten. Die Steuereinnahmen schrumpfen. Transferzahlungen (wie Sozialleistungen und Pensionen) müssen reduziert werden. Zudem dramatisiert sich die staatliche Verschuldungslast: Die Steuereinnahmen fallen, der Schuldenstand bleibt hingegen unverändert. Angesichts schwindender Kreditqualität steigen zudem auch die Kreditkosten an.

Diese wenigen Beispiele mögen genügen, um zu verdeutlichen, warum die staatlichen Geldpolitiken alles daran setzen, damit die Preise nicht fallen beziehungsweise dass sich die Preissteigerungen fortsetzen. Und nicht nur das. Im ungedeckten Papiergeldsystem kommt es früher oder später zu einem Inflationsdrang: Die verschuldeten Gruppen entwickeln ein Interesse an „etwas höherer Inflation“.

Denn sind die Schuldenlasten von Staaten, Banken, Unternehmen und Privaten erst einmal groß genug, erblicken viele Schuldner in der Politik der Inflation einen „Ausweg“ aus momentanen Schwierigkeiten. Die Verschuldeten hoffen, dass ihre reale Schuldenlast durch steigende Inflation gemindert wird, dass es ihnen gelingen wird, ihre Schulden mit entwertetem Geld zurückzuzahlen.

Verlockenderweise stellen so manche Ökonomen in Aussicht, eine „etwas höhere“ Inflation wäre nicht schädlich und könnte in Zeiten hoher Verschuldung sogar helfen, die Probleme „in den Griff“ zu bekommen. Das aber ist trügerisch. Inflation führt nämlich nur dann zu einer Entlastung der Schuldner – die auf Kosten der Gläubiger geht – wenn sie überraschend kommt, wenn sie also höher ausfällt als ursprünglich erwartet.

Allerdings lässt sich eine solche „Überraschungsinflation“ jedoch nicht dauerhaft durchführen, beziehungsweise sie würde zu immer höherer Inflation – bis hin zur Hyperinflation – führen und den Geldwert ruinieren.

Ist Inflation noch möglich?

Vielfach ist zu hören, eine Inflation sei heutzutage gar nicht mehr möglich. Es wird darauf verwiesen, dass es eine Unterauslastung der Kapazitäten gebe, dass die Gewerkschaftsmacht gering sei. Diese Sichtweise baut (stillschweigend) auf der Vorstellung auf, dass sich Inflation durch „Kostenschübe“ (wie zum Beispiel steigende Löhne oder steigende Energiepreise) erklären ließe. Doch das kann nicht überzeugen. Dass in einer Volkswirtschaft alle Preise ansteigen, ist ohne ein (vorangegangenes) Ausweiten der Geldmenge nicht möglich.

Inflation ist immer und überall ein monetäres Phänomen. Das Geldmengenvermehren schafft Inflation. Die staatlichen Zentralbanken haben das Monopol der Geldproduktion inne und können die Geldmenge beliebig vermehren. Bislang geschieht das vor allem auf dem Wege der Bankkreditvergabe.

Seit 2007/2008 haben die Privaten und die Unternehmen im Euroraum ihre Neuverschuldung allerdings vermindert. Gleichzeitig sind Banken auch zurückhaltender geworden bei der Kreditvergabe.

Die EZB kauft daher bereits Anleihen und bezahlt die Käufe mit neu geschaffenen Euro. Diese gelangen jetzt in die Hände von Banken und Investoren aus dem In- und Ausland, denen die EZB ihre Schuldpapiere abkauft. Deren Nachfrage nach zum Beispiel Aktien, Anleihen und Immobilien nimmt zu und lässt deren Preise steigen. Es profitieren die Halter dieser Vermögensbestände. Zum Nachteil der Geldhalter, denn die Kaufkraft des Geldes schwindet: Für einen Euro erhält man fortan weniger Aktien und Häuser.

Vorab lässt sich nicht sagen, welche Güterpreise wann und wie stark ansteigen werden, wenn die Geldmenge ausgeweitet wird. Steigen beispielsweise die Immobilienpreise, werden irgendwann auch die Mieten ansteigen. Gewerbe, die eng mit dem Immobiliensektor verbunden sind (wie zum Beispiel die Baubranche), profitieren von steigender Nachfrage und steigenden Preisen für die von ihnen angebotenen Güter und Dienstleistungen.

