Großbritannien: Hundstage auf der Insel

7. Juni 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Der turnusmäßige Report zur Konsumentenstimmung in Großbritannien scheint sich trotz der teils deutlichen Worte in der Pressemitteilung nun zum Teil dem Prinzip Hoffnung verschrieben zu haben. Das Gespenst der Rückkehr der Rezession sei vertrieben worden, heißt es…

Wie sich dies aus einem weiter fallenden Index ablesen lässt, bleibt das Geheimnis der britischen Auguren…

Kurz zu den Aussagen des Chefvolkswirtes von Nationwide, Herrn Gardner.

  • Der Index des Konsumentenvertrauens steht nahe dem Rekordtief aus der Rezession.
  • Der Index steht bei 43 Punkten und damit 32 Punkte tiefer als vor einem Jahr
  • Es gibt keine Anzeichen einer Besserung, aber eine Tendenz zur Stabilisierung
  • Die kleine Korrektur im Vormonat war kein Beginn einer Erholung. Es könne noch geraume Zeit dauern, bis eine solche einsetze.

Es wird nicht besser, aber es stabilisiert sich. Der Index ist unterdessen wieder in der Nähe des Rekordtiefs geplumpst und fällt weiter. Wir nehmen das zur Kenntnis.

Hier der entsprechende Auszug aus dem Report:

Clearly, consumers are still feeling downbeat about the current situation and there is little to suggest that they expect things to improve much over the coming months. However, the data does suggest a degree of stability, with only small movements seen across the various measures in April. The past 12 months have seen confidence progressively fall back towards the lows recorded during the recession. It now seems fairly safe to say that the up tick we saw in March was not the beginning of any sustained resurgence in confidence. It may be some time yet before we begin to see this emerge.

Verwunderlich ist neben einigen direkt auffallenden Widersprüchlichkeiten die seltsame Überschrift, mit der obiger Absatz versehen wurde. Dieser lautet im Original „Fears of a double-dip recession dispelled”. Das Gespenst des Rückfalls in die Rezession sei also vertrieben worden. Woher der gute Mann diese Hoffnung nimmt bleibt im Nebel. Nun haben wir uns an vielerlei Aussagen von Volkswirten gewöhnt, die Ihr gesamtes bisheriges Arbeitsleben in einem Umfeld globaler Kreditausweitung verbracht haben. Dennoch ist die Geschwindigkeit des Meinungswechsels beachtlich. Im Vormonat wurde der kleine Zacken nach oben fast schon als die keimende Saat der Trendumkehr betrachtet. Nun ist die komplette Umkehr dieser Erholung und der wieder an Fahrt gewinnende Fall gen Süden gar gleichbedeutend mit der Vertreibung des „double dip“-Gespenstes aus dem Garten der Wirtschaftsharmonie.

Die Frage, ob sich Großbritannien auf eine Rezession zu bewegt kann natürlich auch von unserer Seite mit einem nein beantwortet werden. Das Land ist bereits mittendrin. Wie sooft warten Ökonomen in Diensten von Banken und Fondsanbietern mit dem Eingeständnis des Offensichtlichen so lange, bis die Erkenntnis auch den letzten bereits erreicht hat. Man kann den Eindruck erwecken, viele dieser medial präsenten Damen und Herren fassen eine Rezession in irgendeinem Land der westlichen Hemisphäre als persönliche Niederlage auf… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2 3

Schlagworte: , , ,

12 Kommentare auf "Großbritannien: Hundstage auf der Insel"

  1. Karl Napp sagt:

    „Großbritannien“ steht ein Strukturwandel bevor, der sich gewaschen hat.“

    Was ist damit gemeint? Wie kann die neue Struktur aussehen? Ich gehe jetzt davon aus, dass mit Strukturwandel nicht der Zerfall, sondern die Wende zum Besseren gemeint ist.

    Industriearbeitsplätze, das ist eine Lehre aus der Arbeit der Treuhandanstalt, sind schneller abgebaut als neu geschaffen. Hier sind also keine Wunder zu erwarten. Die Rohstoffe (Öl und Gas) gehen zur Neige.

