Griechenland eröffnet Blick in die Zukunft der Industrienationen

20. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Claus Vogt

Die Finanzgeschichte ist voller Staatsbankrotte, Bankenkrisen und Inflationen. Vor diesem Hintergrund sind die aktuellen Vorgänge in und um Griechenland nur eine weitere kleine Episode in einer nicht enden wollenden Serie staatlicher Misswirtschaft…

Deshalb sollten Sie das Gezerre um den griechischen Staatsbankrott und vor allem die politischen Vorgänge und sozialen Veränderungen in Griechenland selbst sehr genau verfolgen. Denn dieses Schauspiel ist kein kurioser und isolierter Einzelfall. Im Gegenteil. Es ist der Beginn einer ganzen Reihe von Staatspleiten, welche die Bevölkerung der Industrieländer in den kommenden Jahren in Atem halten wird, und die letztlich zum Zusammenbruch des bestehenden Weltwährungssystems führen wird.

Um verstehen zu können, warum der Zusammenbruch unseres Weltwährungssystems unvermeidbar ist und wir uns bereits in der Endphase dieses Systems befinden, müssen Sie vor allem die Zusammenhänge kennen, die sich hinter dem folgenden Chart verbergen. Er zeigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA in Mrd. Dollar in Rot und die US-Gesamtverschuldung in Blau. Die Gesamtverschuldung umfasst die Schulden des Staates, der Wirtschaft und der privaten Haushalte. Sie beträgt in den USA fast 60 Billionen Dollar, während sich das BIP nur auf rund 17 Billionen Dollar beläuft.

vogt-2015-06-19

US-Gesamtverschuldung (blau) und Bruttoinlandsprodukt (rot) in Mrd. $, 1950 bis 2015.

August 1971 und August 1987 – zwei Daten, deren Bedeutung Sie kennen sollten

Dieses krasse Missverhältnis nahm seinen Anfang in den 1970er Jahren und erfuhr in den 80ern eine spektakuläre Beschleunigung. Dafür sind zwei Ereignisse ausschlaggebend:

Erstens wurde am 14. August 1971 durch einen Wortbruch des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon das Bretton Woods-Weltwährungssystem abgeschafft, das heißt die bis dahin noch teilweise vorhandene Bindung des Dollar an Gold aufgehoben. Damit wurde ein völlig zügelloses Währungssystem geschaffen, das die institutionelle Voraussetzung ist für die Schuldenexzesse, die seither stattgefunden haben.

Zweitens wurde am 11. August 1987 Alan Greenspan zum Präsidenten der US-Zentralbank ernannt. Damit erhielt er ein Amt, das in Friedenszeiten mit mehr Macht ausgestattet ist, als das des US-Präsidenten. Er hat in seiner fast 20-jährigen Amtszeit dafür gesorgt, dass die Verschuldungsmöglichkeiten, die das neue Weltwährungssystem eröffnet hatte, in vollem Umfang ausgeschöpft wurden – ohne Rücksicht auf die Folgen.



Greenspan war der falsche Magier, dem alle wie Lemminge folgten

Greenspan missbrauchte seine mächtige Position also auf schamlose Weise, indem er um kurzfristiger Erfolge willen eine extrem expansive Geldpolitik betrieb. Das Ergebnis sehen Sie beispielhaft für die USA auf meiner Grafik: Die ganze Welt ist hoffnungslos überschuldet und sitzt in der Schuldenfalle – nicht nur Griechenland!

Sobald die nächste große Rezession beginnt, wird sich herausstellen, wie prekär die Situation tatsächlich ist. Dann wird sich der Zusammenbruch dieses unseriösen Weltwährungssystems, in dessen Zentrum die Zentralbanken eine unrühmliche Rolle spielen, nicht noch einmal wie in 2008/09 verhindern lassen. Denn wie die folgenden vier Gründe beweisen, ist die aktuelle Lage sehr viel brisanter als damals.

