Green Shoots oder gelbes Unkraut?

11. Juni 2009 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Erinnern Sie sich noch an die Goldlöckchen-Vertreter? Diese Spezies waren oft schlimmer als Staubsaugervertreter auf Droge. Ihr Motto war, dass alles gut bleibt, weil es gut war. Es kann deshalb ja nur noch besser werden. Oder so ähnlich. So genau habe ich mir ihre Dinge damals nicht durchgelesen können, weil ich mir vor Lachen immer die Tränen aus den Augen wischen musste oder vor Kopfschütteln den Schaum vom Mund. Auf einmal waren sie verschwunden, die Goldilocks. Den Göttern sei Dank…

Doch jetzt aber wissen wir, dass sie nur geruht haben und nun als Mutationen durch die Gegend geistern wie Wanderprediger im Mittelalter. Heute nennt man sie Green Shoots. (Grüne Keimlinge). Mit Ferngläsern bewaffnet, erblicken sie überall grüne Dinge und Hoffnung in der Wirtschaft. Die Frage ist, ob diese Sprosse nach unten oder nach oben wachsen und wann das Stadium der Wucherung einsetzt. Oder ist es gar gelbes Unkraut, wie es Nouriel Rubini jetzt bezeichnete?

Eigentlich ist Wirtschaft etwas ganz Einfaches, und oft auch lustig obendrein. Man braucht bloß etwas gesunden Menschenverstand, den manche aber auch mit krimineller Energie verwechseln. Doch übersehen wir das mal für einen Moment. Es ist einleuchtend, dass ein leeres Lager auch mal wieder aufgefüllt werden muss. Die Chinesen machen damit gerade ihre Erfahrungen. Von Engpässen in der Autoindustrie wird berichtet. Und wir können gerade nicht liefern. Für das Auffüllen von Lagern braucht man Leute, Material, Fabriken und Handel. In wenigen Wochen wird man wohl schon wieder vom Aufschwung lesen. Fragen Sie bitte nicht nach der Qualität dieses Aufschwungs, und schon gar nicht die Green Shoots. Diese werden so lange aus den Bibeln der Wirtschaft zitieren, bis die Zuhörer Ohrensausen bekommen und sich im Aktienmarkt wiederfinden. Und dann?

Schaut man sich um, kommt man schnell auf die Idee, dass wir in einer gesättigten Wirtschaft leben mit genügend Dingen um uns herum und Leuten, die immer weniger Geld zur Verfügung haben. Auch wenn Statistiken versuchen, etwas anderes zu berichten, gibt es echte Nachfrage aber in Regionen, wo die Leute wirklich etwas produzieren, sich nach Autos und Wohnungen sehnen, beginnen Fleisch zu essen, Milch zu trinken und mobil zu telefonieren. Um hierzulande einen Bedarf zu wecken, bedarf es schon großer Kampagnen der Werbeindustrie. Und selbst das geht oft schief.

Der Wunsch nach Aufschwung scheint der Vater der Gedanken der Green Shoots zu sein, oder auch die Sorge um ihre Existenz als Fachmann. Genauer betrachtet ist das, was man jetzt schon als Erholung bezeichnet eine Verlangsamung eines Absturzes, mehr noch nicht – eine Reaktion auf eine Reaktion – vielleicht das Gegenpendeln nach einem Einbruch. Sollte man es deshalb überbewerten, vor allem wenn gesagt wird, dass das Schlimmste vorbei sei? Schön wäre es ja. Und dann kommt heute die EZB und befürchtet 2010 eine neue Bankenkrise, wenn sich die Rezession hinziehen sollte.

Was wir brauchen, ist eine „V-förmige Erholung“, zitiert der britische Telegraph den EZB Finanzstabilitätsexperten Dejan Krusec. „Sollte sie jedoch ‚U-förmig‘ ausfallen, werden die Banken Probleme bekommen“, sagte er auf einer Rating-Konferenz von Fitch.

„Das Problem ist nicht 2009. Die Banken in der Euro-Zone sind ausreichend kapitalisiert, um Verluste abzudecken. Das Problem ist 2010. Wir sind besorgt, was die Länge (der Rezession) angeht.“

Wie bekommt man so eine V-förmige Erholung hin? Mit Dünger. Zeigt die Wirtschaft Signale einer V-förmigen Erholung? Ich weiß es nicht, befürchte aber, dass es nicht mal für eine U-förmige Erholung reicht, was ein Anknüpfen an das Wirtschaftsniveau von 2007 bedeuten würde. Was aber, wenn es kein U und auch kein V wird und nicht mal UV hilft? Wenn man eher an EKG denken muss oder andere Buchstaben wie beispielsweise einem L ?Erst ging es steil bergab. Jetzt geht es weiter abwärts, doch nicht mehr so steil. Ist das eine Erholung oder eine eine Nebelkerze. Die Notenbanken sollten vorsichtshalber zusätzlichen Dünger bereitstellen und die Tanks der Druckerpressen befüllen.

Was ist bloß in unseren Bundesbankchef Axel Weber gefahren? Erst hat er keine Probleme kommen sehen. Als sie dann da waren, zog er mit einem Eimer schwarzer Farbe durch die Medien. Jetzt auf einmal deutet er Zinserhöhungen an, was bedeuten könnte, dass er jetzt Besserung sieht und die Dinge vor wenigen Tagen schon wieder falsch gedeutet haben könnte. Wird er diesmal richtig liegen?

Der US-Dünger aus den Notenbanken beginnt Wirkung zu zeigen, aber nicht unbedingt nur eine solche, die sie sich wünscht. Seit die FED vor wenigen Wochen ankündigte, auch Anleihen aufzukaufen, stieg die Rendite für 10-jährigen Anleihen von 2,5 Prozent auf nun fast 4 Prozent.

Das bedeutet, dass die Finanzierung neuer Schulden teurer kommt und die Bilanz auf Klippen zusteuert. Schaut man auf die US- Schuldenuhr, die sich eben bei 11,341 Billionen USD bewegt, reicht ein Taschenrechner um zu erfahren, wie teuer diese Green Shoots inzwischen geworden sind. Kostete die Schuldsumme bei 2,5% Zinsen schlappe 283 Mrd. USD, liegt man jetzt bei 4% Zinsen schon bei 583 Mrd. USD im Jahr.

Die grünsten Keime sind bislang nur an den Börsen zu sehen. In den letzten Tagen scheint aber das Wachstum dort zu stocken. Ich vergleiche das Geschehen gerne mit den Gartenaktivitäten meiner Nachbarin. Was nicht wächst, wird zum Wachsen gebracht, selbst wenn man den Dünger dafür meterhoch verstreuen muss. So schafft sie es immer wieder, aus grünen Pflanzen gelbes Unkraut zu machen – Todesursache: Überdüngung.

Diese Seite drucken



weitere Berichte

Aufgelesen

Ronald Gehrt Blog
Videoblog

Print Friendly, PDF & Email

 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.