Halten Sie bloß die Klappe!

19. März 2009 | Kategorie: Kommentare

Es ist allmonatlich ein erheiterndes Ereignis, wenn der ZEW-Indikator bekanntgegeben wird. Das ist eine Umfrage unter 291 Finanzmarktexperten, die es ja eigentlich wissen sollten. Wenn sie nicht blinde Kuh spielen, und das muss man nach den Prognosen der letzten Monate stark annehmen, dann füllen sie monatlich einen Fragebogen aus, dessen Ergebnis meist völlig unerwartet und völlig überraschend daherkommt…

Heute ist mal wieder ein alter Bekannter gleich mehrfach aus der Schublade gesprungen. Mister Unerwartet, der Bruder von Herrn Überraschend, hat heute beim ZEW-Index zugeschlagen. Der stieg nämlich von -5,8 Punkte auf -3,5 Zähler. Sein historischer Mittelwert liegt bei +26,2 Punkten. Doch was heißt schon „historisch“ in einer historischen Zeit…

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hellt sich jedenfalls weiter auf, so eine Schlagzeile aus dem ZEW-Institut. „Experten“ sehen ein Ende des Absturzes.“ Experten – das sind bis zu 350 Finanzprofis, die jeden Monat einen Fragebogen ausfüllen, wenn das ihre Sekretärin oder die Praktikantin nicht schon erledigt hat.

„Nach den Einschätzungen der Finanzmarktexperten geht die Talfahrt der Konjunktur allmählich zu Ende und die Talsohle dürfte im Sommer dieses Jahres erreicht sein. Die Lage ist außerordentlich schlecht, aber es gibt erste Lichtblicke. Sie sollten jetzt nicht kaputtgeredet werden,“ kommentiert ZEW-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Franz.

Nein, man soll jetzt besser mal die Klappe halten… dann wird das auch was mit der Stimmung. Unsere Wirtschaftswelt ist ja zum großen Teil auf Vertrauen aufgebaut, nicht mehr auf Produktion, jedenfalls nicht mehr so sehr wie früher. Das erledigen jetzt die fleißigen Asiaten in 16-Stunden-Schichten. Dort gibt es jetzt auch schon 80 Mio. chinesische arbeitslose Wanderarbeiter, steht in den Zeitungen. Da aber nichts noch Schlimmeres in den letzten Tagen passiert ist, keine Bank umgekippt, keine Empörung zu hören war, schmeckt das Frühstücksbrötchen wieder etwas besser und wenn der DAX auch noch etwas steigt, wirkt das vielleicht wie ein Schnäpschen am Vormittag auf nüchternen Magen. Doch wenn der Aufschwung dann angekommen sein wird, wann immer das auch sein mag, was stellen wir dann eigentlich her? Und wer kauft den ganzen Pluder, der vorwiegend doch im Ausland produziert wird?

Die Erwartungen in der aktuellen Umfrage steigen im März erneut leicht an, legen aber nicht mehr die Dynamik an den Tag wie dies in den vergangenen vier Monaten der Fall war, schreiben die Experten.

Zur Aufhellung beigetragen haben nach Einschätzung von Franz die fallenden Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel sowie die Zinssenkung der EZB. Aber auch die Steuervergünstigungen durch die Wiedereinführung der Pendlerpauschale tragen nach Überzeugung des neuen Chefs der Wirtschaftsweisen dazu bei, dass der private Konsum bislang „sehr stabil“ geblieben ist. Die Erwartungen liegen schon wieder auf dem Niveau von September 2007.

Hust! Da ging doch glatt eine Nebelkerze neben mir hoch. Die Preise für Rohstoffe fallen seit etlichen Monaten. Jetzt kommt also die Wirkung. Fahren wir jetzt alle mehr Auto, und wenn ja – wohin? Auf Arbeit? In den Urlaub? Oder um die Ecke, dass das entstehende CO2 das Wetter endlich besser macht? Auch die erneute Zinssenkung der EZB auf 1,5% ist eine nette Geste, aber die Banken geben das Geld nicht weiter. Das haben inzwischen auch andere Experten eingesehen, obwohl es die meisten bestreiten.

Aber wenn das diesmal 291 befragte Analysten so sagen, wird wohl etwas daran sein. Lehrbuch auf … ja… das könnte passen, und dann muss aber auch die Wirkung einsetzen. Und wehe nicht! Und jetzt hören Sie auf zu meckern! Wie undankbar! Sie gefährden den Aufschwung. Doch dieses Lehrbuch ist falsch geschrieben. Das haben neulich sogar die Wirtschaftswissenschaftler der Hochschule St. Gallen bedauert. Es dauert eben etwas, bis neue Lehren gefunden wurden, die dann die Runde machen. Vielleicht 20 Jahre? Zwischenzeitlich machte heute die Forderung die Runde, dass der Internationale Währungsfonds ein paar hundert Milliarden neues Geld in Umlauf bringen soll. Doch was allein schon die Notenbanken und Staaten weltweit veranstalten, muss den Experten doch positive Erwartungen entlocken.

Ach ja, da wären noch die Steuervergünstigungen durch die wieder eingeführte Pendlerpauschale. Bei wieder steigenden Sparquoten und ein paar gezahlter Euro vom Finanzamt rennt der Bürger jetzt einkaufen, dass wahrscheinlich deshalb mehr und mehr Läden schließen, weil sie dem Ansturm nicht gewachsen sind. Deshalb ist wahrscheinlich ein nie endender Schlussverkauf losgebrochen. Nein, das hat mit der Realität da draußen nichts zu tun, aber mit der Erwartung, dass die Dinge besser werden.

Doch wie werden die Dinge? Besser? Sie werden anders. Die ersten mahnen inzwischen, dass sich die neuen Billionen aus dem Nichts gezauberten Geldes auf eine begrenzte Menge an Sachwerten stürzen wird, was zu einer riesigen Teuerungswelle führt, Guthaben zerstören und den Sparern das Geld wegbrennt. Und wenn sie das merken, dann gehen sie einkaufen. Dann gibt es eine erwartete Erholungswelle. Dann haben wir unseren Aufschwung. Die Indizes quieken vor Freude, und man versucht, für seine Scheine noch etwas zu bekommen, bevor es dann noch teurer wird. Doch das ist Zukunftsmusik, wenn auch schon viel früher geschriebene. Der alte Ludwig von Mises hat dieses Phänomen vor vielen Jahrzehnten mal Crack Up Boom genannt. Was das ist? Sie wissen es nicht? Dann werden Sie es noch kennenlernen…

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