Frage der Woche: Griechenland – Erst der Austritt und dann?

30. Januar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Einige Berufspolitiker jonglieren immer noch mit virtuellen Milliarden während die griechische Subventions-Soap sich der finalen Folge nähert. Die nun geforderte Aufgabe nationaler Souveränität durch Deutschland und andere EU-Staaten kann Griechenland nur mit dem Risiko das Volk vollends zu verlieren akzeptieren. Ein unwahrscheinliches Szenario.

Berichterstatter wirken in den vergangen Tagen oft verwundert, dass Griechenland „schon wieder“ vor der Pleite steht. So schnell wird man offenbar Opfer der eigenen Propaganda, denn die Insolvenz des Landes war nie vom Tisch – warum auch?

Die neuen Forderungen der EU-Staaten an Griechenland umfassen zwei wichtige Punkte, die auch den Deutschen einen kleinen Ausblick auf den unseligen ESM geben.

1. Absolute priority to debt service

Greece has to legally commit itself to giving absolute priority to future debt service. This commitment has to be legally enshrined by the Greek Parliament. State revenues are to be used first and foremost for debt service, only any remaining revenue may be used to finance primary expenditure.

Eine klare Ansage. Diese Ausrichtung sollte auch den eher clownesken Hinweisen einiger Volkswirte auf den Primärsaldo angeschlagener Eurostaaten das Wasser abgraben. Welchen Sinn es macht, in einer Schuldenkrise ausgerechnet den Primärsaldo heranzuziehen, wird das Geheimnis dieser Großauguren bleiben. Eine Aussage wie „ohne Zinsen ist der Immobilienkauf auf Kredit billiger als eine Mietwohnung“ würde niemand ernst nehmen. Auf der Makroebene gilt das ebenfalls.

Der zweite Vorschlag zeigt, dass das Ziel der EU weiterhin nicht die Angleichung von Strukturen ist. Vielmehr soll alles in einen Sack gesteckt werden und nachher irgendwie angeglichen werden. Das ist vergleichbar mit einem Teller, auf dem sich Käse und Wurst befinden. Die EU will den Teller mit einer Käseglocke abdecken und danach versuchen aus der Wurst Käse zu machen.

2. Transfer of national budgetary sovereignty

Budget consolidation has to be put under a strict steering and control system. Given the disappointing compliance so far, Greece has to accept shifting budgetary sovereignty to the European level for a certain period of time. A budget commissioner has to be appointed by the Eurogroup with the task of ensuring budgetary control.

Da darf es dem Betrachter schon einmal kalt den Rücken herunterlaufen. Im Grunde ist dies jedoch nur das, was auf europäischer Ebene geplant ist. In welchen Reihen gescheiterter nationaler Politiker sich der Budget Commissioner finden soll, ist nicht überliefert.

Die Diskussion um den „freiwilligen Schuldenerlass“ unter „Beteiligung privater Gläubiger“ ist ein lachhaftes Kapitel in einem durchweg schlechten Film. Zunächst beinhaltet der Vorschlag ausschließlich Einbußen des privaten Sektors, denn die EZB möchte sich selbst aus dem Schlamassel heraushalten. Schlussendlich ist es aber ohnehin sinnlos zwischen privaten und öffentlichen Kosten zu differenzieren, denn auch die Finanzlöcher der öffentlichen Hand, werden vom Bürger gestopft.

Das weinerliche Zögern der EZB ist menschlich nachvollziehbar, denn der Mythos, die Staaten oder die Zentralbank verdienten sogar Geld mit der Rettung, müsste bei einem umfassenden Schnitt aufgegeben werden. Ökonomisch führt an einem umfassenden Schuldenschnitt unter Beteiligung aller Gläubiger kein Weg vorbei. Zumindest wüssten auch die Bürger in Deutschland dann, dass es die Aufrechterhaltung des status quo nicht umsonst gibt. Eine teure Lehre, aber vielleicht kommt sie noch rechtzeitig um den Widerstand gegen den ESM zu wecken.

Während die unter dem Label von Roland Berger veröffentlichte Studie zur Gesundung Griechenlands einen Ehrenplatz in den Märchenfibeln der Gebrüder Grimm verdient hätte, genügen die aktuellen Vorschläge einiger Abgeordneter nicht einmal niedrigsten Ansprüchen. Wo genau die Gelder eigentlich herkommen sollen, die man hier und dort zur Aufstockung zahlreicher Vehikel hervorkramt, wird nicht gesagt. Besonders niedlich ist die auch von „Journalisten“ verwendete Floskel, man glaube nicht daran, dass Garantien gezogen werden und Bürgschaften jemals greifen werden. Something for nothing – das hat noch nie funktioniert.

Man sollte nicht die Wirtschaft mit dem Café Harmonie verwechseln. Derartige Aussagen zeigen leider nur die immer noch salonfähige Leugnung der ökonomischen Realitäten. Wer glaubt, eine Garantie oder Bürgschaft sei nur ein symbolischer Akt, der nimmt die Schuldenprobleme nicht ernst, hat die Dimension nicht vor Augen oder glaubt auch an den Mythos schuldiger Spekulanten und den Weihnachtsmann. Warum nicht einfach zum nächsten Nikolaus mal ein paar Stiefel rausstellen, der großzügige Mann stockt sicher auch je nach Bedarf die milden Gaben um 250 Mrd500 Mrd. 1 Billion auf. Diese Summe aus dem Nichts kann dann an alle Hellenen verteilt werden, dann klappt es auch wieder mit dem Einzelhandel in Griechenland – ganz bestimmt.