5 Gründe, warum die Lage heute brisanter ist als je zuvor

1. Weltweit ist die Verschuldung seit 2007 drastisch gestiegen, allen voran die Staatsverschuldung.

2. Der Konzentrationsprozess im Großbankensektor hat weiter zugenommen, die Großbanken sind größer, mächtiger und gefährlicher als je zuvor. Sie sind nicht nur „too big to fail“, sondern auch „too big to jail“, also zu mächtig, um strafrechtlich für ihre Missetaten belangt zu werden.

3. Die aktuellen Spekulationsblasen sind noch größer als in 2007 und in 2000. Deshalb werden auch die Folgen ihres Platzens schlimmer sein als damals.

4. Diesmal stehen die Rentenmärkte im Zentrum der Exzesse. Und die Rentenmärkte sind volkswirtschaftlich sehr viel bedeutender als die Aktienmärkte oder die Immobilienmärkte.

5. Sowohl die Zentralbanken als auch die Staaten haben ihr Pulver weitgehend verschossen. Sie können nicht noch einmal in ähnlichem Umfang als kurzfristige Krisenbekämpfer aktiv werden wie in 2008/09.

Hier und heute möchte ich meine Ausführungen mit folgendem Zwischenfazit beenden: Wenn es tatsächlich möglich wäre, mit der Gelddruckmaschine Wohlstand zu schaffen, dann hätte das Paradies auf Erden längst Einzug gehalten. Und wenn die Gelddruckmaschine Finanz- und Wirtschaftskrisen verhindern könnte, dann würde es schon lange keine Krisen mehr geben.

Ich wünsche Ihnen ein fröhliches Wochenende
Ihr
Claus Vogt – Krisensicher Investieren


 

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7 Kommentare auf "Griechenland eröffnet Blick in die Zukunft der Industrienationen"

  1. rote_pille sagt:

    Die Exponentialfunktion muss durch regelmäßige Zusammenbrüche gestoppt werden. Im Idealfall fällt das nicht auf, weil es sich nur um Privatunternehmen handelt und der eine Zusammenbruch durch die Expansion des anderen ausgewogen wird. Aber sobald der Staat zugunsten von Unternehmen eingreift oder sich selbst verschuldet ist es vorbei, und das ganze System ist betroffen. Es schuldet exponentiell auf und bricht dann total zusammen. Heute umfasst das System die ganze Welt, weil die Regierungen kartelliert vorgehen. Ergo bricht die komplette Weltwirtschaft zusammen. Es darf einfach keine Institution geben die sich verschulden kann UND gleichzeitig nicht pleite gehen darf.

  2. samy sagt:

    N’Abend,

    Was die Spekulationsblase angeht, so muß mann sich nur die Entwicklung der Margin Debt ansehen, also die Spekulation der US-Broker auf Kredit. 2008 noch knapp unter 400 Mrd. Dollar -gestürzt zwichen 2008/09 auf unter 200 Mrd.- haben wir heute wieder über 500 Mrd. Dollar. Das Casino lauft wieder auf Hochtouren, ein Roulettekessel voller buntes … Papier.

    Übrigens, lächerlich die Margin z.B. so zwischen 1970 – 1980. Unter 20 Mrd.. Tja, der folgende Rest ist dann Geldmengenmehrung, also Inflation.

    Vogt irrt aber, wenn er sagt, dass Pulver der ZB und Staaten sei verschossen. Diese verfügen über unendlich viel Pulver … solange sie sich nicht miteinander oder untereinander streiten.

    Erst wenn es kracht, erst dann ist das Pulver alle, dafür schlagartig. Die Zinsen für Staatsanleihen werden dann das wahre Risiko des Zahlungsausfalles einpreisen und der Crash auf den Anleihemärkten rollt an wie eine Tsunami.

