Hallo, aufwachen!

10. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Man bezeichnet mich immer noch in manchen, mir ein wenig befremdlichen Kreisen als von Natur aus pessimistisch, weil bearish. Davon abgesehen, dass man mit dem Einsatz eines Handelssystems nicht grundsätzlich eine Richtung traden kann, ist das Unfug. Wenn ich in den letzten Tagen bzw. Wochen nicht auf diesen Rallye-Zug aufgesprungen bin, sondern im Gegenteil auf meiner Holzkiste im Hyde Park (symbolisch gesehen) vor dem bösen Ende dieser Rallye warne, dann aus zwei allen anderen vorgelagerten Gründen. 1. Ich mache diesen Job nun seit 20 Jahren und bin noch ein paar Jahre länger Börsianer. 2. Ich denke selbst, statt denken zu lassen.

Einfach mal vorweg gefragt, gerichtet an alle diejenigen, die nun davon ausgehen, dass die Herbstrallye nun übergangslos in die Jahresendrallye münden wird: Haben Sie sich eigentlich je gefragt, warum Mitte Oktober, einen Tag vor dem Options-Verfalltermin, plötzlich aus haltlos einbrechenden Aktienindizes haussierende Aktienindizes wurden? Sollte Ihre Antwort lauten, dass man da erkannte, dass die Lage mitnichten grau bis düster, sondern der Himmel voller Geigen hängt, erwidere ich gleich: nein. Das muss man rekapitulieren, also: Was waren die Argumente für diese massiven Verkäufe – und wo sind sie geblieben?

Man fürchtete schwache Quartalszahlen. Als die Kurse wieder nach oben rasten, war man in den Medien voll des Lobes ob herausragender Ergebnisse. Aber sie waren nicht herausragend. Man weiß es doch: In der Regel machen die Kurse die Nachrichten, nicht umgekehrt. In der traurigen Gewohnheit, sich die Kurse anzusehen und dann in den Nachrichtentickern zu suchen, was dazu passen könnte, wurden gute Ergebnisse in den Medien breitgetreten und miese mit einem Nuscheln unter den Tisch gekehrt, kaum, dass die Aktienmärkte wieder stiegen.

Aber wenn man sich mal von dem alten Analysten-Trick des Vergleichs zwischen einer im Zweifel immer rechtzeitig nach unten genommenen Prognose und den dann wundersam diese überbietenden Ergebnissen löst und die Gewinne mit denen des Vorjahres vergleicht, womöglich gar einen Blick auf die Umsatzentwicklung wirft, stellt man fest, dass die angeblichen 75 Prozent der S&P 500-Unternehmen, die besser als erwartet meldeten, zu einem nicht unwesentlichen Teil schlechter meldeten, als es für eine positive Einschätzung nötig wäre. Und immerhin: Es wurden ja auch nicht wenige angeblich gute Ergebnisse mit Verkäufen beantwortet. Dass das nicht auf den Gesamtmarkt durchschlug lag, wie immer in solchen Phasen, daran, dass man um diese Aktien herumkaufte und die Indizes dadurch weiter nach oben zog.

Dann wären da noch die Angstmacher Ebola und Ukraine. Tja, die sind weg. Nicht wirklich weg, im Gegenteil. Aber weg aus den Schlagzeilen und damit aus der Wahrnehmung. Kurzfristig zählt das, was diejenigen, die Rallye „wollen“, sehen wollen. Nicht das, was wirklich Sache ist. Ist es ein Zufall, dass, kaum dass es Ansätze einer Wende gab, Nachrichten über diese Themen aus den normalen News verschwanden?

Ach ja … man hatte ja auch noch Angst vor einer Rezession in der Eurozone. Unser Wirtschaftsminister sagte diese Woche, es bestehe keine Gefahr, dass Deutschland in die Rezession abgleiten würde. Eigentlich sollte man aus Erfahrung wissen, dass dergleichen Aussagen so lange gebetsmühlenartig wiederholt werden, bis wir bis zum Hals in Verdauungsendprodukten stehen. Siehe 2008 – ist gar nicht so lange her. Und eigentlich sollten Daten wie der ifo-Index, der ZEW-Index, die stagnierenden Einkaufsmanagerindizes, die Einzelhandelsumsätze, die Auftragseingänge in der Industrie klar machen, dass an diesem Optimismus etwas faul sein könnte. Aber erneut: Wer will, dass die Aktien steigen, der will nicht an positiven Aussagen zweifeln.

