Große Panik, weiche Birnen und die Rallye

30. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Dieser Mittwoch begann genau so, wie man es am Dienstagabend hätte vermuten können. Nachdem die Ratingagentur Standard & Poor’s nachbörslich eine ganze Reihe von US-Großbanken herunter gestuft hatte, startete der Tag mit Verlusten, weil man sich zu fragen begann, warum man sich eigentlich am Montag von den damaligen Kurssteigerungen ohne triftige Gründe hatte anstecken lassen. Doch das änderte sich schlagartig um 12:00 Uhr…

In diesem Moment gab die chinesische Notenbank bekannt, dass sie die Leitzinsen senkt. Sprich, sie wird den Mindestreservesatz zum Wochenende von 21,5% auf 21,0% senken. Das ist immerhin die erste Zinssenkung seit 2008, wenngleich eine ziemlich dünne. Das alleine sorgte für einen kräftigen, blitzartigen Kursanstieg, aber damit nicht genug:

Um 14:00 Uhr wurde gemeldet: Die EZB und andere große Zentralbanken (USA, Kanada, Großbritannien, Schweiz, Japan) senken die Zinsen für Dollar-Swaps und ermöglichen darüber hinaus auch Swaps in anderen Währungen. Swaps sind eine Art Tauschgeschäft für Liquiditätsströme. Darüber hinaus sollen bis auf weiteres billige Kredite mit drei Monaten Laufzeit an die Banken vergeben werden. Diese Maßnahme bedeutet nichts anderes, als dass Staaten und Finanzinstitute ab sofort nach Belieben das Geld bekommen, das sie gerne hätten. Und natürlich, wie schon 2008/09, ohne den Nachweis erbringen zu müssen, dass sie das Geld auch wirklich brauchen würden beziehungsweise wofür sie es verwenden!

Auch die Notenbanken untereinander wollen sich ab sofort gegenseitig im Falle der Notwendigkeit „swappen“ … und das mindestens bis Februar 2013, denn so lange gilt diese Vereinbarung.

Auf diese Nachricht hin, die völlig überraschend kam, weil ausgerechnet da nicht das Geringste im Vorfeld durchgesickert war, explodierten die Kurse förmlich. Der DAX stieg innerhalb von nur zehn Minuten um drei Prozent, obwohl er im Vorfeld schon nach der chinesischen Zinssenkung im Plus gelegen hatte. Ist die Welt nicht auf einmal wundervoll, sind jetzt nicht alle Probleme vom Tisch? Ich erlaube mir, Wasser in den Wein zu gießen und zu bemerken: Nein.

Im Gegenteil, das vergrößert die Probleme noch deutlich. Nur eben nicht jetzt. Für den Moment ist auf diese Art und Weise ein Pflaster auf die entzündete Wunde platziert worden, welches das Problem auf einmal harmlos wirken lässt. Aber in Wirklichkeit verhindert es den Blick auf eine Entzündung, die den Patienten, ob wir ihn EU oder gleich Weltwirtschaft nennen wollen, damit nicht nur wirklich ernsthaft gefährdet, sondern womöglich endgültig ins Jenseits befördert. Ich meine:

Dass die Zinssenkung in China mit einem euphorischen Kurssprung bewertet wurde, nachdem die Aktienmärkte vorher ebenso wie der Euro in den Seilen hingen und im Minus lagen, ist ein weiteres Signal dafür, dass die Anleger bereit sind, nach jedem auch noch so erbärmlichen Strohhalm zu greifen, um „ihre“ Kurse irgendwie wieder nach oben zu bekommen. Denn die Angst vor einem erneuten Abwärtsimpuls, welcher die bisherigen Tiefs nach unten durchbrechen könnte, ist riesengroß – und die Rat- und Hilflosigkeit ebenso.

Eine Senkung der Leitzinsen beziehungsweise des Mindestreservesatzes von 21,5% auf 21,0% ist nur ein Symbol. Davon wird Geld dort nicht nennenswert billiger. Aber es ist ein Symbol dafür, dass das Wachstum in China jetzt von alleine nachlässt, was auch die Konjunkturdaten der vergangenen Wochen und Monate belegen. Das kann einfach nicht gut für die Börsen seien, aber man reagiert einfach stereotyp nach dem schon 2007 fatal falschen Prinzip: Zinssenkung = bullish. Damals hat sich das als dumm erwiesen. Diesmal wird es nicht anders sein. Aber… (Seite 2)


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6 Kommentare auf "Große Panik, weiche Birnen und die Rallye"

  1. crunchy sagt:

