Grüße aus dem Hamsterrad: Wenn mehr doch weniger ist

23. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Schaut man nur ein Jahrzehnt zurück, notierte Gold nur halb so hoch wie heute. Das Silber turnte damals noch einstellig umher. Wie viel aber muss man heute im Vergleich zu damals arbeiten, um eine Einheit davon kaufen zu können? Sie werden erschrecken!

Sollte man sich jetzt wirklich freuen, dass das Zeug mehr kostet und der Chart wieder nach oben zeigt? Vielleicht riecht das auch nur nach Ärger in der Zukunft.

Ja, das Zeug ist teurer geworden aber noch nicht so teuer wie 2011/12. Manche freuen sich laut ihrer Excel-Tabelle, jetzt reicher zu sein, sich überlegen und auch besser geschützt zu fühlen vor Draghobert aus der EZB. Man könnte die höheren Notierungen auch als Warnzeichen verstehen.

Rückblickend auf die letzten zehn Jahre hat man zumindest den gewollten Kaufkraftverlust des damaligen Euro einigermaßen ausgleichen können. Wer zu spät kommt, den bestraft die Realität. Und die Zukunft hält auch noch einige Schläge bereit. Obwohl die Notierungen weit zurückgekommen sind, muss man heute länger sparen als 2006, um eine Einheit davon kaufen zu können.

Wir befinden uns inmitten des größten Geldexperiments der Welt. Ich möchte mich nicht wiederholen, lade sie an dieser Stelle zu einem abenteuerlichen Rechenbeispiel ein, mit der Bitte, die Zahlen langsam auf sich wirken zu lassen. Wenn Sie imstande sind, erschrecken Sie sich! Wenn nicht, bekommen Sie wirklich nur das, was sie wirklich „verdienen“.

Schaffe, schaffe… mehr für weniger

Apropos „verdienen“… 2006 betrug der deutsche jährliche Durchschnittslohn nach offizieller Lesart 26.765 Euro oder monatlich 2.230 Euro. Damit konnte man noch wuchern, im Gegensatz zu heute, trotz einer 23%igen Steigerung des Durchschnittslohns auf 34.999 Euro (2015) Das sind üppige 2.916 Euro im Monat – auch wenn die wenigsten Leute dem „Standard der Statistik“ entsprechen. Quelle: CECU Wie hoch aber waren damals und heute die Abgaben? In etwa gleich.

Ein guter Indikator ist der „Steuergedenktag“ des Bundes der Steuerzahler, also das Datum, ab dem man in seine eigene Tasche wirtschaftet, nachdem einem der Staat den Rest zur freien Verschwendung geraubt hat. (Quelle: Wikipedia)

2006 wurde der Steuergedenktag am 5. Juli „gefeiert“. Im letzten Jahr am 11. Juli. Sechs Tage mehr? Geschenkt! Von daher nehmen wir eine Abgabenlast von der Hälfte des Bruttolohns an – Strafzettel für falsches Parken und zu schnelles Fahren bleiben außen vor. Kurzum: 2006 kommt man so auf 1.115 Euro netto und 2015 auf üppige 1.458 Euro. Hurra!

2006 – 2016

Nehmen wir Gold als Konstante: Der Goldpreis schwankte vor zehn Jahren in Euro gerechnet, zwischen 433 und 560 Euro. Der Durchschnittspreis betrug damals 496 Euro pro Feinunze. Heute mehr als das Doppelte.

Für einen Netto-Monatslohn bekam man damals 2,25 Unzen Gold. Heute sind es bei einem Durchschnittspreis des Goldes von 1.077 Euro nur noch 1,35 Unzen, also nur noch die Hälfte. Gleiche Arbeit, mehr Lohn, weniger Wert…. Mist!

Man verdient zwar mehr, bekommt aber deutlich weniger Gold. Zumindest ist der Butterpreis stabil. Okay, Lebensmittel von heute kann man getrost auch Füllstoff nennen, der scheinbar immer billliger wird.

Wenn Sie Lust haben, dann berechnen Sie mal, wie lange man für einen DAX damals und heute arbeiten muss. Ich helfe Ihnen…

Ein DAX kostete damals im Schnitt 5.957 Euro (Punkte) Dafür musste man 5,34 Monate arbeiten. Heute sind es bei 10.000 Punkten 6,9 Monate. Wenn das kein Fortschritt ist.

Man könnte ja auch seinen Nettolohn in „Immobilien“ rechnen. Dafür nutzen Sie bitte das Preisniveau ihrer Region. Trotz höherer Löhne und ähnlichen Abgaben wie damals bekommt man weniger Immobilie trotz eines höheren Lohns. Schreiben Sie doch Herrn Draghi einen Dankesbrief. Aber wer bekommt schon 34.999 Euro Jahresgehalt?

