Großer Knall

27. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek (Homepage)

An der Börse wird nicht geklingelt. Soll heißen: Zum Ein- oder Ausstieg erklingt keine Glocke. Aber ganz so stimmt das nicht. Nehmen wir den Fall VW: Noch bevor die Dieselaffäre an die Öffentlichkeit kam, fielen VW-Aktien viel stärker als der Dax; erst ihr rasanter Absturz in dieser Woche führte dazu, dass die Aktionäre des Autokonzerns innerhalb von nur einem halben Jahr mehr als 50 Prozent Kursverlust erleiden mussten.

Mindestens ebenso laut erklangen bis zuletzt die Glocken, als China grausige Konjunkturdaten veröffentlichte, als Zweifel an der Geldpolitik der US-Notenbank Fed aufkamen, als vonseiten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich Warnungen vor der Schuldenkrise publik wurden und natürlich auch, als der Flüchtlingsstrom nach Deutschland den Bund, die Länder und Kommunen kalt erwischte, obwohl er sich schon seit mindestens zwei Jahren andeutete.

Apropos Kommunen: Sie gehören zu den Großaktionären des Energiekonzerns RWE, der zusammen mit den anderen führenden Branchenvertretern Opfer der Energiewende geworden ist. Mit welchem Geld sollen die Kommunen jetzt die Flüchtlingsunterkünfte finanzieren? Realistisch betrachtet, haben sie ja keines mehr. Oder soll die RWE-Dividende aus der nicht mehr ausreichend vorhandenen Substanz gezahlt werden? Was für eine Problemhäufung!

Weitere Beispiele lassen sich dutzendfach anführen. Doch konzentrieren wir uns auf eines, das ich in meinen Kommentaren gerade zuletzt häufiger erwähnt habe: die absehbaren Folgen der Schuldenkrise, der Geldpolitik und speziell der extrem niedrigen Zinsen. Die Schulden sind insgesamt gesehen nicht mehr rückzahlbar. Um das deswegen zu erwartende Desaster möglichst lange aufzuschieben, pumpen die Notenbanken immer mehr Geld – sprich Schulden – in den Finanzkreislauf. Sie versuchen also den Teufel mit dem Beelzebub zu vertreiben. Das kann ihnen auf Dauer nicht gelingen.

Die Konsequenzen lassen sich zwar kaum im Detail aufzeigen, weil die Materie äußerst komplex ist und weil deshalb mehrere Schlussvarianten denkbar sind. Aber so viel steht schon heute fest: Am Ende wird es, symbolisch formuliert, einen großen Knall geben. Er wird sich eher wie ein am Silvesterabend verböllerter Knallfrosch mit mehrfachem Getöse anhören und nicht wie nur ein einziger Donnerschlag.

Wenden wir uns nun von der Symbolsprache ab und den aktuellen Realitäten zu, die da sind: keine Zinserhöhung in den USA, stattdessen konsequentes Zögern. Und Geldschwemme in der Eurozone, im Jargon der EZB verniedlichend auch Quantitative Easing (QE) genannt; so heißt der massive Kauf von Anleihen. Im ersten Fall kommt der Verdacht auf, dass mit der amerikanischen Konjunktur etwas nicht stimmen kann. Im zweiten Fall entsteht Unbehagen allein schon beim Gedanken an die Folgen.

Wie gefährlich das alles ausarten kann, ist mir ein Mal mehr durch den Kopf gegangen, als am vergangenen Montag Isabel Schnabel, Professorin und Mitglied des Sachverständigenrats, Gast im Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten war. Hier sind einige ihrer besonders markanten Aussagen:

„Es ist nicht festzustellen, was QE gebracht hat, und wir wissen nicht, was es bringen wird.“ „In Deutschland kommt es zu einem strukturellen Rückgang der Zinsmargen.“ Was bedeutet, dass Banken, speziell die besonders vom Zinsgeschäft abhängigen Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken, ein Problem bekommen, das fatal ist, weil der Margenrückgang sich zeitversetzt auswirken wird. Und falls es in der Eurozone zu einem Zinsanstieg kommt? Schnabel: „Dann sind die Margen weg.“

Die Professorin rechnet mit einem europäischen Zinsanstieg zwar noch nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren, gibt aber zu bedenken: „Die Niedrigzinsphase führt zur Umverteilung.“ Das heißt, während die kleinen Sparer in den vergangenen Jahren immer niedrigere Zinsen erdulden mussten, profitierten Anleger mit Aktien und Immobilien von deren Kurs- bzw. Preisanstieg. Nicht zu vergessen die durch niedrige Zinsen arg betroffenen Kunden der Lebensversicherungen. Und falls der Zinsanstieg kommt? „Dann werden die Vermögenspreise zusammenbrechen“, meint Schnabel im Hinblick auf Aktien und Immobilien. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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