    Der vielgepriesene Wandel zur Serviceindustrie (gemeint war wohl die parasitäre Finanzindustrie) ist grandios gescheitert.

    Ein High-Tech Land war Großbritannien höchstens im 19. Jahrhundert. Von den Neuen Industrien wie bsw. den erneuerbaren Industrien wird deshalb auch nicht viel in UK hängen bleiben.

    Darüber hinaus kommt man an der Erkenntnis nicht vorbei, dass selbst die derzeitig bestehenden maroden Strukturen nur mit Subventionen zw. Steuererleichterungen mühsam am Leben gehalten werden. Das ist aber nicht mehr nachhaltig darstellbar. Schönes Beispiel die VAT, erst runter dann wieder rauf. Hier ist keine Abfederung des Abschwungs mehr zu erwarten.

    Wie also kann der Strukturwandel aussehen?

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo zusammen,

      @Karl Napp

      Mit dem Strukturwandel ist eine massive Veränderung der ökonomischen und gesellschaftlichen Strukur gemeint. Daraus kann eine Wende zum Besseren werden, wobei dies nicht mit der einfachen Gleichung „besser = jeder hat morgen mehr Geld in der Tasche“ zu übersetzten ist. Aber eines ist sicher: Das wird lange Jahre oder auch Dekaden dauern.

      Sie sprechen die Kernprobleme in Ihrem Kommentar an. Keine ernstzunehmende Industrie, die Infrastrukturqualität ist – höflich formuliert – schwach. Die Volkswirtschaft hat in den vergangenen Dekaden auf schuldenfinanzierten Konsum umd einen vollkommen überdimensionierten und, wie Krise und Verstaatlichung gezeigt haben, offensichtlich nicht leistungsfähigen Finanzsektor gesetzt.

      Der Wandel wird zunächst aus einem Abstieg bestehen, vor allem hinsichtlich des nicht mehr finanzierbaren Scheinwohlstandes. Ob sich aus der Neuallokation der Ressourcen bei gleichzeitig wachsender Importabhängigkeit im Energiesektor schnell etwas zum „wirtschaftlichen Guten“ entwickelt ist fraglich. Auf lange Sicht dürfte aber am Abriss des Alten kein Weg vorbei führen, je eher man damit anfängt, desto mehr hat man diesen Umbau selbst in der Hand. Wie es in der Regel der Fall ist hat auch Großbritannien lange gebraucht um einzusehen, dass der Weg in den Scheinwohlstand ein Irrweg war. Ob dies überhaupt eine Mehrheit der „Entscheider“ so sieht, ist fraglich.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • samy sagt:

        Aloha Herr Ponzi,

        Zustimmung zu Ihrer Meinung. Bleibt die Frage, ob dieser „Strukturwandel“, überhaupt ohne eine protektionistische Phase vollzogen werden kann? Ich selbst halte diese Dekade für vollkommen unberechenbar und könnte mir sehr wohl den Anfang einer Deglobalisierung vorstellen. Denn die Nachteile derselben überwiegen für die Abendländischen VW, Güter mit nicht kopierbaren Alleinstellungsmerkmalen sind hier rar gesät und bestimmt nicht in den UK zu finden.

        Wer weiß, vielleicht werden die Republikaner einer Anhebung des Schuldendeckels schon jetzt nur dann zustimmen, wenn z.b. die US-Wirtschaft mit Strafzöllen geschützt wird?
        Ich rechne nicht mit einer raschen Lösung beider Kongressparteien, dass war auch bei der Verabschiedung des diesjährigen Haushaltes nicht der Fall und hier stritt man nur um ca. 30 Milliarden mehr oder weniger.
        Lange Rede und kurzer Sinn, es wird für die in Not geratenen westlichen VW keinen erfolgreichen Strukturwandel ohne Protektionismus bzw. Handelskriege geben. Die Folgerisiken sind mir klar, samt militärischer Konflikte. Aber jedes weitere Jahr das abgewartet wird, schwächt die Angelsachsen und stärkt Asien, so könnte die Sichtweise einiger Think-Tanks sein.

