Große Krisen haben Zeit…

17. Oktober 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

In ihrer Einfalt erkennen die meisten Menschen nicht, wie sich Geschichte vor ihren Augen entfaltet. Schlau ist die Masse deshalb immer erst hinterher. So genannten „Untergangspropheten“ wird in diesen Tagen gerne vorgeworfen, sie würden Dinge vorhersagen, die einfach nicht eintreffen…

Das „Argument“ ist an Kurzsichtigkeit nicht zu überbieten, denn es lässt einen der wichtigsten Aspekte bei der Betrachtung krisenhafter Entwicklungen unberücksichtigt:

Den Faktor Zeit…

Die Historie ist reich an Beispielen, die belegen, dass dramatische Entwicklungen eben nicht über Nacht geschehen, sondern enorme lange Vorlaufphasen benötigen. Einer Zeit des „Warmlaufens“ folgt in der Regel eine krisenhafte Zuspitzung, die schließlich, und zwar erst nach mehreren Jahren, in eine Art Krisenlösung mündet.

Betrachten wir etwa die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre und deren Verlauf in den USA. Der beispiellose Niedergang der Konjunktur mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von rund 30 Prozent begann mit dem Börsencrash des Jahres 1929.

Mit dem so genannten „New Deal“, einem Reformprogramm des damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt als Antwort auf die Depression, wurde die Wirtschaftsflaute in den Jahren 1933 bis 1938 lediglich abgemildert.

Vollbeschäftigung erreichten die Vereinigten Staaten nämlich erst im Jahr 1941 mit dem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg und der in der Folge boomenden Rüstungsindustrie. Mit anderen Worten: Erst der Krieg beendete die Große Depression der 1930er Jahre.

Doch damit war die Krise, die mit der geplatzten Spekulationsblase des Jahres 1929 begonnen hatte, immer noch nicht vollständig ausgestanden: Der Dow Jones erreichte sein Vorkrisenniveau erst wieder im Jahr 1955 und konnte das „alte Hoch“ erst im darauffolgenden Jahr übertreffen. Das heißt, wir sprechen hier ganz grob über einen Krisenzeitraum von rund 25 Jahren. Die folgende Grafik zeigt das, achten Sie auf die rote Markierung.

Etwa 25 Jahren dauerte es, bis der Dow Jones die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre überwunden hatte…

Eine ähnliche Zeitspanne umfasste auch die Periode der Französischen Revolution, die in Europa unter dem Motto „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ weitreichende Umwälzungen brachte. Was wir heute als „Demokratie“ bezeichnen, geht auf diese Umsturzzeit zurück.

Begonnen hatten die Ereignisse mit der explodierenden Staatsverschuldung in Frankreich etwa um das Jahr 1780. Stark steigende Getreidepreise und die Ungleichbehandlung von Adel, Klerus und Bürgertum brachten die Menschen auf die Barrikaden: Während Adelige nicht einmal Steuern bezahlten, mussten bürgerliche Normalverdiener mehr als die Hälfte ihres Einkommens für Brot ausgeben. Dass da am Ende Köpfe rollten, kann nicht einmal verwundern.

Doch mit dem berühmten Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 war die Krise keineswegs überstanden. Tatsächlich begannen die Turbulenzen anschließend erst so richtig: Nach schweren politischen Unruhen wurde Frankreichs König Ludwig der XVI. am 21. Januar 1793 auf dem Schafott hingerichtet.

Auch die staatsstreichartige Machtübernahme durch Napoleon Bonaparte im Jahr 1799 brachte noch nicht das Ende der Französischen Revolution. Historiker sprechen erst mit der Selbstausrufung Napoleons zum französischen Kaiser im Jahr 1804 und der Formulierung des Code Civil, des Bürgerlichen Gesetzbuchs, von deren Abschluss. Das heißt, auch hier sehen wir einen Zeitraum von rund 25 Jahren.

Von ähnlicher Dauer war auch die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland: Die Ereignisse begannen mit dem Hitler-Putsch im November 1923 und endeten erst mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands und Japans im Mai und September 1945. 22 Jahre Krisenjahre waren hier zu beobachten.

Was bedeutet das aber nun in der aktuellen Zeit?

Die Unfähigkeit der meisten Menschen, historische Prozesse zu erkennen und einzuordnen, schon während sie geschehen, hat zur Folge, dass unmittelbare Zeitzeugen der Ereignisse gar nicht den Eindruck haben, vor den eigenen Augen könnte gerade Geschichte geschrieben werden.

Dies führt zu dem merkwürdigen Phänomen, wonach historische Entwicklungen in der Regel erst von späteren Generationen verstanden werden. Oder anders formuliert: Die meisten Menschen sind derart einfältig, kurzsichtig und womöglich auch mit den Problemen des Alltags beschäftigt, dass sie Entwicklungen von historischer Tragweite gar nicht als solche erkennen.

Schlau ist die Masse immer erst hinterher. Wenn überhaupt…

Die Kunst besteht also darin, historische Entwicklungen mit weitreichender Bedeutung schon in ihrer Entstehung zu erkennen – und nicht erst in der Rückschau. Das Paradebeispiel einer solchen Zeit erleben wir gerade:

Als Beginn der aktuellen weltumspannenden Geld- und Schuldenkrise kann das Jahr 2000 gelten. Seinerzeit versuchte die US-Notenbank, mit stark sinkenden Zinsen die Folgen der geplatzten Internet-Spekulationsblase abzumildern. Fortgesetzt und auf die Spitze getrieben wurde diese „Politik“ des billigen Geldes als Folge der Immobilienkrise in den USA im Jahr 2007. Dazu die folgende Abbildung.

