Grexit kein Problem – Kalkül oder Leichtsinn?

5. Januar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Gleich vorweg sei gesagt: Dieser Kommentar basiert auf dem, was ich an Informationen in der Nacht zum Sonntag vorliegen habe. Ob Angela Merkel und Wolfgang Schäuble tatsächlich kein Problem damit hätten, sollte Griechenland aus der Eurozone ausscheiden, ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesichert. Der Artikel des Spiegel zitiert die beiden Politiker nicht, sondern beruft sich auf Informationen aus Regierungskreisen.

Und gerade bei dieser Thematik kommt es sehr auf einen genauen Wortlaut, gegebenenfalls sogar jedes Komma an, um daraus ableiten zu können, was hinter einer solchen Änderung der bisherigen Linie stecken könnte.

Ich persönlich hatte schon vor den ganzen Rettungspaketen die Ansicht vertreten, dass Griechenland mittelfristig besser dran sei, wenn das Land aus der Fessel der Einheitswährung und standardisierten fiskalischen Vorgaben ausscheiden würde. Die Rückkehr zur Drachme und die dadurch dann mögliche Abwertung inklusive eigener Zinspolitik wäre kurzfristig zwar ein riskantes Manöver, auf längere Sicht aber eine bessere Lösung gewesen, als durch die aus unflexibler Denkweise heraus geborenen Sparprogramme zu ertragen, die zwar den Staatshaushalt stabilisieren sollten, dafür aber, wie von vornherein absehbar war, die Wirtschaft des Landes zerquetscht und das soziale Gefüge des Landes über das erträgliche Maß hinaus belastet haben. Aber:

Jetzt liegt das Kind im Brunnen. Jetzt ist die Arbeitslosigkeit hoch und bleibt es auch. Jetzt ist die griechische Wirtschaft derartig auf die durch den Euro bedingten, einigermaßen moderaten Zinsen und Teuerungsraten angewiesen, dass ein Austritt des Landes aus der Eurozone Folgen hätte, als würde man einem ohnehin schon k.o. gegangenen Boxer gleich nochmal niederprügeln. Jetzt hängt man unweigerlich am Tropf einer für den Fall der Fälle bürgenden Eurozone und den Hilfsgeldern, so dass ein Ausstieg zu diesem Zeitpunkt das Land in eine Katastrophe stürzen würde, die noch einmal deutlich heftiger wäre als der fatale Zustand, in dem man sich ohnehin schon befindet.

Ob das den griechischen Wählern klar ist, ist die Frage – das wird sich in Kürze im Zuge der Neuwahlen herausstellen. Ob es der griechischen Linkspartei klar ist, ebenso. Aber den Politikern der großen Eurozone-Ländern muss das klar sein. Falls also die Bundesregierung tatsächlich von ihrer Linie, ohne Wenn und Aber an der Mitgliedschaft Griechenlands in der Eurozone festzuhalten, abgerückt sein sollte, stellt sich die Frage, was dahinter stecken könnte.

Ist es womöglich die späte Erkenntnis, dass die bisherige Vorgehensweise durch die absehbaren Nebenwirkungen auf die griechische Wirtschaft hinsichtlich der Hilfszahlungen zu einem Fass ohne Boden geworden ist und man einfach einen Patienten nach jahrelanger falscher Medikation aufgibt?

Oder ist es womöglich nur eine kaschierte Warnung an die griechische Opposition respektive die Wähler, dass man bisherige Solidarität sofort kappen werde, wenn das Land sich den Bedingungen der Geberländer nicht mehr beugen sollte?

Ich vermute, dass es eine Kombination aus beidem ist, kurz: Entweder ihr macht weiterhin genau das, was wir euch sagen … oder ihr könnt schauen, wo ihr bleibt. Doch was passiert, wenn es wirklich zu einem solchen Austritt käme? (Seite 2)




 

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17 Kommentare auf "Grexit kein Problem – Kalkül oder Leichtsinn?"

  1. cubus53 sagt:

    Vor zwei Jahren war die Rettung Griechenlands alternativlos, heute wäre ein Austritt verkraftbar ? Kann mir jemand erklären, warum das so ist ? Etwa weil wir inzwischen hunderte Milliarden Euros in Griechenland versenkt haben ?

    Meiner Meinung haben taktische Spielereien bezüglich der Wahl in Griechenland keinen Einfluss auf die instabile Zukunft der EU. Griechenland ist der Sargnagel der EU, egal wie die Wahl ausgeht. So wären z.B. weitere Rettungspakete nur Öl in das Feuer der Rechten. Dann kommt der finale Dolchstoss zu einem späteren Zeitpunkt z.B. aus Frankreich.

