Großer Mummenschanz, große Gefahren

9. Oktober 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Rallye. Zackbumm. Und schon liegen diese miesepetrigen, die Stimmung zersetzenden Bären zuhauf erschlagen am Boden. Recht so. Welch glorreicher Sieg. Welch Bestätigung, dass die Aktienmärkte immer noch spotbillig sind. Welch ein Beleg dafür, dass die US-Notenbank doch aus ganz ausgefuchsten Schlauköpfen besteht…

Wissen Sie was? Was mich wirklich gruselt, als wäre Halloween vorgezogen worden ist, dass es Leute gibt, die diesen Blödsinn auch noch glauben. Was mich indes zumindest am Donnerstagmittag nun erfreut: Es gibt andererseits auch Leute, die diese Mega-Posse des Mittwochabends durchschauen. Nicht, weil ich momentan bearish bin. Sondern weil es nicht gut ist, wenn große Adressen versuchen, mit (allemal völlig legalen) Mitteln versuchen, ein bisschen zu arg an den Kursen herumzuschrauben.

Wer ein bisschen Grütze im Kopf und Erfahrung an der Börse hat, merkte schon gestern Schlag 19:40 Uhr: Da greift mal wieder einer tief in die Trickkiste. Das wurde sogar auf CNBC thematisiert, als Altmeister Bob Pisani darauf hinwies, dass diese Rallye, die vorgeben sollte, dass das Protokoll der US-Notenbanksitzung das Tor zur Glückseligkeit geöffnet habe, schon 20 Minuten vor dessen Veröffentlichung begann. Alter Trick. Aber immer wieder erfolgreich, heute mehr denn je. Zumindest kurzfristig.

Der Trick funktioniert eigentlich ganz einfach. Und jeder könnte ihn nachmachen, sofern er oder sie, wie die großen Adressen mit der Kapitalkraft einer Bank oder dem Geld anderer Leute (die keinen Schimmer haben, was die Herren mit Krawatte da mit ihrem Ersparten so treiben), im rechten Moment ein paar Milliönchen (oder viele davon) ins Rennen schickt. Man nehme:

Einen wankenden Markt, der indes kurzfristig schon so weit gefallen ist, dass der eine oder andere Bär damit liebäugelt, einiges von seinen Short-Positionen einzudecken, um aus Buchgewinnen ein sicheres Plus auf dem Konto zu machen. Man nehme darüber hinaus ein anstehendes Ereignis. Die Veröffentlichung des US-Notenbankprotokolls gestern um 20 Uhr war da zwar nicht gerade ein Brüller, aber man nimmt eben, was man hat. Man kaufe rechtzeitig vor diesem Ereignis mit der Brechstange. Und der Rest läuft dann ganz von alleine.

Dabei macht man sich folgende Faktoren zunutze: Die Mehrheit der Marktteilnehmer braucht steigende Kurse und würde eine Trendwende nach unten gerne verhindern, andererseits aber nur selbst dazu beitragen, wenn taugliche Chancen auf Erfolg bestehen. Steigen die Kurse an sensiblen Punkten, sieht man diese Chance. Vor allem, wenn man sich, wie viele der großen Adressen mit ihren durch billiges Geld aufgeblähten, hoch gehebelten Beständen von einer Trendwende massiv fürchten muss. Das zum einen.

Darüber hinaus nutzt man damit den Umstand aus, dass der Handel immer mehr von Daytradern und computergesteuerten Handelsprogrammen dominiert wird, die sich gar nicht erst die Frage stellen, warum ein Kurs steigt und ob das Sinn macht. Sie folgen blind einem Trend. Ziehen die Kurse plötzlich ab, springen sie einfach auf den Zug und intensivieren und verlängern die Bewegung damit.

Und zu guter Letzt haben wir noch all die anderen Akteure, die überrascht sehen, dass die Indizes über die Futures plötzlich nach oben sausen. Um da lange nachzudenken bleibt keine Zeit. Also springt man auch da sofort auf, indem man die einfachste aller Erklärungen findet: Da weiß womöglich einer mehr als wir, sprich da kennt wer den Inhalt dieses Notenbankprotokolls schon, weiß, dass da höchst Positives zu lesen ist und steigt im Vorfeld ein. Ergo: Da müssen wir sofort mitmachen. Der Gag dabei… (Seite 2)



 

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