        VG

  2. utze sagt:

    Ich habe da mal eine Frage zu meiner finanziellen Situation. Ich habe meinen firmenkredit in britischen Pfund laufen aufgrund der schlechten Situation in gb. Die komplette Summe ist zusätzlich über Edelmetalle abgesichert. Allzu viel sollte somit wohl nicht schiefgehen. Mich interessiert nur, was passieren würde im Falle einer euroauflösung? Dann gäbe es doch in Deutschland sicherlich so oder so eine stärkere Währung als mit dem Euro. Ob nun nordeuro oder d- Mark. Übersehe ich irgendwelche Risiken oder würden Sie sagen: super gemacht, alles tutti.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo,

      @utze
      Offensichtlich ist das Risiko eines Anstiegs des Pfunds gegen den Euro, respektive gegen Ihre Heimatwährung.

      Wie die „Absicherung des Kredites über Edelmetalle“ als Kreditnehmer, der Sie ja sind, funktioniert, ist uns nicht klar. Üblicherweise sollte sich ja der Kreditgeber absichern, nicht der Kreditnehmer. Falls Sie aber mit dem geliehenen Geld Gold gekauft haben sollten, tragen Sie natürlich das Risiko eines Goldpreisrückgangs.

      Wenn Sie mit einer Euroauflösung einen totalen Wertverlust des Euros meinen sollten, dann haben Sie immer noch Ihren Pfund Kredit. Ein Blick in die Kreditbedingungen wäre hier ratsam, ggf. kommt es in einem derartigen Fall zu einer sofortigen Fälligstellung – keine schöne Sache. Andernfalls haben Sie eine offene Wette auf die Stärke der Nachfolgewährung.

      Alles in allem geht man auf diesem Wege also eine ganze Menge Wetten ein. Wir geben an dieser Stelle gewohntermaßen keine direkten Anlagetipps. Wir raten aber von Krediten, die rein aus Spekulationsgründen in Fremdwährung aufgenommen werden, ab. Ebenfalls raten wir von kreditfinanzierten Käufen von Wertpapieren oder Edelmetallen ab, dieser Schuss kann schnell nach hinten losgehen.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  3. Marcus sagt:

    Bin gerade in den USA.

    Großer Aufmacher am 07.06.11 auf ersten Seite bei US Today: „U.S. owes $ 62 trillion … Unfunded obligations amount to $ 534,000 per houshold“. Im letzten Jahr sind sage und schreibe 1,5 Trillionen dazu gekommen, irre.

    Die 62 trillionen sagen keinem was, aber das die Summe per Haushalt erschlägt jeden.

    Das errechnet so eine unabhängige Gruppe aus Chicago und listet auch die größten Positionen auf. Das Staatsdefizit ist ein eher kleiner Betrag: Nr. 1 Medicare 25, Social Security 2 Billion USD

    So wie ich das verstehe fehlen die privaten Schulden, die müssten noch zu den 534.000 addiert werden. Dann ist man sicherlich zwischen 575.000 und 600.000 USD.

    Um es mit mit dem sog. Volkseinkommen (GDP) in Relation zu bringen fehlen noch die Verbindlichkeiten der Unternehmen. Dann sind wir sicherlich bei 100 Trillionenm USD, das muss mit den 14 – 15 Billionen GDP getilgt werden, es ist das 7fache des GDP.

    Keiner kann einen Kredit zurückzahlen, der das 7fache des Einkommen ausmacht. Angenommen er kann 10% vom Einkommen sparen, was einer ungeheuren Anstrengung bedürfte, braucht er 70 Jahre, dazu noch die Zinsen.

    Fazit: aussichtslos.

    Oder mache ich einen Denkfehler?

    Best wishes from America.

    Marcus

    • samy sagt:

      Hi,

      ich weiss nicht ob du berücksichtigst, dass es im Angelsächsischen nicht üblich ist, dass Wort Milliarde zu nutzen. Es wird schlicht ausgelassen.
      Will heißen, dass unsere Milliarden und Billionen im Englischen die Billionen und Trillionen sind.