    An dieser Stelle möchte ich Herrn Schröder danken, der die Aufnahme Griechenlands in die EU ermöglich hat und damit den Anfang vom Ende geebnet hat. Es gibt also doch noch Politiker, die Weitblick beweisen.

    • Johannes sagt:

      „Vor zwei Jahren war die Rettung Griechenlands alternativlos, heute wäre ein Austritt verkraftbar ? Kann mir jemand erklären, warum das so ist ? “

      Abgesehen davon, dass das wahrscheinlich nur wahlbeeinflussendes Geplapper ist, gehe ich davon aus, dass die systemrelevanten Banken, den Griechenschrott an die EZB abgewälzt haben. Daher ist es wahrscheinlich nicht mehr so ganz alternativlos, wie noch vor 2 Jahren.

      • cubus53 sagt:

        Habe ich mir auch schon gedacht. die Banken wurden bereits „gerettet“, deshalb kann Griechenland nun die Eurozone verlassen. Hier zeigt sich deutlich, worum es der Politik geht : um den eigenen Machterhalt mithilfe der Banken. Und dem Deutschen Volk wurden die Rettungspakete so verkauft : Solidarität mit dem armen Griechischen Volk.
        Ich bin politisch interessiert, habe immer gewählt, werde aber das nächste mal auch nicht mehr wählen. Der Kabarettist Pispers bringt es auf den Punkt : es ist nur gelb, rot, schwarz oder grün gefärbte Sch…

  2. Helmut Josef Weber sagt:

    Heute kostet die Unze Gold erstmals wieder über 1000 Euro.
    Dafür hat man Gold.
    Keiner der Gold hat, hat heute Morgen mehr Vermögen, nur weil der Kurs für Gold in Euro gestiegen ist, aber auch nicht weniger, nur weil er Euro fällt; er hat zwar weniger Wert an Papierschnipsel in der Brieftasche, aber den gleichen Wert in Unzen im Tresor.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

  3. Sandra sagt:

    Wer nicht mutig zugreift, wenn die Chance sich bietet, hat das Nachsehen.

    Hat man Chancen, die insbesondere seit 2003 offen lagen, genutzt? Nein.

    • Sandra sagt:

      Ich verstehe es einfach nicht – das Spiel auf Zeit.

      Zu warten, das die Zeit verrinnt – zu hoffen, das die Zeit es wieder richten wird und zu denken, das es besser wird. Dabei sind die Annahmen ja nicht falsch – die Zeit wird es regeln. Das wie ist auch ganz einfach. Wer sein Leben damit verbringt auf den Tod zu warten, wird ihn früher oder später auch erleben. Wer leben will, muß die Chancen ergreifen – in den Momenten, wenn sie sich bieten. Alles nicht neu – alles wie immer.

      • Sandra sagt:

        Um einen direkten Bezug zum Leitartikel zu geben – aus meiner Sicht sind die Chancen eines Grexit längst vertan. Und wie man so schön sagt: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

        Leider kommen die Herren und Damen der Politik regelmäßig und mit zunehmender Sicherheit zu spät. Der Handlungs- und Orientierungsrahmen lässt daher sehr zu wünschen übrig, d.h. verliert zumindest für mich persönlich und unternehmerisch an Bedeutung.

      • Michael sagt:

        Das Spiel auf Zeit hilft den Investoren – DB bspw. … und vermutlich denen die von Griechenland etwas rausziehen wollen. Deswegen will man vermutlich auch das Instrument der Abwertung ausschalten. Der Grundfehler oder eine Konsequenz in unserem Geld ist eben, dass die Vorfinanzierung von Projekten nicht wirklich systemisch schlüssig möglich ist – genau deswegen will man die Entwertung der Besicherung verhindern. Selbst ‚angespieben‘ …

        Mit den Menschen in Griechenland hat die Diskussion nichts zu tun.

        Vermutlich hat GS die Papiere versichert oder was auch immer. So leicht ist es gar nicht mehr den Staatsbankrott zu erklären. Erklären kann man schon, aber es gibt eine art TÜV in den U.S. bei denen die Pleite muss zugelassen werden und diese Stelle wurde angeblich von G.S. abgeschmiert … usw… Sehr undurchsichtiges Dickicht.