Zinsen wurden nach 2008 praktisch abgeschafft, doch wer vermutet hatte, dass sich die Lage bald wieder normalisieren würde, der sieht sich getäuscht: Weil die Wirtschaft rund um den Globus trotz der beispiellosen Geldflut nicht in Tritt kommt, haben die internationalen Notenbanken das Zinsniveau seit neun Jahren (!) auf einem historischen Tiefststand „festgenagelt“. Und ein Ende dieser Politik ist nirgends auch nur ansatzweise zu erkennen.

Denn wer in diesem Zusammenhang den salbungsvollen Worten der US-Notenbank oder der Europäischen Zentralbank vertraut, die von einer „Normalisierung“ des Zinsniveaus faseln, der geht den Taschenspielern in den Elfenbeintürmen der Zentralbanken auf den Leim, und verkennt, dass diese Normalisierung gar nicht auf der Agenda stehen kann.

Der Grund liegt auf der Hand: Wenn immer mehr Schulden immer weniger Wirkung erzielen, dann ist das Ende eines kreditgetriebenen Booms erreicht. DAS ist die unbequeme Wahrheit, die von Politik, Medien und Notenbanken heute verschwiegen wird.

Was dagegen tatsächlich auf der Agenda steht, ist das Ende eines historisch einmaligen Geldexperiments, das im Jahr 2000 seinen Anfang genommen hat: Die seinerzeit angeschobene Geldflut wird in den kommenden Jahren ihrem unrühmlichen Höhepunkt entgegeneilen.

Und damit sind wir wieder am Anfang der Geschichte angekommen, und der Frage, wie lange das alles wohl noch dauern könnte. Hierzu gibt es schon heute interessante Hinweise:

Aus wellentechnischer wie auch aus fundamentaler Sicht deutet einiges darauf hin, dass wir im Zeitraum 2022 bis 2024 den Zusammenbruch des aktuellen Schuldgeldsystems erleben werden – und damit auch das Ende der im Jahr 2000 begonnenen weltweiten Finanzkrise.

Interessanterweise hätten wir es dann auch bei der aktuellen Krise mit einem Zeitraum von rund 25 Jahren zu tun, also in etwa jener zeitlichen Ausdehnung, die bei den Großkrisen der vergangenen 300 Jahre zu beobachten war.

Denken Sie hieran, wenn Sie wieder einmal vermuten, die (wenigen) unablässig warnenden Kassandrarufer würden alle „völlig falsch“ liegen. Womöglich liegen Sie selbst falsch und bemerken bloß nicht, wie sich vor Ihren Augen Geschichte entfaltet…
© Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief

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2 Kommentare auf "Große Krisen haben Zeit…"

  1. Schubidu sagt:

    Danke für die Hintergrundinformationen, die mir so nicht bekannt bzw. bewusst waren.

  2. Skyjumper sagt:

    „Denken Sie hieran, wenn Sie wieder einmal vermuten, die (wenigen) unablässig warnenden Kassandrarufer würden alle „völlig falsch“ liegen. Womöglich liegen Sie selbst falsch und bemerken bloß nicht, wie sich vor Ihren Augen Geschichte entfaltet…“

    Das entscheidene Wort dabei ist „womöglich“. Es ist im vornherein eben nicht so ohne weiteres möglich zu erkennen welchen Verlauf eine Krise schließlich nehmen wird. Die großen historischen Krisen der vergangenen 300 Jahre von denen Hr. Hoose spricht sind eben nur deshalb so gut dokumentiert und im Bewußtsein WEIL sie große Krisen waren. Wer weiß schon wieviele Krisen, mit vergleichbaren Potential, es in den letzten 300 Jahren gegeben hat die trotz ähnlicher Voraussetzungen eben nicht groß wurden?
    Die Finanz-/Schuldenkrise hat unbestreitbar das Potenial eine der richtig großen Krisen zu werden, vielleicht endet sie tatsächlich mit einem Zusammenbruch des Schuldgeldsystems. Es gibt gute Argumente dafür. Zwingend ist das allerdings nicht.

    Auch was nun den Zeitraum einer großen Krise anbelangt halte ich die Ausführungen für wenig bedeutsamer als Kaffeesatzleserei. Ja, man kann Beginn und Ende der einzelnen Krisen so definieren wie es hier gemacht wurde. Man könnte aber auch (fast) beliebig viele andere Definitionen vornehmen und käme dann zu ganz anderen Ergebnissen hinsichtlich Beginn, Ende und Zeitspanne.
    Das erinnert schon stark an die die ganzen „Experten“ die uns HINTERHER erklären warum , was und wie passiert ist. Vornehmlich immer dann wenn sie vorher genauso schlüssig erklärt hatten warum es alles ganz anders wäre.

    Ja sicher, es stimmt schon. Schlau ist die Masse immer erst hinterher. Das trifft aber genausogut auch auf die Masse der Experten zu. Es gibt immmer 1000 Experten und 100 Meinungen dazu was kommen wird. Und 1 Meinung davon ist am Ende immer richtig. Und einige wenige (rechnerisch 10) hatten dann Recht, und die Masse (rechnerisch 990) lag falsch. Daran ist leider nichts ungewöhnliches, noch nicht einmal etwas besonders verwerfliches. Das ist simple Mathematik. Die Verteilung von Wahrscheinlichkeiten.

    Letztlich nimmt uns niemand das selber Denken ab. Und letztlich müssen wir immer selbst als Ergebnis dieses Denkens Handlungsentscheidungen treffen für die wir dann auch die Verantwortung zu tragen haben. Das genau dies von immer wenigen Menschen so gesehen wird führt leider zu immer mehr Dummheit und immer mehr sogenannter Experten. Aber ob wir nun selbst gedacht haben oder andere haben denken lassen: Die Folgen müssen wir trotzdem selbst tragen.

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