Ach ja, die Notenbanken. Man hatte zutiefst gehofft, dass die US-Notenbank angesichts des Abstiegs in Europa und der wankenden Emerging Markets in ihrem letzten Statement darauf hinweisen würde, dass man ob dieser Entwicklung die Anhebung der Leitzinsen überdenken und ggf. verschieben würde. Doch im Gegenteil, man beharrte noch deutlicher darauf als zuvor, indem man den US-Arbeitsmarkt lobte. Dass die Notenbank ebenso wie die Perma-Bullen einfach vom Tisch wischen, dass 40 Millionen Empfänger von Lebensmittelkarten in den USA nicht so recht zu einem gesunden Arbeitsmarkt passen, kann nicht wundern. Dass sie einen irren Kollisionskurs fährt, nur, um das Trugbild soliden Wachstums in einem Amerika wohlhabender Bürger zu erhalten, wird in dem Moment einfach ausgeblendet, in dem die Aktienmärkte haussieren. Und immer wieder kommt die gleiche Argumentation: Wenn die Aktien steigen, muss doch alles in Ordnung sein … denn die Börsen sind das Spiegelbild der Wirtschaft.

Echt? Nein. Schon lange nicht mehr, seit Ende der Neunziger Jahre, würde ich sagen. Seitdem die Notenbanken nicht behutsam steuern, sondern dreist und verantwortungslos manipulieren, um genau zu sein.

Dass die „Fed“ nun nicht das Ersehnte lieferte, wurde zwar kurz negativ quittiert … aber dann wurde gekauft. Natüüüürlich nicht ganz gezielt. Nein, man entblödete sich nicht zu behaupten, dass man umgehend erkannte, dass diese „konsequente“ Haltung der Beleg für solides Wachstum sei. Also sei diese Entwicklung nicht negativ, sondern positiv.

Wie schön. Ja, solides Wachstum ist positiv. Aber das Abgleiten in die Rezession zugleich auch. Denn das Aufstocken der Anleihekäufe durch die Bank of Japan letzten Freitag und durch die EZB am Donnerstag wurde ja ebenso mit haussierenden Kursen quittiert. Dass diese Maßnahmen aus blanker Not geboren wurden, weil Japan und der Eurozone die Konjunktur entgleitet und die Politiker so tun, als wäre nichts, ist scheinbar egal. Das drückt auf die Unternehmensgewinne … aber die sind auch egal. Was bedeutet: Gutes ist gut, Schlechtes ist auch gut.

Denkt wirklich jemand so? Was heißt jemand … wenn nun „alle“ kaufen, muss es ja heißen: Denken wirklich alle außer mir so?

Wenn man den Medien glauben kann, die sich oft einfach von solchen logischen Überlegungen abkoppeln und die Argumente für die Kursbewegungen dem Geschehen anpassen, dann ja. Denn was man so hört (hören soll) haben wir hier nun durchweg bullishe Anleger, die auch nach der größten Rallye in einem vergleichbaren Zeitraum seit Jahren immer weiter kaufen werden, weil einfach alles, was passiert, gut ist … und das, was sonst noch passiert, so wie Ebola oder das Ukraine-Problem, gar nicht da ist.

Oder bewegen sich die Kurse womöglich, nur ganz vielleicht, doch wegen anderer Dinge? Man muss das fragen, weil es bisher ja immer so war. Sicher, diesmal ist, wiederum wie immer, alles ganz anders. Aber nur mal überlegt … wieso drehten die Kurse doch gleich ausgerechnet Mitte Oktober?

Das passierte nicht zufällig so knapp vor dem Options-Verfalltermin im Oktober. Normalerweise reizen die großen Spieler an den Terminbörsen laufende Trends zur Abrechnung der Derivate bis zum Exzess aus. Aber ab einer gewissen Größenordnung werden die Verluste durch verkaufte Puts dann doch größer als die Gewinne durch wertlos verfallende, verkaufte Calls. Denn deren Absatz dürfte im Zuge steil fallender Kurse zurückgegangen sein, das Hedging über Futurs kam zu teuer – also einzige Rettung: Voll dagegenhalten und – natürlich erfolgreich – darauf bauen, dass das die Trader zu Eindeckungen ihrer Shortpositionen treiben würde. Tief im Gewinn war die Verlockung ja schließlich groß. Und das trieb die Kurse erst recht nach oben. Das war Schritt Nummer 1….  aber..  (Seite 2)



 

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