Graf Draghila

3. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Wenn es derzeit nach Schwefel riechen sollte, dann liegt es an Graf Draghila und seinen EZB-Kumpels von der Druckerpresse, die sich am Mittwoch wieder für ihre Erfolge feiern lassen. Diese müssen sich erst noch zeigen, aber Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude…

Ein kleiner Tipp für solche Tage: Lassen Sie bei Überempfindlichkeit gegenüber schwefelartigen Gerüchen einfach die Fenster geschlossen. Schalten Sie in diesem Fall auch nicht ihr Radiogerät an, denn es besteht die Gefahr von Verstrahlung am Volksempfänger. Auch wenn draußen die Sirene heulen sollte, alles ist gut, denn Mario macht das schon.

Schon im Vorfeld von solchen Ereignissen erfahren wir, die „Hüter des Euro“ würden „auf Kurs“ bleiben. Wer hat eigentlich diese Floskel mit den „Hütern“ erfunden? Wie viele Stockhiebe wären das wert? Und auf welchem Kurs befindet sich die EZB? In der Schifffahrt ist es gefährlich, vom Kurs abzuweichen. Vor allem, wenn ein Eisberg Ausschau nach einem Opfer hält.

Die EZB wird am Mittwoch über den Stand der Dinge informieren, wahrscheinlich über etwas, was sie selbst nicht so genau weiß. Deshalb liegt ja auch immer dieser Schwefelgeruch in der Luft, wobei dem Schwefel wie auch einer Notenbank heilende Kräfte nachgesagt werden. Am Nachmittag wird es dann heißen, alles wäre gut für Europa, den Euro und damit für uns alle. Applaus! Blumen! Vorhang! Doch wie sehen die Erfolge aus?

Nun, das Anleiheaufkaufprogramm „1.140 Milliarden + X“ soll die Kreditvergabe in Europa ankurbeln. 147 Milliarden Euro wurden in Europas größtem Copyshop an neuem Geld produziert. Dennoch ist die Kreditvergabe nicht gestiegen. Die Erwartungshaltung der Analysten von +0,2 Prozent wurde im April verfehlt. Der Erfolg des Programms wird sicherlich damit begründet, dass die Kreditvergabe dann eben später steigen wird. Wer zu viele Schulden hat, bekommt kein neues Geld, außer es handelt sich um einen Staat, ausgenommen natürlich Griechenland. Vorerst. Gut Ding will eben Weile haben. Dennoch bin ich optimistisch, in den nächsten Tagen springt eine Lösung für diese nervige Krise als großer Wurf bzw. bonbonfarbener Kasper aus einer rosa Kiste. Der DAX kommt in Wallung und vielleicht auch der Euro. Aber gegen einen steigenden Euro gibt es sicherlich ein Mittel. Seine Kaufkraft gegenüber dem Ausland wurde binnen eines Jahres um 20 Prozent gedrückt. Wenn das keine Erfolge sind!

Im Tagesdurchschnitt produzierten die Zentralbanken des Eurosystems im Mai 3,11 Milliarden frische Euro. Damit werden die bisherigen Inhaber dieser Papiere ausgezahlt und erhalten Geld zur freien Ver(sch)wendung, auf das sie neue Kredite vergeben. Das tun sie aber nicht. Warum sollten sie auch? Sie schaffen es außerhalb der Eurozone. Das Tempo der Aufkäufe wird vor den Sommerferien vorübergehend beschleunigt. Super Sache, sagte der Euro und wurde schwächer. Bargeld und Sichtguthaben spenden Applaus. Auch wenn die Hände vom Beifall schon tiefrot sind (bei einer Händel-Oper verstünde ich das ja) stimmen Sie mit ein!