Nominal – Real

Worauf sich die Oben aber verlassen können, ist die Unkenntnis der „da unten“, über nominale und reale Zahlen und deren Verhältnisse. Woher sollten sie es auch wissen? Die Preise der „Assets“ steigen schneller als der reale Nettolohn. Das heißt, man wird nominal reicher, jedoch real ärmer, und das schon länger.

Das Verrückte ist, dass man diejenigen feiert, die die Anlagepreise in die Luft jagen, man das jedoch durch den Lohn gar nicht kompensieren kann. „Wenn man genug Geld druckt, steigt früher oder später die Inflation“, heißt es aus der EZB. Wir freuen uns, wenn die Preise im Alltag endlich auch offiziell steigen, nachdem sie es nur heimlich tun.

Mehr Geld!

Seit 1997 wurde die Geldmenge M3 in der Eurozone von vier auf elf Billionen Euro ausgeweitet. Die Geldmenge M1 ist von einst 1,6 auf 6,6 Billionen Euro gestiegen. Sind wir reicher geworden? Einige ja, die meisten aber nicht. Und dabei heißt es gebetsmühlenartig, dass man Geld erzeugen muss, um die Wirtschaft anzukurbeln. Man könnte auch sagen, dass man die Reichen reicher macht, weil man noch immer die Kurbel sucht. Und überhaupt, warum nur müssen wir eigentlich ständig wachsen?

Trotz nominaler Lohnsteigerungen ist die Arbeit pro Stunde heute weniger wert als vor zehn Jahren. Ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte. Je eher man den Betrug entdeckt, desto glimpflicher kommt man dabei weg, wenn man potentiell Gespartes in eine passendere Anlageform transferiert, statt es zinslos anderen zu überlassen. Aber wer macht sich schon die Mühe, wenn er täglich so viele Erfolgsmeldungen serviert bekommt und in sich hineinfuttert wie eine Pizza Margherita vom Italiener für das doppelte Geld von damals.

 

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5 Kommentare auf "Grüße aus dem Hamsterrad: Wenn mehr doch weniger ist"

  1. Insasse sagt:

    Mindesten zweieinhalb Jahrzehnte sozialdemokratischer Politik (insbesondere auch mit und durch CDU/CSU!), haben in D eine „kollektive Bequemlichkeitsverblödung“ ungeahnten Ausmaßes herbeigeführt: http://www.huffingtonpost.de/2016/02/25/deutschland-globalisierung_n_9313368.html

    Gegen die hiesige geistige (wenn man den Begriff „geistig“ denn überhaupt noch verwenden will) Dekadenz der großen Mehrheit der Bürger, war die DDR ein vergleichsweise gesellschaftskritisches System.

  2. Skyjumper sagt:

    „Aber wer bekommt schon 34.999 Euro Jahresgehalt?“

    Zu Recht wird im Artikel 2x darauf hingewiesen dass das Durchschnittsgehalt nur sehr bedingt die Lebenswirklichkeit widerspiegelt. Wie bei nahezu jeder statistischen Aufarbeitung kommt am Ende das raus was der Initiator gerne darstellen möchte. Das Mediangehalt wäre an dieser Stelle ggf. brauchbarer.
    Leider sind wirklich vergleichbare Informationen rar gesäat. Aber beim sogenannten Nettohaushaltseinkommen betrug die Abweichung zwischen Durchschnitt und Median 2008 in DE immerhin 18 %.

    1:1 auf das Zahlenbeispiel im Artikel übertragen würde dass zum Beispiel bedeuten, dass die Hälfte aller Einkommensbezieher in Deutschland 28.700,- € im Jahr oder weniger verdienen. Das mittlere Einkommen (= 34.999,-) ist eben nicht die Mitte (=28.700,-).

  3. Avantgarde sagt:

    Bleibt mir nur noch zu sagen, daß man bereits ab 70% des Mittleren Einkommens zur Mittelschicht zählt.
    Deswegen ist die Mittelschicht bei uns vermutlich auch so groß….

    • Skyjumper sagt:

      Das ist eben wie mit den Parteien. Alles muss hübsch zur Mitte definiert werden. Damit man die paar Aussenseiter links und rechts, oder darüber und darunter, in Wohlgefallen als Extremisten, Arme oder Reiche fertig machen kann. 🙂
      In der Mitte kann man jedenfalls echt Platzangst bekommen.

  4. bluestar sagt:

    Deutschlandtrend aktuell: 68% der Deutschen wählen Schwarz, Rot, Grün.
    Also scheint es dem Mittelstand doch sehr gut zu gehen.
    „Kollektiven Bequemlichkeitsverblödung“ ist das richtige Wort.
    @Insasse
    Danke für den Link.

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