  4. Reiner Vogels sagt:

    „Kalkül oder Leichtsinn?“

    Meine Antwort: Weder noch, sondern einfach nur ein taktischer Bluff in der Pokerpartie, die am 29. 12. 14 begonnen hat. Man will den Griechen Angst machen, damit sie „richtig“ wählen.

    Was am Ende, wenn die Wahl gelaufen ist, bei den dann anstehenden Verhandlungen wirklich auf den Tisch kommt, steht auf einem vollkommen anderen Blatt.

    Dabei wird die EU neben den vielen hundert Milliarden Euro, die in Griechenland (+TARGET-Salden) im Feuer stehen, auf Geheiß aus dem Weißen Haus auch die geostrategische Lage bedenken. Nachdem die Türkei in der NATO zum unsicheren Kantonisten geworden ist und weil die Ukraine als neuer Frontstaat gegen Rußland noch lange nicht in trockenen Tüchern ist, wird Griechenland als Standort für Raketenabschußrampen gegen Rußland und wegen seiner Häfen an der Südostflanke der NATO noch wichtiger als früher.

    Der Euro ist eine politische Währung, keineswegs ein Ergebnis ökonomischer Vernunft. Am Ende werden m.E. die politischen Argumente den Ausschlag geben und nicht die Scheu davor, immer neue Milliarden in ein Faß ohne Boden zu werfen. Die Politiker verschleudern ja nicht ihr eigenes Geld, sondern „nur“ das der Steuerzahler.

    • Sandra sagt:

      Die Hintergründe sind ja nicht unbekannt. Trotzdem ist jeglicher Gruppenkonsens auf Basis einer Zwangslage keine wirtschaftlich tragfähige Entscheidung. Wo und wie sowas endet, wenn alle mit dem Arsch an der Wand (angenommene Sicherheit) kleben, sollten alle wissen.

    • Sandra sagt:

      Man sollte immer bedenken, dass die Gesetze des Marktes eine Naturgewalt darstellen, die sich nicht durch Staudämme wie Demokratien etc. Unterbinden lassen. Fressen und gefressen werden kann human ausfallen, muss aber nicht.

      Wer nicht wirtschaften kann, sich bewusst aufs anfüttern, ausruhen, träges Mästen verlässt, sollte sich nicht wundern, dass er als fette Made und daher willkommenes Futter angesehen wird.

    • Sandra sagt:

      Ich würde sogar sagen, dass aus rein natürlicher Perspektive wir ein großes wirtschaftliches Ungleichgewicht haben, weil wir zu viele Maden haben (aus moralischen und ‚humanistischen ‚ Gründen) . Das macht alle krank und gefährdet die Infrastruktur – egal, ob sie da sind oder weg.

      D.h. Entweder die Maden besinnen sich oder Wirtschaft bzw. Andere Naturgewalten lösen das Problem. Wird es nicht gelöst, müssen wir alle dran glauben. So einfach ist das, auch wenn man es nicht hören will.

    • Sandra sagt:

      Das Grundproblem ist ja, dass wir eine reiche Gesellschaftsform haben, in welcher jeder fast frei wählen kann, was er sein möchte. Den Charakter einer Made im Schlaraffenland anzunehmen ist nicht schwer und wurde sehr durch das Massenverhalten unterstützt. Natürlich profitieren davon einige insbesondere aber im Fokus untereinander.

    • Sandra sagt:

      Bitte nicht in den falschen Hals bekommen. Ich habe absolut nichts gegen Maden. Ich bedauere nur, dass sie keine Augen im Kopf haben. Weder sind sie im Stande sich selbst zu sehen, noch die Auswirkungen ihres Verhaltens – ob groß, klein, dick, schlank, reich oder arm.

      • Argonautiker sagt:

        @Sandra
        Also das die Gesetze des Marktes eine Naturgewalt darstellen, wage ich mal in Frage zu stellen, beziehungsweise würde ich dazu eine genauere Darstellung dieser Aussage erwarten.

        Aber selbst wenn es so wäre, dann hatte das Leben meines Erachtens bisher eher die Aufgabe gehabt, sich von eben diesen Naturgewalten, Bereiche abzutrotzen, um Raum für zartere Befindlichkeiten zu schaffen, anstatt sich ihren Gesetzen zu unterwerfen.

        Naturgewalten auf der einen Seite, göttliche Bestimmung auf der Anderen. Was soll dieses Gerede von der Stärkere kommt durch? Kurzfristig gesehen, ja,…, im direkten Kampf, ja,…, da gewinnt der Aggressivere, der Stärkere, der Schnellere, aber auf lange Sicht gesehen, entwickelte sich das Leben von Anbeginn immer zum Sanfteren hin, sodaß auf kurze Sicht die Naturgewalten siegen, auf lange Sicht zähmt das Leben jedoch diese und alles entwickelt sich zum Sanfteren. Ein Paradoxon, sicherlich, aber unzweifelhaft wahr.