Angesichts der Daten stellt sich für Griechenland nicht die Frage, ob ein Ausstieg aus dem Euro erfolgt. Vielmehr dürfte man sich mit der Art und Weise des Endes beschäftigen, in der Hoffnung, das Ruder auch im Sturm noch in der Hand zu halten. Die Frage ist, was kommt danach?

Denkbar ist etwa eine Dollarisierung, denn unter strategischen Gesichtspunkten wäre es für die USA ein vergleichsweise kostengünstiges Vergnügen, zu Beginn die neuen laufenden Defizite nach der Insolvenz zu finanzieren. Diese Gelder würden natürlich in US-Dollar fließen. Damit hätten die USA mit ein paar Milliarden Dollar die Chance, einen zumindest temporär dankbaren Partner in einer strategisch interessanten Lage zu gewinnen. Gleichzeitig könnte man der EU vor beide Schienbeine treten. Aber das ist natürlich nur eine Idee …

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7 Kommentare auf "Frage der Woche: Griechenland – Erst der Austritt und dann?"

  1. rolandus sagt:

    Sehr guter Text, und vor allem wird nun das Bild auch klarer warum GR als Name so oft fällt, wenn es um Oelembargo gegen Iran geht. Drachme ade Dollar juche.

    Schön Gruss aus HH
    Rolandus

  2. heckmac sagt:

    Ich glaube nicht, dass man absehen kann was mit GR passieren wird.

    Aber wenn ich mal spekuliere, denke ich dass die Politik GR so lange wie möglich im € halten will, um das Projekt Euro nicht öffentlich bröckeln zu lassen. Die (amerikanischen) Banken können m.M. nach kein großes Interesse an einer GR-Pleite haben weil dann die CDS ziehen (??). Die US-Politik könnte eine GR-Pleite politisch als Sieg gegen die erstarkende EU verzeichnen, aber wirtschaftlich (Banken) wäre dies für sie auch zum Nachteil (??).

    Kann man herausfinden wie viel Geld fließt, wenn die CDS Papiere für/gegen die GR-Pleite ziehen? Vielleicht könnte das Ausmaß dieser Gelder ein Indikator für die Stärke des wirtschaftlichen Nachteils / politischen Vorteils für die USA sein.

    Naja, alles Spekulation 🙂

    • Bankhaus Rott sagt:

      @heckmac

      Das Nettoexposure der ausstehenden Griechenland CDS liegt laut DTCC bei rund 3,2 Mrd. USD. Bei einem Haircut von 80% würden also 2,56 Mrd. USD an Zahlungen fließen. Da die westlichen Sovereign CDS nicht die gleichen Probleme mit Schulden Restrukturierungen aufweisen, wie dies bei Coroporates der Fall ist, kann man die Zahl durchaus ernstnehmen.

      Das Kernproblem bei einer Griechenland-Insolvenz sind die Anleihen und Kredite des Staates und der Banken.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • heckmac sagt:

        2,56 Mrd. USD ist für die amerikanische Bankenwelt ist aber nicht soooo viel, oder? Die würden in der Jahresbilanz eine, vielleicht auch deftige, Delle hinnehmen müssen, aber umbringen würde es sie nicht.
        Wenn ich das also in meine schöne – höhö – Spekulation einfließen lasse, wäre der politische Vorteil wirtschaftlich gut verkraftbar.
        Wie auch immer, bald werden wir wissen was passiert ist.

        Schöne Grüße
        heckmac

  3. crunchy sagt:

    „Welchen Sinn es macht…“: Man sollte mal den (H.W.) Sinn machen lassen. Das hätte dann einen erwünschten Dominoeffekt: Die reichen Steuerhinterzieher, wären in der EU nicht mehr sicher. Trotz Marktradikalität bekämen wir ein sozialeres Gemeinwesen. Da gerade die Reichen ihre Seilschaften, unabhängig von Parteidoktrinen, fest verankert haben, wird solange weitergewurstelt, bis Blut fliesst, das der Armen, natürlich. Bis dahin kann es noch lange dauern, wie uns die Menschenwürde verachtende USA beweissen.

  4. takual sagt:

    Wie, erst Austritt und dann? Nichts und dann! Man schaue nur nach Argentinien: Zehn Jahre ist immer noch nichts und dann. Mörderinflation und ein bisschen Wachstum. Vielleicht demnächst mal ein kleiner Besuch am Kapitalmarkt.
    Griechenland tritt aus dem Euro aus und die Probleme sind die Gleichen wie vorher. Das Land wird ja vermutlich in der EU bleiben und hat damit ja dann weiter Zugriff auf alle möglichen Fördertöpfe etc. Wir sind die Deppen, die weiter fleißig Zahlen. Wenn Athen brennt, heißt es wieder, man könne doch die Griechen nicht sitzen lassen. Von mir aus, dann aber endlich mal richtig zupacken. Hilfe ja, aber zuvor eine Tracht Prügel, Stubenarrest und Taschengeldentzug für zehn Jahre. Schickt den Schäuble nach Athen, da kann er sich austoben.
    Ich glaube die ganze Diskussion ist müßig. Es kommt doch meist anders als wir denken. Spätestens Mitte März wissen wir, wo der Hase lang läuft.

  5. […] viaFrage der Woche: Griechenland – Erst der Austritt und dann? | Rott & Meyer. Share| Januar 31, 2012 at 9:19 am by admin Category: Griechenland […]

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