Ich will mir gar nicht ausmalen, wenn nicht an die Großbanken, sondern an den kleinen Mann täglich drei Milliarden Euro verteilt werden. Das sind immerhin zehn Euro täglich für jede europäische Nase. Dafür bekommt selbst der Obdachlose in Frankfurt zwei leckere Heißgetränke selbst im Winter beim überteuerten börsennotierten Kaffee-Ausschenker. Und ich würde wetten, dass die EZB ihre notorisch gehegten Sorgen vor der bösen Deflation schnell begraben könnte. Angeblich gab es keine Deflationsgefahren, wetterte die Bundesbank gegen das Aufkaufprogramm. Aber egal. So hatte die EZB ein perfektes Alibi, den Großbanken frisches Geld aus dem Nichts in den Allerwertesten zu stopfen, denn die unterbezahlten Verlustbringer mit dem Hang zu „Bescheißen aus Leidenschaft“ sind ja diejenigen, die mit ihrem Konsum maßgeblich die Kurbel an der Wirtschaft drehen.



Doch was ist das? Die Inflationsrate nach offizieller Lesart hat im Mai in Deutschland um 0,7% im Vergleich zum Vorjahr zugelegt. Von 1.000 Euro wurden also lächerliche 7 Euro bewusst geschreddert. Die größten Erfolge stellen sich aber erst dann ein, wenn von einem Hunderter jährlich zwei Euro Kaufkraft eliminiert werden. Das ist dann Stabilität.

Warum soll eine Zentralbank nicht dafür sorgen, dass es allen nochmal richtig gutgeht, wenn Hopfen und Malz ohnehin verloren sind? Macht doch einfach mal eine Party für alle, und nicht nur für wenige. Nein, ich bin kein Kommunist! Ich denke nur laut. Drei Milliarden Euro täglich könnten viel Gutes tun. Wir sind aber noch im Kapitalismus, oder dem, was übrig geblieben ist. Kapitalismus sollte man das auch nicht mehr bezeichnen, denn den Kapitalisten droht ja ständig, das Kapital auszugehen…

Ich bin am Montagabend von der Börse in Frankfurt zum Bahnhof gelaufen. Unweigerlich kommt man dann am alten Gebäude der EZB vorbei. Der Lack ist ab, denn die Außenschicht des Hochhauses wird gerade abgetragen. Auch die berühmten Euro-Sterne vor dem früheren Zeichen davor sehen etwas heruntergekommen aus wie der Euro selbst. Zwei Sterne leuchten nicht mehr. Ich stellte mir vor, diese Sterne stünden für Griechenland und Deutschland. Der eine ist zu stark, der andere zu schwach. Ohne beide Länder in der Eurozone, also dem Musterschüler (Deutschland) und dem Nachsitzer (Griechenland) hätte der Euro ein etwas längeres Leben. Das wird aber nicht passieren.

Lasst uns sie Erfolge feiern und in die Hände klatschen, dass der Krach die Hubschraubergeräusche des nächsten G-7-Gipfels übertönt, wo neben Sicherheit die pünktliche Lieferung von Trüffeln und Kaviar per Helikopter gewährleistet wird. Bald werden die griechischen Gläubiger gerettet sein, mit Geld, das sie sich selbst drucken. Und sollte es immer mal wieder nach Schwefel riechen, das gehört in eine Zeit des Interventionismus dazu.

Mancher nennt den EZB-Chef auch „Super-Mario“, wobei „super“ auch an eine leicht entzündliche Flüssigkeit erinnert, die Feuer fängt, wenn man unachtsam mit ihr hantiert.



 

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4 Kommentare auf "Graf Draghila"

  1. Sebastian sagt:

    Herrlich geschrieben, ich musste laut lachen. Und das bei einem eigentlich traurigen Thema.

  2. Schubidu sagt:

    Bescheißen aus Leidenschaft. Treffender hätte man es nicht formulieren können!

  3. Ralf sagt:

    Bescheißen aus Leidenschaft: Den ESM brauchen „wir“ nicht mehr. „Wir“ haben ja die EZB, die „uns“ Geld schenkt in beliebiger Höhe.

  4. tm sagt:

    Hm, das Geldmengenwachstum ist seit 6,5 Jahren historisch niedrig, die Kreditvergabe mehr als schwach und die Anleihekäufe würden – wenn sie 1:1 in Geldmengenwachstum umgerechnet würden – 7% Wachstum. Zu Bundesbankzeiten lag das Geldmengenwachstum im Schnitt bei 7,9%. Sieht nicht sehr dramatisch aus und es spricht ja auch alles für eine expansive Geldpolitik in der aktuellen wirtschaftlichen Lage.

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