        Wir leben zwar in einer Welt in der man sich durchzusetzen hat, aber das Leben tut dies eigentlich nur um sich Orte zu schaffen, an denen er dieses sich Durchsetzen genau nicht braucht um sich zarteren Befindlichkeiten zuzuwenden. Ein Heim, eine Familie, wo es sich wohlfühlen läßt, etc. Und das ist auch gut so.

        Durchsetzen ist wichtig, aber eben auch nur gerade so viel, wie notwendig ist, um sich Räume des Wohlfühlens zu schaffen. Durchsetzen um des sich Durchsetzens Willens, ist schon immer Blödsinn gewesen, weil Sinnlos. Das Ego sollte schon der Bestimmung folgen. Tut es das nicht, und wird Maßlos, führt das unweigerlich in den Krieg. Das gilt sowohl für ihre Maden, wie auch deren Züchter.

        Schönen Gruß

  5. Argonautiker sagt:

    Stimme dem Artikel im Prinzip zu.

    Dumm sind Die glaube ich nicht, die dieses Spiel betreiben. Man wird schon wissen, warum man sich JETZT auf einmal einen Austritt Griechenlands vorstellen kann und man sich das vorher noch nicht vorstellen konnte. Ich glaube nicht, daß man bei den Entscheidern glaubt, daß dies Europa und Griechenland stabilisieren könnte. Im Gegenteil ich glaube eher, daß man sich durchaus bewußt ist, daß man die EU damit destabilisiert, und das das auch so gewollt ist. Die Beute absondern und dann zupacken, so funktioniert das Jagen nun mal.

    Dieses Prinzip müßte doch nun so langsam jedem auffallen. Länder werden reihenweise destabilisiert um sich dann die Rosinen über Investments einzukaufen. Feindliche Übernahmen funktionieren doch genau so. Lediglich die Dimension hat sich geändert, man greift nicht mehr einzelne Konzerne an, sondern ganze Länder. Erst die Kleinen und Kränkelnden, an denen man sich stark und mutig frißt, dann die Großen.

    Sollte Griechenland nun aus der EU austreten, dann wird es durch die EU nicht mehr gestützt, folglich braucht es Private Investoren, denn nur mit dem Austritt, wird es wirtschaftlich ja nicht gleich gesunden, im Gegenteil. Griechenland wurde durch die EU quasi angefixt, nun braucht es mehr denn je „Stoff“ von Außen. Und die Privaten und nicht mehr so freundlichen Dealer, in Form von Investoren, wird es natürlich sicherlich geben, denn immerhin hat Griechenland nicht nur Feta zu bieten, sonderen in Griechenlands Ägäis liegen bisher ungehobenen Energie Felder beträchtlichen Ausmaßes. Das ist schon was.

    Faschismus ist eine schlimme Sache, denn wenn Kapital und Regierung gemeinsame Sache gegen das Volk machen, dann hat das Volk kaum eine Chance, zumal das glänzende Lügen heutzutage mit zum Handwerkszeug beider Seiten gehört. Ich denke also auch, daß dieser Austritt eher so etwas wie das absondern einer Gazelle aus der Herde darstellt, und einigen Investoren schon jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft. Ich schätze also der gesamte Rettungsschirm war nicht anderes als das anfixen der Nationen um sie…

    …hier hab ich die Lösung, hey probier doch mal,…

    Gruß aus Bremen

  6. bluestar sagt:

    Das Palaver und die Bluffproduktion der Politiker nervt.
    Austritt hin oder her, der Käse ist längst gegessen, die Zeit endgültig abgelaufen und es gibt nun keine schmerzfreie Lösung mehr. Die Frage ist nur wer die Zeche bezahlt. Aus US-geostrategischem Interesse heraus ( siehe Kommentar Reiner Vogels) tippe ich auf den europäische Steuerzahler.
    Die Maden sehe ich in der griechischen Oligarchie und Politikerkaste, der subventionierten Exportindustrie und dem Bankensektor, voran GS. Die Risiken hat längst die EZB sozialisiert. Solange diese Maden und Parasiten weiterhin immer fett und fetter werden muss der Steuerzahler entsprechend zufüttern. Alternativlos versteht sich…

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