Große Probleme, kleine Probleme und der Superbowl-Indikator

7. Januar 2013 | Kategorie: RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Ich bin immer wieder beeindruckt, wie sehr den Entscheidungsträgern dieser Welt an uns krabbelndem, unmündigem Wahlvolk gelegen ist. Ich denke immer noch mit Dankbarkeit an die unlängst verbreitete Nachricht zurück, dass die EU uns mit einer Regelung von Duschköpfen und Brausen behilflich sein will, Wasser zu sparen…

Da wir mehrheitlich außerstande sind, Wasserhähne im rechten Moment in die richtige Richtung zu drehen, wird das eine wichtige und nachhaltige Lebenshilfe sein. Und wird dazu beitragen, vielleicht sogar ca. zehn Prozent dessen wieder einzusparen, was uns die Neuregelung der Wasser-/Abwasserkosten seit einem Jahr mehr kostet.

Ich freue mich auch darüber, dass man in den USA nun den entscheidenden Durchbruch geschafft hat. Wenn das kein „Deal“ ist, was dann? Man setzt die ein Jahr zuvor für den Fall eigenen Versagens selbst verordneten Haushaltskürzungen zwei Monate lang aus, um besser und intensiver an einer Lösung arbeiten zu können, der man sich zuvor durch widrige Umstände einfach nicht zeitgerecht hatte widmen können. Wie klug. Und dass die vor Jahren eingeführten Steuersenkungen jetzt für Menschen mit einem Jahreseinkommen über 450.000 US-Dollar zurückgenommen werden, ist doch ein entscheidender Schritt, um die albernen 16 Billionen Dollar Staatschulden nachhaltig gen Null zu führen. Sicher, die Ausgaben übersteigen damit weiterhin die Einnahmen, aber wer weiß, vielleicht wächst die US-Wirtschaft einfach von alleine wieder kräftiger, dann werden die Steuereinnahmen nur so sprudeln und das Defizit in ein- bis zweihundert Jahren von alleine verschwinden.

Und ja, wir sollten alle glücklich darüber sein, dass dieser Aufschub vorab in Gesetzesform beschlossener Ausgabenkürzungen existiert. Denn prompt hören diese zeitraubenden Verhandlungen auf. Und statt sich gegenseitig als unfähig und verantwortungslos zu beschimpfen, wird nun wieder regiert. Ist ja in den letzten Wochen sicher viel liegengeblieben auf den Schreibtischen der Mächtigen.

Einen erbärmlichen Kleingeist muss sich da schelten lassen, wer in einer solch bedeutsamen Zeit furchtsam die Hand erhebt, um sich nach Lösungen irrelevanter Nebensachen zu erkundigen. So beispielsweise nach der Antwort auf die Frage, wie höhere Steuern und eine Kürzung der Staatsausgaben die Schulden in den USA … oder Spanien, Griechenland & Co. … reduzieren sollen, wenn einerseits Steuererhöhungen die Kaufkraft senken, den Konsum bremsen und so durch die Hintertür der Produktionsminderung zu einer Reduzierung von Steuereinnahmen durch weniger Einkommen und mehr Arbeitslose führt? Während die Reduzierung der Staatsausgaben (die ja in Sozialausgaben, öffentliche Aufträge etc. münden) zum selben Effekt in der Wirtschaft (weniger Konsum durch weniger Aufträge, weniger Einkommen und weniger Arbeit) führen und sich so ebenfalls selbst neutralisieren, weil durch weniger Ausgaben auch weniger an Steuern reinkommt?

Nun, derartigen Unbelehrbaren kann man doch gelassen entgegenhalten: Schaut, deswegen waren die US-Oberen so weise und haben das Thema einfach mal vom Tisch genommen. Erinnern wir uns nicht, wie militantes Ignorieren schon immer zum Erfolg führte? Haben wir alle denn nicht als junge Menschen gelernt, dass die Monster weggehen, wenn wir nicht hinsehen? Eben. Also bitte, was soll das Gezeter!

Ein wenig vermisse ich indes eine umfassende, verbale Hilfestellung durch die US-Politiker nebst Notenbanken. In Europa hat man das besser gelöst. Hier erinnert man manchen dem Kindesalter entwachsenen Zauderer regelmäßig daran, dass der Höhepunkt der Krise überwunden ist. Bei der EU werden diese Sprüche mittlerweile scheinbar automatisch abgespielt, wenn Mikrofone nahen. Und auch Finanzminister Schäuble übt sich aktuell in steter Zuversicht. Das ist wichtig und richtig, denn es ist erforderlich, den Bürger durch frohgemute Worte in seinen Hauptaufgaben zu bestärken: Konsumieren und Klappe halten. Gerade jetzt, in Zeiten, in denen die, die nichts haben, zahlreicher werden. Denn da darf der, der noch hat, nicht durch dumme Gedanken wie „ich hab’ doch schon alles“ von seiner Bestimmung als Konsument abgelenkt werden. Recht so, sage ich!

Der gemeine Amerikaner hingegen bleibt dieser Tage etwas verwirrt vor der Ladentheke zurück. Alleine gelassen mit der Frage, ob er sich lieber einen Viertwagen oder doch einen Zweit-Pool zulegen sollte, um seinem Land zu dienen. Gut nur, dass das für die Börse nicht gilt. Seit Weihnachten habe ich auf CNBC mal die Quote zwischen bullishen und bearishen Experten, Analysten (was oft zweierlei ist) und Strategen (was dann erst recht etwas anderes sein kann) ermittelt. Diejenigen, die für 2013 um solide Aktiengewinne bei einer ebenso solide wachsenden Wirtschaft wissen (nicht glauben, nicht hoffen, nein, dergleichen Menschen „wissen“), siegten gegenüber Mahnenden und Warnenden ca. 24 zu 0. Und wenn dann noch aus dem Protokoll der jüngsten US-Notenbanksitzung durchscheint, dass die Mehrheit der dort im Offenmarktausschuss versammelten Weisen davon ausgeht, dass das Land noch in diesem Jahr wieder so stabil sein wird, dass man einer Stütze durch Anleihekäufe der Notenbanken nicht mehr bedarf – was soll da noch schiefgehen? (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Große Probleme, kleine Probleme und der Superbowl-Indikator"

  1. 4fairconomy sagt:

    „Sicher, die Ausgaben übersteigen damit weiterhin die Einnahmen, aber wer weiß, vielleicht wächst die US-Wirtschaft einfach von alleine wieder kräftiger, dann werden die Steuereinnahmen nur so sprudeln und das Defizit… von alleine verschwinden.“

    Hat diese Idee nicht Reagan so richtig zum Durchbruch verholfen?

    Weil das so prima funktioniert hat, wurde das Spiel inzwischen etwas modifiziert. Es fand sich leider niemand, der den Part der sprudelnden Steuereinnahmen übernehmen wollte. Das Geld wird nun direkt von der FED geliefert. Wenn nötig durch Hinterlegung einer Platinmünze im Nominalwert von 1 Billion. Die Diskussion einer dauerhaften Staatsfinanzierung übers Gelddrucken wird in den USA ernsthaft geführt, sogar von Nobelpreisträger Krugmann. Geld lässt sich zwar beliebig drucken, nicht aber Kaufkraft. Eine Währung, welche ihre Kaufkraft verliert, verliert ihr wichtigstes Gut, ihre Glaubwürdigkeit. Allerdings hält sich der Yen mit dieser Art der Geld- und Wirtschaftspolitik seit längerem erstaunlich gut. Wie lange noch?

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