Griechische Wochen? Monate? Jahre!

1. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Griechenland, immer wieder Griechenland: Einigung am Freitagabend in Brüssel? Welche Einigung? Etwa, dass am Montag und am Dienstag weiter verhandelt wird? Dass die griechische Regierung bis Ende April ihre Reformpläne konkretisieren und bis Ende Juni auf ein neues Hilfsprogramm hoffen darf? Von wegen Einigung! Stattdessen: schon wieder nur Zeitgewinn.

Die einen sprechen von griechischen Wochen, die anderen von griechischen Monaten. Sprechen wir lieber von fünf und von 14 griechischen Jahren. Denn 2010 begann der zweite Teil der bis heute anhaltenden Griechenland-Krise. Ihr war im ersten Teil 2001 unter ominösen Umständen der Beitritt Griechenlands zur Eurozone vorangegangen. Am vergangenen Mittwoch wurde ich an die Krisenjahre und all ihre Begleitumstände erinnert (Soffin, ESM, EFSF, EBA, OMT, Dicke Bertha usw.), als der streitbare Professor Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner ifo-Instituts, zu Gast in unserem Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten weilte.

Hier sind einige Zitate zum Griechenland-Debakel, die es in sich haben: „Risiken von Anlegern wurden auf Steuerzahler der Eurozone verschoben. – Steuerzahler sind in der Haftung. – Es gibt keine sinnvolle Alternative zum Grexit und keine Alternative zur europäischen Konföderation. – Die Griechen kaufen sogar Tomaten aus Holland. – Griechenland ist insolvent und braucht den Schuldenschnitt. – Im Januar floss viel griechisches Kapital nach Deutschland. – Der Londoner Immobilienmarkt wird von Griechen dominiert. – Griechenland wird in der Nato bleiben wollen, blufft aber viel mit Putin.“

Diese Zitate umfassen das ganze Spektrum des Problems, mit dem wir uns als Anleger und Steuerzahler noch jahrelang beschäftigen werden. Im Rückblick fragt man sich, ob die verantwortlichen Politiker, Bürokraten, Banker und sonstigen Entscheidungsträger noch alle Tassen im Schrank hatten, als sie vor fünf Jahren mit der vermeintlichen Rettung Griechenlands begannen. Da wurde, wie heute immer noch, taktiert, gepokert und allzu oft auch gelogen. Lassen wir doch einfach mal die Ereignisse der vergangenen fünf Jahre Revue passieren, weil sie aus heutiger Sicht geradezu entwaffnend wirken:

Der große Neustart: Kriege um Gold und die Zukunft des globalen Finanzsystems

Im Frühjahr 2010 beschlossen die Finanzminister der Eurozone einen Rettungsplan für Griechenland in Höhe von 110 Milliarden Euro – der Beginn einer Milliardenschlacht. Kanzlerin Angela Merkel kommentierte, deutschen Steuerzahlern entstünden daraus keine unmittelbaren Risiken – wie es um die mittelbaren bestellt war, verschwieg sie. Besonders putzig äußerte sich der damalige Eurogruppenchef und jetzige Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, zum Rettungsplan: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Griechenland diese Hilfe nie wird in Anspruch nehmen müssen, weil das griechische Konsolidierungsprogramm in höchstem Maße glaubwürdig ist.“ Einfach unglaublich!

Die griechische Regierung versprach, das Haushaltsdefizit in Höhe von damals 13,6 Prozent der Wirtschaftsleistung schon bis 2014 unter 3 Prozent zu drücken. Hat damals wirklich jemand an diesen faulen Zauber geglaubt? EU-Kommissar José Manuel Barroso lobte das griechische Versprechen, zur Senkung des Haushaltsdefizits drastische Sparmaßnahmen einzuführen. Währenddessen protestierten 17.000 Griechen dagegen, und auf den Straßen in Athen kam es zu blutigen Auseinandersetzungen.

