Großmacht EZB? Gestatten Sie, dass ich erschauere!

28. August 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es ist schon seltsam, dass sich, wenn man Medien und Kursverhalten richtig interpretiert, immens viele Anleger wie Bolle freuen würden, wenn die EZB tatsächlich am 4. September mit ihrem Anleihe-Stützungsprogramm loslegen sollte. Mir läuft es dabei nur kalt den Rücken herunter…

Und ich bin mir nicht sicher, ob wirklich viele Investoren über den Pawlow’schen Reflex „gedrückte Zinsen = mehr Kapital, das in den Aktienmarkt fließt = bullish = kaufen“ hinaus denken und erfassen, welch unglaubliche Macht sich die EZB damit selbst verleiht.

Die Grundidee dahinter ist zwar einerseits nachvollziehbar, andererseits aber ein Witz – ein schlechter. Wenn man die Zinsen drückt, erleichtert das theoretisch die Stabilisierung der Staatsfinanzen, weil der Staat dann eine deutliche geringere Zinsbelastung bei der Refinanzierung hinnehmen muss. Gut. Nicht rein zufällig ist dadurch auch in der Tat eine gewisse Stütze für den Aktienmarkt vorhanden, weil niedrige Renditen weniger attraktiv erscheinen als Aktien … sofern die Trends dort noch nach oben weisen. Fein. Und die Kredite für Unternehmen und Konsumenten werden, falls die Banken die niedrigeren Zinsen weitergeben, zu einer Belebung des Konsums und der Steigerung der Unternehmensgewinne führen. Schön. Aber …

Eigentlich sollte es ja genügen, die Leitzinsen massiv zu senken, denn eigentlich sollte das Zinsniveau am Anleihemarkt dieser Entwicklung folgen. Und das ist ja auch geschehen, nur hat es ausschließlich am Aktienmarkt einen wirklich spürbaren Effekt gehabt. Wohlwollend zur Kenntnis genommen, aber nur ein Nebenkriegsschauplatz. Die Übersättigung der Eurozone, was den Konsum angeht, verhinderte einen Kaufrausch der Bürger. Die ausgebliebenen Reformen der Politik verhinderten, dass die niedrigere Zinslast alleine die Staatsfinanzen konsolidiert hätte. Und das, obwohl die Zinsen am Anleihemarkt derartig extrem niedrig sind, dass es einem mit Blick auf das Abwägen möglicher Risiken schlecht werden kann:

2,43% in Italien, 2,22% in Spanien, 1,23% in Frankreich und 0,88% in Deutschland, das sind die heutigen Renditen, wenn man den jeweiligen Ländern für zehn Jahre Geld leiht. In einem Umfeld ohne Wachstum, voller ungelöster Probleme und einer EZB, die nach den Sternen greift. Wer stellt sich eigentlich die Fragen:

Welchen Sinn soll dieses Anleihe-Kaufprogramm eigentlich bei diesen Renditen noch haben? Warum geht die EZB diese Sache noch an, wenn doch die Politik nun am Zuge wäre, nachzuholen, was seit 2008 versäumt wurde und alle vorherigen Maßnahmen bewiesen haben, dass es in diesem Gefüge keinen Deut juckt, ob der Leitzins bei 0,25 oder bei 0,15% steht oder Anleiherenditen bei drei, zwei oder einem Prozent liegen? Einfach, weil das Wachstum bei diesen „japanischen Verhältnissen“ nicht zurückkehren wird?

Da es hinsichtlich der erwünschten Rückkehr einer moderaten Inflation und hinsichtlich des Wachstums keine tauglichen Antworten gibt und die Refinanzierung der Staatshaushalte angesichts deren Umgang mit Geld auch nicht saniert wird, wenn man einen weiteren halben Prozentpunkt Zins weniger abdrücken muss, sollte man mal die weniger offensichtlichen Aspekte abklopfen … und da dürfte manch einer zusammenzucken. Denn hier könnte es vor allem um Macht gehen.

Das Problem der Eurozone-Staaten mit diesen lächerlichen Renditen ist ja, dass sich so zwar fast zinsfrei Geld ziehen lässt, dabei aber immer öfter erkennbar wird, dass die Anleger da nicht mitspielen wollen. Wer will denn wirklich die aktuellen Gag-Renditen von 0,88 Prozent für zehn Jahre haben, die es für Bundesanleihen gibt? Der Haken ist also: Der Absatz klemmt. Um die Refinanzierung sicherzustellen, muss man aber imstande sein, sich die nötigen Summen über den Kapitalmarkt zu besorgen. Wer kann da einspringen? Die EZB natürlich, zumal damit auch ein möglicher GAU in Form ausbleibender Rückzahlungen weniger problematisch wird. Die EZB bucht Verluste einfach aus und damit hat es sich.

Wenn die EZB Anleihen kauft, dann nicht von den Mitgliedsbeiträgen im Club oder der Kaffeekasse von Mario Draghi. Es wird Geld „erschaffen“. Einfach so. Schwupp … ein Knopfdruck, und eine Milliarde ist geboren. Oder viele Milliarden. Wenn man da erstmal anfängt, fällt es leicht. So betrachtet: Je mehr die EZB bei der Emission von Staatsanleihen einspringt, desto mehr wird die Staatsfinanzierung zu einer Farce, weil das Geld von der linken Tasche, in der es aus dem Hut gezaubert wird, in die rechte wandert. Allerdings mit einem bemerkenswerten Aspekt „am Rande“…  (Seite 2)



 

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Ein Kommentar auf "Großmacht EZB? Gestatten Sie, dass ich erschauere!"

  1. Michael sagt:

    Irgendwann ist es halt auch mit dem Dollar vorbei … respektive mit ‚dem‘ Papier.
    https://www.youtube.com/watch?v=UPuq3ffxKVE

    Vermutlich läuft der Versuch dass die Beteiligten jeder von seinem Schuldenberg aus gleicher Höhe ins Tal springt, damit keiner relativ weicher fällt nachdem beim Herunterfallen schon lange das Licht ausging. In den Sonnenuntergang zu reiten ist wohl die attraktivere Alternative als sich mit Leitzinsmären usw… herumzuschlagen.

    Wir erfinden immer neue Spiele
    Spiele gibt’s zu spielen
    Brot und Spiele sind gefragt
    No Future extrem angesagt.
    (Falco, Helden von Heut)

    https://www.youtube.com/watch?v=QRjOZaGWDys

    Es war schon damals in den 70ern so … wie sollt’s heut ander sein?

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