      Die FTD macht solche Fehler gelegentlich auch.

      Oder aber du solltest in deiner deutschen Kommentierung bitte wieder das Wort Milliarde nutzen, sonst komm ich als Leser durcheinander.

      VG

      PS: Trotzdem interessant, die wachen auf. Ca. 60 Billionen „unfunded Obligations“, dass klingt viel bei einem BSP von ca. 14 Billionen Dollar. Kenne bisher nur horrenden Verpflichtungen die so 2020 auf die US-Admin. zukommt in Form der unfunded liabilities aus social care, medicaid usw..

  4. […] Rott & Meyer: Großbritannien: Hundstage auf der Insel […]

  5. utze sagt:

    Ich habe mein firmeninventar darüber finanziert. Mit Absicherung meinte ich,dass ich Edelmetall halte, welches die Höhe meines Kredites übertrifft. Mit der sofortigen Fälligkeit im Falle eines währungskollapses in der eu muss ich mich mal schlau machen. Das wäre ja wirklich mehr als ärgerlich. Ich dachte nämlich, dass ich im Fall der Fälle den Kredit schön mit der neuen Währung tilgen könnte.
    Danke für den tipp.

  6. wolfswurt sagt:

    Die Sicht auf Britannien ist zu negativ.

    Es gibt mehr deutsche Ärzte die in GB arbeiten des Verdienstes und der Arbeitszeiten wegen als umgekehrt.

    Während in einer deutsche Autobahnraststätte an einem Wochentag gähnende Leere herrscht, ist die Raststätte in GB überfüllt bei Preisen von 2.80 Pounds pro Cheesburger. Selbiges gilt für die Besucherfrequenz der PUB´s zur Mittags- und Abendzeit.

    Die wirtschaftliche Aktivität in GB wird im Unterschied zu Deutschland nicht von Großkonzernen getragen, sondern von Kleinunternehmen ab 1 Mann/Frau.

    Industrialisierung ala Deutschland empfindet meine Wenigkeit eher als Übel denn als Segen.

    PS.: Beim Versuch in einer Nationwide Filiale Euros in Pfund zu wechseln, bedeutete man mir das kein Interesse besteht und verwies mich an Moneychange. Meine Frage ob Dollar´s angenommen würden, wurde bejaht!

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo,

      @wolfswurt

      Sie sprechen zwei verschiedene Dinge an. Zum einen gehen Sie auf die wirtschaftliche Situation ein. Diese ist in UK unserer Meinung nach sehr schlecht. Wir würden dies – oder das Gegenteil – aber nicht daran festmachen, ob eine bestimmte Berufsgruppe lieber in England arbeitet oder anderswo. Auch viele Banker zieht es nach London, sicher nicht wegen des Wetters. Ist der britische, im großen und ganzen verstaatlichte Finanzsektor deshalb gesünder?

      Beim zweiten Punkt stimmen wir Ihnen teilweise zu. Eine gesunde Wirtschaft basiert sicher nicht allein auf der Industrie. So sehr aber auch volle Raststätten oder Pubs ins Auge fallen mögen, gesamtwirtschaftlich aussagekräftig sind sie nicht. Wenn die Wirtschaftskraft an gefüllten Kneipen zu erkennen wäre, dann würden einige skandinavische Länder sich sehr umschauen.

      Natürlich ist eine gute Binnenwirtschaft wichtig. Wer aber ohne Industrie auskommen will und nicht die Welt mit leicht zu fördernden Rohstoffen beglücken kann, der darf auch nur soviel ausgeben, wie dies einem nicht industrialisierten Land möglich ist. Das ist in UK nicht geschehen.

      Die mittlere Verschuldung der privaten Haushalte ist enorm, von daher kann es in die Irre führen, in die Einschätzung des finanziellen Wohlstandes der Bürger Dinge einfließen zu lassen, die nicht bezahlt sind. In der Betrachtung der Gesamtverschuldung (Staat, Bürger, Unternehmen) kann es das Vereinigte Königreich bei einer Quote von rund 500% des BIP locker mit Japan aufnehmen. Leider.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.