Haircut

7. Juli 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

Was war das doch für ein fantastischer Tag. Kennen Sie das Gefühl, beim Friseur zu sitzen? Es ist deprimierend. Nicht nur dass die Haar-Stylistin (so heißt der Beruf heute) gerne über graue Haare referiert, mich damit natürlich ausdrücklich nicht meint – es ist die Wartezeit auf den Haircut, in der man gerne in bunten Zeitungen blättert, was die Sache aber auch nicht einfacher macht… Man erfährt dort Dinge – naja – über die man eigentlich nichts zu wissen braucht…

„Du bist aber grau geworden!“ sagte sie. Das soll wohl Guten Tag! heißen, aber genau weiß ich es nicht. Die Einschläge kommen eben näher, sagte ich, bevor ich zu meiner Lieblingsecke mit den bunten Zeitschriften pilgerte. Gäbe es diese nicht, ich trüge lange Haare. Eine Gourmetzeitschrift hat es mir heute besonders angetan. Ja, es gibt sie noch inmitten der Krise. Und es gibt offenbar immer noch deutlich zu viel Geld auf der Welt und auch deutlich zu viele Trottel.

Wie viele Feinschmecker leben in Deutschland? Nach der Auflagenzahl im Impressum zu urteilen – genug. Man findet sie vornehmlich beim Friseur oder auch beim Arzt, wo sie in einen kleinen Kurzurlaub einen Trip in ein Reich der fast unbezahlbaren Sinne unternehmen. Verbannt man dann „hätte“ und „wäre“ vor die Tür, sind solche Zeitschriften eine heitere Angelegenheit und man kann sogar mitreden, wenn es denn unbedingt sein muss.

Man ahnt ja gar nicht, welche Dinge dieser dieser Welt nach Käufern suchen. Sollte ich mal dieses Château d’Estoublon probieren? Nicht dass ich es auszusprechen könnte, aber 60 Euro für einen Liter Olivenöl sollten mein Leben besser machen? Ich weiß es nicht. Jetzt muss nur noch jemand die Zweifel darüber verstreuen und dieser sich erst finden lassen..

Apropos verstreuen. Ein halbes Pfund Salz (Fleur de Sel) für 18 Euro über Speisen zu verstreuen, hat doch auch einen Hauch von Dekadenz. Wäre unser stetiges Wirtschaftswachstum nicht so jäh in eine Sackgasse gefahren, man hätte wohl damit in wenigen Jahren sogar die Straßen im Winter gestreut. Vielleicht kannte die die Frau mit den Lockenwicklern neben mir das Wort Dekadenz gar nicht, aber ihre Augen beschrieben es so trefflich. Oh kann die Welt genießerisch sein. Umgeblättert…

Da ich mich eher mit Erdölsorten auskenne als mit feinsten Speisen, habe ich Neuigkeiten über den Kakaomarkt erfahren. Rio Huimbi, Umami Papua, Saint Domingue oder Sao Thomé gelten als edle Kakaosorten und als willkommene Abwechslung, das Allgemeinwissen darum aufzufrischen. Es wird immer ein paar Leute geben, die so eine Tafel Schokolade mit diesen zungenbrecherischen Inhaltsstoffen für 25 Euro kaufen wollen, ganz egal wie schlecht die Sache wird. Man sollte da mitreden können… Oder?

Diese Zeitschriften haben ein Quantum an Heiterkeit, das nur noch in den abgedruckten Leserbriefen übertroffen wird. Herr L. aus P. Flucht über dieses verdammte Trüffel-Öl-Shampoo für 120 Euro. Das Trüffelöl wäre synthetisch! Make my day! würden die Briten wohl sagen…

Make my Day – Das hat dann meine Friseuse als Herrin über Scheren und Geltuben bei mir geschafft – zumindest versucht. Als ich später am Briefkasten meine Nachbarin traf, hatte diese Tränen in den Augen. Lag es etwa an meinem Haarschnitt?

Nein. Ihr neuer Quelle-Katalog wurde heute geliefert.

Diese Seite drucken



weitere Berichte

Aufgelesen

Ronald Gehrt Blog
Videoblog

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.