Griechenland und die große Umverteilung

20. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Manfred Gburek) Der schon fast zwei Jahre anhaltende, am Freitag mit ersten Verhandlungserfolgen in eine neue Runde gegangene Streit um die Rettung Griechenlands deutet wieder einmal auf ein uns alle betreffendes Phänomen hin. Dafür gibt es in der Volkswirtschaftslehre den Begriff Verteilungstheorie…

Dagegen sprechen mit den praktischen Gegebenheiten vertraute Politiker – vorerst lieber noch hinter vorgehaltener Hand, demnächst aber wohl immer häufiger offen – von Umverteilung.

Diese hat längst begonnen. Oder besser gesagt: Es gibt sie, seit die Menschheit existiert, mal mehr, mal weniger. Zurzeit bewegen wir uns sogar auf viel mehr statt weniger zu. Davon werden wir alle betroffen sein. Der Fall Griechenland, wo es zuletzt scheinbar nur um den Ausgleich der Interessen privater Gläubiger – sprich Banken – und der völlig überschuldeten Hellenen ging, gerät da bestenfalls zu einer kleinen Fußnote im dicken Buch zur langen Geschichte der Umverteilung.

Der Schweizer Nationalökonom Klaus W. Wellershoff hat das Problem und dazu gleich auch die Lösung bezüglich der Umverteilung von Staatsschulden vor kurzem wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Wenn die Regierungen wohl händeringend nach Lösungen ihres Schuldenproblems suchen, dann müssen sie reales Vermögen vernichten.“

Wie bitte? Wellershoff nennt dazu als Beispiele die USA und Großbritannien, wo die Vermögensvernichtung bereits „schleichend über die Inflation“ stattfinde. Dort seien die Renditen der Staatsanleihen selbst bei ganz langen Laufzeiten negativ. Dann folgt das Fazit:

„Das Kaufen von Staatsanleihen hat den impliziten Zweck, Inflationserwartungen zu schaffen und gleichzeitig die Nominalzinsen zu fixieren.“

Nun könnte man einwenden, Kontinentaleuropa sei in Bezug auf das Weginflationieren von Schulden nicht mit den USA und Großbritannien vergleichbar; hier herrsche eine andere Geldkultur, die Kultur der Stabilität. Mag sein, dass Träumer, die immer noch dem früheren Stabilitätsdenken der Bundesbank verhaftet sind, daran glauben. Doch die Fakten sprechen dagegen: Axel Weber und Jürgen Stark haben die Europäische Zentralbank ganz bestimmt nicht aus Jux und Tollerei verlassen, sondern weil sie es wohl eher leid waren, in dieser Institution nicht mehr zu sagen zu haben als ihre Kollegen aus Griechenland, Malta oder Zypern. Zu seinem Abschied aus der EZB verriet Stark denn auch in der Silvesterausgabe der Börsen-Zeitung:

„Die Währungsunion entwickelt sich weg von ihrer ursprünglichen Konzeption im Maastricht-Vertrag. Dieser grundsätzliche Trend ist im Wesentlichen Ergebnis politischen Versagens.“

Zu Ende gedacht, bedeutet das: Der Traum von der EZB als Hüterin der Geldwertstabilität à la Bundesbank ist ausgeträumt. Daraus folgt etwas Neues, wobei es sich dabei zwar nicht unbedingt um einen Abklatsch der amerikanischen oder britischen Geldpolitik handeln muss, aber in deren Richtung wird es schon irgendwie gehen. Wie sehr, dürfte sich erst im Lauf der nächsten Jahre entscheiden. Vorher kommt es – und das ist maßgebend – zu immer mehr vereinzelten Umverteilungsaktionen innerhalb der Euro-Zone. Welche phantasievollen Namen man ihnen gibt, spielt keine Rolle. Fest steht jedenfalls, dass die reichen Euro-Länder unter der Führung Deutschlands für die armen aufkommen müssen… (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Griechenland und die große Umverteilung"

  1. Beobachter sagt:

    Für die „Armen” aufkommen?

    Wie wärs denn wenn die verschuldeten Südstaaten Ihre Goldreserven verkaufen? Oder Ihre Target2 schulden mit Deutschland mit Gold bezahlen 😉
    Italien zB gehört ja zu den Ländern mit den grössten Goldbeständen.

    • mfabian sagt:

      Die werden sich hüten, ihre Goldbestände anzugreifen. Das Gold ist schliesslich der letzte Ausweg, die Schlupftür, um jederzeit wieder eine eigene, unabhängige Währung auf die Beine zu stellen.

      • Dagobert sagt:

        Bingo!

        Wie viele male war die „Wiege der Demokratie“ allein in den letzten 200 Jahren schon pleite?

        Wer hat prozentual (81.3%) die zweithöchste „Golddeckung“ der Welt?
        (http://de.wikipedia.org/wiki/Goldreserve)

        Welches kleine 10 Millionen-Völkchen hatte noch kürzlich die fünfthöchsten Militärausgaben?

        …irgenwann wird eben jeder zum (Das-nächste-Mal-bin-ich-vorbereitet-) Experten…

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