    Auch wer an Martin Armstrong und seinen 1.10.2015 glaubt, der muß Ausschau nach diesen „Casus Belli“ halten, der zwischen oder innerhalb der Institutionen in Frankfurt und Brüssel ausbricht. Sei der Streitgrund von innen oder außen herangetragen.

    VG

  3. Insasse sagt:

    „Wenn es tatsächlich möglich wäre, mit der Gelddruckmaschine Wohlstand zu schaffen, dann hätte das Paradies auf Erden längst Einzug gehalten. “

    Das Paradies hat schon Einzug gehalten. Aber nur für einen kleinen, begünstigten Teil, der die frisch gedruckte Kohle zuerst in den Händen hält (sog. Cantillion-Effekt). Der große Rest guckt freilich in die Röhre – nix da mit Paradies.

    Schönen Sonntag aus der Anstalt vom Insassen

  4. FDominicus sagt:

    Dieser Wahnsinn wurde speziell in this time is different behandelt. Dort wird dieser Wahnsinn über 700 oder so Jahre nachgehalten, die Pleiten und wie es dazu kam. Auch passend Kollaps von Nationen. Aber niemand kann es besser als Baader auf den Punkt bringen:
    https://www.youtube.com/watch?v=i8tcqRBn3D4

    In nur 9 Minuten ist alles zu diesem Wahnsinn gesagt, wo es hingehen wird und was der Ausgang wäre. Man darf „gespannt“ sein

  5. FDominicus sagt:

    2Sowohl die Zentralbanken als auch die Staaten haben ihr Pulver weitgehend verschossen. Sie können nicht noch einmal in ähnlichem Umfang als kurzfristige Krisenbekämpfer aktiv werden wie in 2008/09.“

    Ich denke dieser Punkt ist noch offen. Beispiel Japan. Solange die Leute dem Baumwollfetzen oder digitalen 0 en und 1 en der Computer der Zentralbank und Banken trauen, kann diese Schuldenanhäufung weiter gehen. Ich kann nicht sehen, daß den Zentralbanken im Großen und Ganzen nicht mehr geglaubt wird. Das wird weniger, aber wenn es gestern 100 Leute waren und heute 1000 ist es immer noch ein weiter weg bis zur allgemeinen Anerkennung von simplen Grundgesetzen des Wirtschaftens

  6. cubus53 sagt:

    Einer ansteigenden Verschuldung stehen auch immer ansteigende Forderungen gegenüber. Das zeigt sich z.B. durch die immer grösser werdende Schere zwischen Arm ( Schuldner) und Reich ( Gläubiger ).

    Insofern gebe ich @Insaase recht, dass eine Ausweitung der Geldmenge zumindestens den Gläubigern das Paradies beschert. Die Gläubiger können beim Ausfall des Schuldners ja durchaus auf Sachwerte wie Immobilien zurückgreifen. Sie sind also nur bedingt vom Verfall des Papiergelds betroffen.

    Selbst bei einem Schuldenerlass wie z.B. im Falle von GR hält sich der Gläubiger am Ende schadlos, sofern die Schuld nur auf dem sogenannten Giralgeld beruht. Der Gläubiger hat also nicht wirklich etwas verloren, sondern nur die Chance, verliehenes Giralgeld am Ende durch einen Sachwert eintauschen zu können.

  7. Prinzipiell sehe ich das auch so (v.a. in meinem Buch „Die Finanzkrise und die Gier der kleinen Leute“), nur bei Bretton Woods muss man ergänzen. Dieses System musste geradezu zerfallen, denn die USA mussten für 36 Dollar eine Unze echtes Gold herausrücken. Es ist unerheblich, WIE es zerbrach, der Geburtsfehler lag im Jahr 1944 – damals hatte man sich die Wohlstandsexplosion der 50iger und 60iger-Jahre nicht vorstellen können. Ergo war eine Währung, die auf realem Gold passierte zum Scheitern verurteilt – weil es schlicht nicht so viel Gold auf der Erde gibt, um alle Geldscheine real zu decken…

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