Geld: Gute Ideen und schlechte Umsetzungen

28. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der langjährige Bullenmarkt und die deutlichen Trends in vielen Märkten ziehen Trader an wie ein Magnet. Die meisten Neulinge suchen ihr Heil in perfektem Timing. Was meistens unterschätzt wird ist die Bedeutung der richtigen Positionsgröße. Ein kleiner Fehler beim Moneymanagement führt  auch bei eigentlich profitablen Ansätzen unweigerlich in den Ruin…

Neben vielen professionellen und semi-professionellen Händlern, die eher ruhig und für sich arbeiten, gibt es in der Branche nicht wenige Schaumschläger. Je mehr Schaum es gibt, desto mehr Exemplare dieser Spezies lassen sich in der freien Wildbahn sichten.

Im Bullenmarkt gibt es bekanntermaßen reichlich Schaum. Man bietet Handelssysteme feil und verkauft mittels oft nicht nachvollziehbarer „Musterdepots“ oder – komplett bizarr – mit „echten Backtestdaten“ Signale oder Modell an unbedarfte Kunden. Während die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, beginnt für viele Anleger schon mit der Überweisung der Gebühren der langsame finanzielle Tod des eigenen Depots.

Wer sich der Aufgabe verschreibt, einen eigenen konsistenten Handelsansatz zu konstruieren, muss wissen worauf er sich einlässt. Viele Trader, oder solche die es werden wollen, bauen nach schlechten Erfahrungen mit gekaufter Software oder mit heißen Tipps (immer eine schlechte Idee) ihre eigenen Systeme. Dagegen spricht nichts, ganz im Gegenteil. Allein die Konstruktion von Systemen, wenn sie ernsthaft und vor allem nüchtern betrieben wird, kann Menschen eine Menge Wissen über Märkte vermitteln. Finanziell betrachtet lehrt die Arbeit in erster Linie Demut vor der Aufgabe, konsistent profitabel an den Finanzmärkten zu handeln.

Ist das Modell entwickelt, beziehungsweise hat der Trader seinen Handelsansatz stringent formuliert, folgt die Umsetzung. Dieser Realitätscheck ist arbeitsintensiv und gerade mental nicht einfach. Entspricht das Verhalten dem erwarteten Verhalten? Wurden Parameter wie die Handelbarkeit von Kursen korrekt eingeschätzt oder hat man zum Beispiel die Slippage, die Differenz zwischen erwarteten und realisierten Preisen, unterschätzt? Die Entwicklung eines eigenen Ansatzes ist harte Arbeit und das Eingeständnis eigener Fehler und der Wille zur Verbesserung unabdingbar.

Zu Ein- und Ausstiegssignalen gibt es mittlerweile so viele Bücher, dass man Jahre damit verbringen könnte, all diese Werke zu lesen. Zum wichtigsten Punkt aber gibt es vergleichsweise wenig Literatur. Das Moneymanagement, das sich vereinfacht gesagt mit der Frage beschäftigt, wieviel des vorhandenen Kapitals ein Trader pro Trade einsetzen sollte ist in den Bücherregalen unterrepräsentiert.

Einige Bücher enthalten natürlich ein Kapitel zu dieser Thematik. Ginge es nach der Bedeutung, dann wäre es meistens sinnvoller, wenn sich die Autoren bei  einem Buch mit zehn Kapiteln nur in einem mit Ein- und Ausstiegssignalen und in den verbleibenden neun mit diesem Thema befassen würden.

Offenbar ist es aber nicht sonderlich sexy, wenn jemand von der Bestimmung seiner Positionsgrößen erzählt. Es scheint spannender zu sein, wenn man davon schwadroniert, auf Grund welcher Signale man die 100 Schweinebauch-Futures gekauft hat.

Das bemerkenswerte an der Positionsgröße ist jedoch, dass ein Fehler bei ihrer Bestimmung aus einem an sich profitablen System problemlos eine zuverlässige Geldvernichtungsmaschine machen kann.

Ein Beispiel. Jemand startet mit 100 Euro und setzt auf einen Münzwurf. Die Münze ist fair, das heißt die Wahrscheinlichkeit für Kopf oder Zahl ist bei jedem Wurf jeweils 50%. Der Trader erhält bei Kopf das 1,2-fache seines Einsatzes. Bei Zahl verliert er seinen Einsatz. Die Münze wird eintausendmal geworfen. Diese Wette bietet aus gutem Grund niemand an, sie ist für jeden Trader ein Traum. Mit schlechtem Moneymanagement aber lässt sich auch dieser Traum sehr einfach zum Albtraum machen…

Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung des Tradingkapitals in Abhängigkeit von der Positionsgröße über 1000 simulierte Münzwürfe. Die Prozentwerte in der Legende geben die Paramter zur Bestimmung der Positionsgröße an, sie bezieht sich auf den jeweils aktuellen Stand des Kapitals (fixed fraction bet).

Die Zahl 2,5% bedeutet also, bei jedem Wurf wird 2,5% des vorhandenen Kapitals riskiert. Die Daten wurden mit Zufallsdaten errechnet, die die Ergebnisse des Münzwurfs repräsentieren.

MM Chart

Viele Menschen sind überrascht, wenn sie sehen, wie selbst bei einer Positionsgröße von 10% des Kapitals trotz eines profitablen Ansatzes der Weg in den Ruin führt. Gefährlich ist vor allem die Verführungskraft natürlich immer möglicher hoher Gewinne zu Beginn der Umsetzung, wie sie auch der Chart oben zeigt. Wie im echten Leben kann auch in der Simulation fünf Mal „Kopf“ hintereinander kommen.