    Zuvor auf Hosianna gepostet, passt aber besser hierher:
    Hurra! Wir haben eine neue Weltreservewährung: Die Chinesen sind mit ihrem Renmimbi(Volksgeld) Yuan mit dem Gelddrucken vorangegangen.
    Die `konzertierte´ Aktion des USD/YEN/GBP/EUR/CHF durfte danach folgen. Wer hat den Taktstock? Nein, die Schweizer sind´s nicht!
    Welch´ eine freudige Adventszeit: Geld, das jeder braucht und dennoch nichts wert ist, ergeilt Leute, denen Nullen wichtiger als Werte sind.
    Und dabei steigen Aktien/Anleihen stärker als Werte, auf die man seit Jahrtausenden vertraut. Das nenne ich mal Blase! Eine Blase, die ungewollt (?)von den Zentralbanken, die Liquidität in die falsche Richtung schiebt. Bei den Edelmetallen tut sich noch wenig, bei den klassischen Investments dagegen viel: Das zeigt das Problem des Geldsystems symptomatisch auf und ist Beweis dafür, dass der Megatrend in den Edelmetallen, nicht in den klassischen Investments, liegt.
    Ich warte nun schon seit Monaten darauf, dass ich meine Silberposition verdoppeln kann, nachdem ich sie im April halbierte: Wenn das sooo weitergeht, bekomme ich sie für die erträumten USD 24,-(und kleiner)!

  2. crunchy sagt:

    Ach, ich könnte noch ein paar Nullen nachschieben
    (kein Wunder, dass den Amis die Nerven flattern):

    http://inflation.us/charts.html

    Gold! Goold!! Gooooold! … Und natürlich Silber!

  3. FDominicus sagt:

    Wurde hier dieses Szenario nicht beschrieben irgendwo unter crack-up Boom?
    Die Blase wird weiter aufgeblasen, statt Luft abzulassen. Zentralbanken im Panikmodus trifft es auf den Kopf. Es sind die letzten Züge eine völlig pervertierten Marktsystems. Und diesmal zeigt es sich weltweit, „wir haben keine Ahnung, davon aber jede Menge“….

  4. gilga sagt:

    Ja, die Notenbanken und die einsetzende oder ausbleibende Panik der Massen werden wohl nun über die Zukunft der Börsen bestimmen.

    Alle anderen Rettungsversuche (und vermutlich auch ein Einschreiten der EZB), sei es der ESFS, IMF etc, in Europa sind entweder schon jetzt gescheitert (einfach mal die Zinsen anschauen und das Kapital dagegenhalten; inkl. ESFS) oder werden nur ein wenig Zeit+Panik kaufen (EZB).

    Ein schönes Papier auch zu diesem Thema (Hayman Capital Managament / Kyle Bass): http://www.scribd.com/fullscreen/74335711

  5. sachse sagt:

    ZU VIEL GELD IST UNTERWEGS !

    Italien ist kein Problemfall, das Land ist den Umgang mit Krisen gewohnt, die Staatsverschuldung besteht hauptsächlich gegenüber Inländern und die Unternehmen sind hervorragend innenfinanziert (als Ergebnis der Jahrzehnte langen Erfahrungen mit ineffizienten italienischen Banken). Das Problem ist die Spekulation!

    Frankreich hat bis auf den manifesten Gewerkschaftseinfluß keine Probleme! Hier sind ebenfalls die Spekulanten das Problem und als kleinen Vorgeschmack haben diese in 2 Stunden der Abstufung einen kräftigen Schluck aus der Pulle genommen. Hier wurden ganz schnell hunderte Millionen „verdient“, um die Kriegskasse der „Märkte“ aufzustocken.
    Wieso sind die europäischen Banken mit der 16-fach höheren Summe im $-Raum investiert, als US-Banken im €-Raum. Der $ ist höchst gefährdet, hier schläft die Bombe! Es besteht mehr Liquidität als nötig, eine Repatriierung der Gelder würde das Risiko unseres Geldsystems verringern und wir könnten uns endlich mal wieder mit Problemen der realen Welt beschäftigen.

    Das Problem ist das zu viele Geld. Die gegenwärtige Hausse und die weiteren Überraschungen die da kommen, sind hier angelegt. Diese tragen die Spekulation und die irrwitzigen Investitionen des Finanzsektors. Glaube doch bloß niemand, die geschenkten Mittel würden so eingesetzt wie sich das der FiMi oder andere Handelnde der berliner oder brüssler Sheepworld vorstellen. Hier wird kräftig gegen die Republik und den € gewettet! Es gibt keine Solidarität mit der Hand, die füttert. Das haben selbst schon die Landesbanken vorgemacht: kaum 6 Monate nach den Rettungsaktionen mit der Übernahme der faulen Papiere in Staatsfonds waren sie wieder voll mit den Schrottpapieren!

    In die Realwirtschaft tropft kaum etwas von den bereitgestellten und auch schon ausgegebenen Mitteln: Immobilienkredite sind so teuer wie vor 5 Jahren, kaum eine zukunftsweisende industrielle Investition wird zu erträglichen Zinsen finanziert.
    Aber die eingebrockte Inflation, die so sicher kommt wie das Amen in der Kirche, die dürfen wir auslöffeln!

    Gruß aus Dresden

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