2010 erreichten die griechischen Staatsschulden annähernd 330 Milliarden Euro; zehn Jahre zuvor hatten sie erst rund 140 Euro betragen. Doch darüber regte sich niemand von den Verantwortlichen mehr öffentlich auf. Anders in kleinen Zirkeln der Entscheider, die längst gemerkt hatten, was für ein Milliarden-Lapsus ihnen da unterlaufen war. Kurzum, Griechenland steuerte schon damals auf eine Pleite zu, und die anderen Euroländer mussten schleunigst einspringen, um zu retten, was noch zu retten war.

Dann kam die Stunde von Super-Mario Draghi, dem EZB-Chef, der am 26. Juli 2012 aus Anlass der Global Investment Conference in London die folgenden markigen Worte sprach, die in die Geschichte eingehen werden: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.“ Alles unternehmen, um den Euro zu erhalten, das war die Botschaft. Mehr noch, es handelte sich um die verbale Vorwegnahme dessen, was die EZB vom kommenden Monat an praktizieren wird: die Märkte in unvorstellbarem Umfang mit Geld fluten.

Gburek_Online_-_2014-03-14_22.19.28Draghi hatte vorher öffentlich und mediengerecht Steilvorlagen aus berufenen Mündern erhalten, die sich so anhörten: „Frankreich ist nicht Griechenland.“ (IWF-Chefin Christine Lagarde) „Portugal ist nicht Griechenland, Spanien ist nicht Griechenland.“ (Jean-Claude Trichet, ehemaliger EZB-Chef) „Italien ist nicht Griechenland.“ (Rainer Brüderle, FDP-Politiker) Dem Süddeutsche Zeitung Magazin gebührt das Verdienst, dieses Gestammel und noch viel mehr – zum Beispiel „Spanien ist nicht Uganda“ (Mariano Rajoy, spanischer Ministerpräsident) – am 20. Juli 2012 veröffentlicht und damit die Steilvorlagen für EZB-Chef Draghi einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht zu haben.

Wenn Sie in diesen Tagen wieder einmal verstärkt mit dem Thema Griechenland konfrontiert werden, denken Sie bitte an die Aussagen von ifo-Chef Sinn, an die Konsequenzen für Sie als Anleger und Steuerzahler – und daran, dass die derzeitigen Verhandlungen der Griechen mit den Gläubigern alles andere als Kasperltheater sind, wie sie uns von vielen Medien dargeboten werden. Dass Spanien nicht Uganda ist, okay, aber Frankreich nicht Griechenland, schon da habe ich gewisse Zweifel. Wir werden sehen. Bleiben Sie auf der Lauer!
Manfred Gburek – Homepage


 

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5 Kommentare auf "Griechische Wochen? Monate? Jahre!"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    TEXT WAHLPLAKAT CDU 1999

    Was kostet uns der Euro?
    Muss Deutschland für die Schulden anderer aufkommen?
    Ein ganz klares Nein!
    Der Maastrichter Vertrag verbietet ausdrücklich, dass die EU oder die anderen EU-Partner für die Schulden eines Mitgliedsstaates haften.
    Mit den Stabilitätskriterien des Vertrags und dem Stabilitätspakt wird von vornherein sichergestellt, dass die Nettoneuverschuldung unter 3% des Bruttoinlandsproduktes begrenzt wird. Die Euro-Teilnehmer werden daher auf Dauer ohne Probleme ihren Schuldendienst leisten können.
    Eine Überschuldung eines Euro-Teilnehmerstaats kann daher von vornherein ausgeschlossen werden können.
    Text Ende.

    Die Leute der CDU/CSU erzählen heute immer noch den gleichen Blödsinn zu den Geldproblemen in der EU.
    Ja- liebe Wähler der CDU/CSU, soviel halten die Eliten der CDU/CSU von Eurer Intelligenz als Wähler und sind sich sicher wiedergewählt zu werden.
    Wir Deutschen sind schon ein seltsames Völkchen. Wir glauben unseren Führern so lange, bis das was über uns zusammenbricht, uns auch erschlagen hat.
    Das erinnert mich daran, dass der Endsieg noch propagiert wurde, als der Kessel um Berlin schon so klein war, dass die Russen sich versehentlich (durch den Kessel hindurch) gegenseitig erschossen haben.
    Was muss denn noch passieren, damit das Volk aufwacht.
    Oder sagen hinterher wieder alle, dass sie davon nichts gewusst haben.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