Bei großen Wetten führt dies zu enormen Gewinnserien, die sich jedoch im Lauf der Zeit in Luft auflösen. Bei einer Verdreifachung des Kapitals fällt es vielen Menschen vermutlich schwer, ihren Ansatz und ihr Risikomanagement zu hinterfragen. Alternativ kann man natürlich auch direkt abstürzen. Jeder darf für sich selbst entscheiden, welche Art des finanziellen Selbstmords ihm lieber ist. Wir bleiben lieber bei der vernünftigen Positionsgröße.

Das richtige Moneymanagement ist abhängig von der Kenntnis der wichtigsten Risikoparameter des eigenen Systems. Wie anderswo gilt auch hier: Garbage in, garbage out.

Ohne saubere Kennzahlen lässt sich auch die korrekte Positionsgröße nicht bestimmen. Neben der notwendigen Disziplin und der natürlich ebenfalls unverzichtbaren grundsätzlichen Profitabilität des Handelsansatzes ist das Money Management das Fundament gewinnbringenden Handelns. Zuviel Risiko mag kurzfristig für enorme Gewinne sorgen, langfristig ist es der sichere Weg in die Pleite. Wer dies einsieht ist auf dem besten Weg, das Trading als das zu sehen, was es ist: Ein Geschäft.

Gute Geschichten für die nächste Party holt man sich besser nicht am Finanzmarkt sondern an anderen Orten, das ist wesentlich kostengünstiger. In jedem Fall ist es besser langsam Geld zu verdienen als sich schnell oder langsam zu ruinieren.




 

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6 Kommentare auf "Geld: Gute Ideen und schlechte Umsetzungen"

  1. Sandra sagt:

    Zukunftswetten und gesundes Risikomanagement – es bleibt doch immer spannend.

    Was passiert eigentlich, wenn die Münze doch eher Roulette ist?
    Wenn die meisten nur denken, es sei eine Münze und setzen auf gerade/ ungerade bzw. rot/schwarz?
    Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß nie eine ‚0‘ fällt? Was im Wunschdenken des Münzwurfs niemals passieren darf und daher nicht passieren kann, sieht die Realität da manchmal anders. Auch eine Münze darf mal senkrecht stehen bleiben.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Sandra,

      ja, man muss wissen, welches Spiel man spielt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Münze auf dem Rand stehen bleibt kann unbedeutend sein. Sie kann auch wichtig sein, wenn dann ein extremer Verlust entstünde. Generell handelt es sich bei Roulette und Münzwurf um „Risiken“ im eigentlichen Sinne, Auszahlungen und Wahrscheinlichkeiten sind quantifizierbar. Am Finanzmarkt hat man es vielmehr mit Unsicherheiten zu tun. Diese lassen sich nicht quantifizieren, ein Grund warum der Begriff Risikomanagement in der Branche ein Euphemismus ist.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Lickneeson sagt:

    Leider ein wichtigr und guter Beitrag.

    Aus eigenen Erfahrungen verbrannten Geldes lernt man bekanntlich am besten, ähnlich den ersten Begegnungen in Kindertagen mit heissen Herdplatten. Leider kommen zum fehlendem MM meist noch „keine oder sinnlose Stops, Verlustpositionen verbilligen oder noch schlimmer bei verlusten dem Zwang zu verfallen die Positionsgrösse pro Trade deutlich zu erhöhen“. Letzteres kann mal gutgehen, kann den Ruin aber ebenso beschleunigen.

    Die Depotgrösse spielt natürlich auch eine Rolle, mit einem sehr kleinen Depot kann man natürlich auch langristig mit duplzierbaren Trades gewinnen, darf sich dann aber erst in ca. 100 Jahren über eine erkleckliche Summe freuen. Hier muss man das >Risiko erhöhen, wenn auch nicht über das MM, sondern z.B. über diverse Märkte oder über antizyklische Positionen.

    Aus eigener Erfahrung finde ichi es besser selbst eine Strategie zu entwickeln, die zur eigenen Person(Zeit, Arbeit, overnightposition etc) passt und einen ruhigen Schlaf beschert. Auch kleine erfolgreiche Trades stärken das Selbstbewusstsein, ohne das man am Markt “ immer auf der falschen Seite zu stehen glaubt, bzw. ständig den markt beobachtet – aber sich keinen Trade mehr zutraut“.

    Auch wichtig : Ein virtuelles Depot hat keine Aussagekraft über die eigenen Fähigkeiten1

    Beste Grüsse

  3. Sandra sagt:

    Könntet Ihr mir aus Tradersicht eine Frage beantworten?
    Ab wann genau wird ein Verlust als Erkenntnisgewinn verbucht und gesundes vernünftiges Risikomanagement betrieben?

    Gibt es diesen Punkt?
    Wovon ist das abhängig?
    Ist dafür generell ein einschneidendes ‚echtes‘ Erlebnis, da man nur durch die Schmerzerfahrung lernen kann, notwendig?

  4. Sandra sagt:

    Schmerzgrenzen sind individuell
    Wer nicht hören will, muß fühlen, versteht auch Jeder.

    Meine Frage zielt darauf ab, ob dies eine zwingende Voraussetzung für Erkenntnisgewinne darstellt oder nicht.

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