Großbritannien – Rating zum Abschuss freigegeben

21. Mai 2009 | Kategorie: Kommentare

Als ob es uns wundern würde… Großbritanniens Rating wackelt. Standard & Poor’s hat die Bonitätsbewertung der Staatsanleihen zwar vorerst bestätigt, den Ausblick jedoch erstmals gesenkt, wegen der Verschlechterung der öffentlichen Finanzen…

Ich traue den Ratingagenturen nicht. Zufälligerweise sitzen sie alle in den USA. Dort schlugen sie sich recht profitabel durch in den ganzen Jahre, ohne überhaupt zu bemerken, dass hier und dort Rauch aufsteigt, schon gar nicht im eigenen Land. Ich traue ihnen nicht, denn sonst hätten sie der USA längst ihr höchstes Rating weggenommen. Amerika ist für die Agenturen bislang einer der besten Schuldner der Welt – bei 11,2 Billionen (11.260.000.000.000 USD) Schulden…

Warnschüsse

Dass es Großbritannien irgendwann treffen wird, war lediglich eine Frage der Zeit. Die Insel hat sich verausgabt, gerade in den letzten Monaten, als man die Banken stützte. Bilanziell wankt das Empire schon lange. Es ist auf dem gleichen Weg wie viele Staaten, die ihre bitteren Lektionen lernen mussten. Erst kamen die Ausgaben, dann die Schulden. Dann brachen die Steuern ein, die Defizite weiteten sich aus. Und letztlich kam der Default um die Ecke gefahren, verbunden mit einer Flucht aus den Staatsanleihen. Und dann hat es lichterloh gebrannt.

Kein Pfund, mit dem man wuchern kann

Die britische Währung ist in den letzten Jahren immer weicher geworden. Briten, die von ihrer Pension im Ausland leben, kehren wieder zurück, da sie für ihre Währung im Ausland immer weniger bekommen. Wie schwer ist eigentlich noch ein Pfund? Im Vergleich zu anderen Währungen wiegt es immer weniger. Im Vergleich zum Gold ist es nur noch ein Fliegenschiss, im Vergleich zu früher.

„Wir haben unseren Ausblick für Großbritannien revidiert, weil wir annehmen, dass sich die Nettoschuldenlast der Regierung 100% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) annähern und dort mittelfristig verharren könnte, sagte S&P-Analyst David Beers. Die öffentlichen Finanzen hätten sich stärker verschlechtert als erwartet, hieß es zur Begründung. Vor diesem Hintergrund werde das Tempo der zu erwartenden Rückführung der Staatsschulden vorsichtiger bewertet, heißt es. Rückführung von Staatsschulden? Welcher Staat führt schon Schulden zurück? Vielleicht feiert man in der Ratingagentur heute auch Vatertag.

Magische 100 Prozent des BIP?

Anderen Ländern geht es ähnlich oder schlechter. Nach Berechnungen der OECD steigen die Gesamtschulden der USA von derzeit 72 auf 100 Prozent des BIP, in Japan von 172 auf 197 Prozent und in Deutschland von 65 auf 80 Prozent des BIP. Für alle Industrieländer legen die Schulden aufgrund der Krise von 80 auf 101 Prozent der Wirtschaftsleistung zu, so die OECD.

S&P erwartet, dass die Kosten für die Bankrettungen mit 100 Mrd. GBP bis 145 Mrd. GBP zu Buche schlagen werden. Zusammen mit der höheren Staatsverschuldung wäre dieses Niveau nicht mit einem „AAA“-Rating vereinbar, heißt es. „Die heutige Entscheidung von S&P klingt wie eine ernsthafte Warnung an die neue Regierung“, sagte UniCredit-Ökonomin Chiara Corsa. Die Kosten für neue Schulden und die Refinanzierung der alten werden teurer.

Die Reaktion folgte promt. Während im schwachen Aktienmarkt die deutschen Renditen für 10-jährige Anleihen fielen, hat es auf der Insel einen Schlag getan. Dort stiegen die Renditen. So sicher schien der Hafen dort drüben heute nicht mehr zu sein.

Die Bewertung für langfristige Schulden wurde vorerst bei „AAA“ belassen. Halleluja! Ein Sprecher von Premierminister Gordon Brown sagte, dass das Bekenntnis der Regierung zu nachhaltigen Finanzen „absolut“ sei. Absolut was? Glaubhaft? Nachhaltig? Richtig? Falsch? Groß? Klein? Wichtig? Lecker? zu salzig? Wir wissen es nicht, vermuten aber, dass die Spielräume bei der aktuellen Wirtschaftslage nicht groß sein können, um jetzt auch noch mit dem Sparen anzufangen. Das ist so, als ob man tief im Dispo steckt, einen 10-Euro-Sparplan bei der Bank startet und gleichzeitig um die Finanzierung einer neuen Küche bittet. Man könnte jetzt noch die Steuern erhöhen. Ja. Das hat man schon angekündigt.

Kritik an S&P

Die Opposition warf S&P vor, den Ruf des Landes mit der Senkung des Ausblicks zu untergraben. „Es ist wirklich ein mächtiger Schlag für unseren wirtschaftlichen Ruf“, sagte der Wirtschaftssprecher der Konservativen Partei, George Osborne, dem Sender BBC.

Vielleicht war es Absicht, um die USA im Vergleich zu Großbritannien besser dastehen zu lassen? Ich bleibe dabei: Ich traue den Ratingagenturen nicht. Dahinter steckt nicht nur eine Einschätzung über die Rückzahlbarkeit von Schulden, sondern auch viel Politik. Mein hoffentlich gesunder Menschenverstand sagt, dass es so nicht nur in Großbritannien weitergehen kann. Doch welche Möglichkeiten gäbe es? Ich sehe keine. Und zugleich frage ich mich, warum man längst nicht die Ratingagenturen in ihrem Rating abgestuft hat. Doch bitteschön… Wer soll das machen?

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