    • cubus53 sagt:

      Hallo Herr Weber,

      das war schon immer so im Laufe der Geschichte und betrifft im Grunde alle Länder. Das „Volk“ lässt sich von mehr oder weniger korrupten, machtbesessenen und egomanen Menschen regieren. Es lässt mit sich (fast) alles machen, obwohl man die Machthaber ganz leicht aus dem Land jagen könnte. Eventuell könnten die Psychologen mehr zu diesem seltsamen Verhalten sagen. Aber selbst dann würde sich auch nichts ändern.

      • bluestar sagt:

        „Die Psychologie der Massen“ wurde erstmals 1895 wissenschaftlich aufgearbeitet und in Buchform von Gustave Le Bon herausgegeben. Basislektüre für jeden aufgeklärten Menschen,
        der das Verhalten der Masse begreifen möchte.
        Masse ist blöd, manipulierbar, korrumpierbar, spaltbar, lenkbar – auch im Handeln gegen die eigenen Interessen. Das kollektive Gedächtnis ist extrem kurz, Denken in Zusammenhängen unmöglich, das Unterbewusstsein für die Interessen der Herrschenden perfekt manipulierbar.
        Seit 1895 hat sich eine Menge verändert – allerdings nicht im Verhalten der Masse, wie auch die Wahlergebnisse für die Blockparteien der GROKO ( trotz wiederholten Lügen und gebrochener Versprechen und Rechtsbrüche ) anschaulich belegen.
        Ich wage sogar die These, dass die Masse durch die perfekt organisiere Verblödungsindustrie
        und Sozialstaatsdiktatur heutzutage noch verblödeter und korrumpierter ist wie 1895.

  2. falke sagt:

    Klasse Doku: Macht ohne kontrolle – die troika
    Lief letztens mitten in der Nacht auf Arte…

    Da liefs mir kalt den Ruecken runter. Meine Meinung: Griechenland, Spanien, Portugal & Co werden solange „gerettet“ werden bis alles verkauft ist.

    Wenn ich mir angucke wie es dazu gekommen ist, (alles andere als ploetzlich), wenn ich mir anschau wie das mit den sog. Steueroasen funktioniert…
    Wo meist Grosskonzerne Gewinne quasi unversteuert abschoepfen. Wenn ich mir anschau wie Banken ihre Staatsanleien irgenwie Steuerzahlern aufgebuerdet haben…und das alles MIT unterstuetzung der Politik. Ich koennt nur Kotz**.

    Die Politik will doch garnichts aendern! Politik und Wirtschat ist eins geworden! Keine politische Entscheidung ohne das es der (Privat)Wirtschaft nuetzt!
    Uns Deutschen gehts ja blendend.!
    Aber Uhrploetzlich und weil es keiner voraussehen konnte stehen wir frueher oder spaeter auch mit runtergelassenen Hosen da!

    Jaaa… zerbommt die Ukraine, zum Wiederaufbau brauchen die Kredite. Die aber gibts nur wenn ordentlich privatisiert wird. Und zwar alles, Winterschlussverkauf..alles muss raus. Jetzt und schnellstmoeglich zu dumpingpreisen! Wer wird da wohl provitieren, wer bezahlen??

    Es gibt also Moeglichkeiten.
    1. Ein Land in die Kriese treiben und direkt zerbomben und zerstoeren um es danach wiederaufzubauen (auszupluendern und zu kontrollieren).
    2. Ein Land muss in die Pleite getrieben oder geleited werden, um es danach wiederaufzubauen (auszupluendern und zu kontrollieren).
    3. Man benutzt Politik um ein Land langsam herrunterzuwirtschaften (super provitmoeglichkeit) um danach direkt Moeglichkeit 1 oder 2 anzuwenden um noch mehr zu verdienen. Und letzlich Kontrolle zu erlangen.

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