Man kann sich die Wirkung einer Geldmengenausweitung wie die eines Wasserrohrbruchs im Haus vorstellen: Erst tröpfelt es hier, dann da, und nach und nach sind alle Wände und Decken durchnässt. Bei einer Geldmengenausweitung steigen nach und nach die Preise, erst die einen, dann die anderen, und am Ende sind alle Preise gestiegen.



Monopolisten der Geldproduktion

Dass man im Euroraum der Verlockung des Inflationierens bereits erlegen ist, zeigt die EZB-Politik der letzten Jahre: Sie hat begonnen, die Euro-Staatsschulden zu monetisieren. Nach und nach, Schritt für Schritt. Für verschuldete, politisch einflussreiche Gruppen ist diese Geldpolitik willkommen. Dass man sich von ihr abkehren wird, ist zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, aber doch recht unwahrscheinlich.

Die Erkenntnis ist, dass im Schuldgeldsystem Inflation früher oder später unwiderstehlich für die Verschuldeten wird, sie wird als die „Politik des kleinsten Übels“ angesehen. Die EZB ist der Monopolist der Geldproduktion. Sie kann jede gewünschte Geldmenge schaffen und in Umlauf bringen. Wenn Inflation, auch höhere Inflation, politisch gewollt ist, kann und wird die Zentralbank diesen Wunsch erfüllen.

China und das Gold

China baut seine Fremdwährungsreserven ab (vermutlich vor allem US-Dollar) und seine Goldhaltung weiter aus.

Im September 2015 sind Chinas Fremdwährungsreserven weiter gefallen. Sie belaufen sich jetzt nur noch auf umgerechnet 3,51 Billionen – deutlich unterhalb des bisherigen Rekordwertes von 3,97 Billionen US-Dollar im August 2014. Die lahmende Konjunktur hat vermutlich einen Kapitalabzug aus China in Gang gesetzt. Das übt Abwertungsdruck auf den Außenwert des Renminbi aus. Um jedoch die eigene Währung vor der Abwertung zu bewahren, hat die chinesische Zentralbank (vermutlich) US-Dollar verkauft und damit die eigene Währung aufgekauft. Allerdings scheint der Abwertungsdruck so groß gewesen zu sein, dass China am 11., 12. und 13. August eine Abwertung des Renminbi um insgesamt etwa 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar zugelassen hat. Ob allerdings die bisherige Abwertung ausreichend ist, eine aufgelaufene Überbewertung des Renminbi gegenüber dem Greenback abzubauen, erscheint fraglich, eine weitere Abwertung des Renminbi ist also wahrscheinlich.

Gleichzeitig hat China seine Goldbestände weiter ausgebaut. Offiziell weist das Land in den Statistiken des Internationalen Währungsfonds (IWF) seine offiziellen Goldbestände jetzt mit 54,45 Mio. Feinunzen aus. Im internationalen Vergleich ist das nach wie vor ein recht kleiner Bestand. (Zum Vergleich: In den USA betragen sie 261,5 Mio. Feinunzen, in Deutschland 108,7 Mio. Feinunzen, in Italien 78,8 Mio. Feinunzen und in Japan 26,6 Mio. Feinunzen).

Den offiziellen Statistiken zufolge hat China nach wie vor ein sehr geringes Deckungsverhältnis zwischen der ausstehenden Renminbi-Geldmenge und dem physischen Gold. Allerdings ist an dieser Stelle zu beachten, dass es Stimmen gibt, die sagen, dass China (das Land ist mittlerweile der weltweit größte Goldproduzent) über deutlich mehr Gold verfügt, als bei der Zentralbank offiziell ausgewiesen wird. Dass China aber nicht nur derzeit ein mächtiger Nachfrager auf dem Goldmarkt ist, sondern es auch bleiben wird, ist wahrscheinlich angesichts der wachsenden Probleme im internationalen ungedeckten Papiergeldsystem, für die es eine „natürliche Lösung“ gibt: die Golddeckung des Geldes. Für die Chinesen dürften die aktuellen Goldpreise willkommen sein: Aktuell beträgt der Marktwert der weltweiten offiziellen Goldreserven nur etwa 2 Prozent der weltweiten „breit definierten Weltgeldmenge“. Gold erscheint also nicht „teuer“ zu sein.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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