Good morning Kanada!

5. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die letzten 20 Jahre hatten einige Immobilienblasen zu bieten. Die Auswirkungen des Zusammenbruchs waren beim US-Markt auf Grund der Abhängigkeit vieler Finanzprodukte von den Hauspreisen und Cash Flows am größten. Die größten Preissteigerungen fanden und finden jedoch andernorts statt…

An die US-Immobilienkrise erinnert sich noch jeder, der sich ein paar Jahre mit den Finanzmärkten beschäftigt hat. Die Erschütterung des Finanzsystems, die der Einsturz dieses Euphoriegebäudes ausgelöst hat, waren weniger auf die Preissteigerung selbst zurückzuführen. Die Preise waren zwar deutlich angezogen, aber hinsichtlich gestiegener Preise war die US-Blase nichts besonderes. Der folgende Chart zeigt die Entwicklung der Preise von US-Immobilien im historischen Verlauf.

Bezogen auf die landesweite Entwicklung gibt es wenig überraschend deutliche Ausreißer nach oben wie nach unten.

Das große Problem in der US-Immobilienkrise war der vorherige Aufbau eines gewaltigen Netzes strukturierter Produkte, deren Entwicklung von den Preisen direkt oder von den zugrunde liegenden Krediten abhing. Es ist nicht sonderlich beruhigend, was nach solchen Bläschen passieren kann, wenn man sich die Preissteigerungen andernorts anschaut. Immerhin gibt es nicht so viel dänische Mortgage-CDOs.

Die Kreditvergabe, bei der die Kreditnehmer im Grunde oft keinerlei Verantwortung für die Rückzahlung dieser Schulden hatten, war eine wichtige Bruchstelle im Kreditgebäude. Sobald die Hauspreise fielen, konnten viele Kreditnehmer einfach die Schlüssel an die Bank senden (so genannte jingle mail) und waren das Haus und den Kredit los. Allein diese non-recourse Kredite, bei denen die Bank im Fall der Fälle keinen Zugriff auf eventuell vorhandenes Vermögen des Schuldners hatte, sorgten dafür, dass sich die unverkäuflichen Häuser und die faulen Kredite gleichzeitig in den Bankbilanzen türmten. Von dem nebenher erworbenen Schrott haben sich auch viele europäische Banken bis heute nicht erholt. Das soll nicht als Relativierung der Verantwortung der Banken verstanden werden. Ebenso wie niemand dazu gezwungen wird, sich fünf Hauskredite ans Bein zu binden, so musste auch keine Bank einen derartigen Kredit vergeben, schon gar nicht als non-recourse loan. Wie sooft ging es darum, das Volumen eines Geschäfts ohne Rücksicht auf die Margen auszuweiten, ein zweifelhaftes strategisches Ziel. Wer heute einen Fehler machen, sollte morgen nicht anderen sondern sich selbst an die Nase fassen. Das gilt für Privatpersonen und Institutionen.

In manchen Ländern zeigten sich oder zeigen sich noch Entwicklungen die deutlich über das hinaus gehen, was man aus den Staaten kennt. So zeigt ein Blick auf das ach so tolle und vermeintlich politisch so stabile Schweden, wie man den US-Markt locker in den Schatten stellt in dem man in 20 Jahren die Preise so hoch treibt, wie andere in fast vierzig.

Dieser Anstieg geht wenig überraschend mit einem entsprechenden Anstieg der Verschuldung der privaten Haushalte einher. Diese liegt in Schweden bei 270% vom BIP (Niederlande = 266%, Dänemark = 259%, UK = 230%, USA = 198%, Deutschland 150%, Russland = ca. 25%). Besondere Anreize zum Sparen gibt es in so gut wie allen der sich unglaublich fortschrittlich fühlenden „entwickelten“ Länder nicht mehr. Im Gegenteil, Sparen wird als Geldhorten verunglimpft. So fördert man den lieber den Konsum. Dafür sind alle Mittel recht, und so soll man bitte mehr Geld ausgeben als man hat, damit es aufwärts geht. Das Zahlen von Kreditraten ist damit moralisch erhaben und viel besser als das Sparen. In Sachen Inkonsistenz und Kurzsichtigkeit ist somit die höchste Stufe des Karma fast erreicht, daher finden solch debile Argumentationen schnell und sicher Zugang zu den üblichen Fernsehdebatten. Warum sollte man sich auf den Immobilienkredit beschränken, wenn es noch so viel ungekauften Konsumkram gibt.

Ein Telefon ohne Achtkernprozessor ist ja für die heute mit rund 90% häufigste Nutzungsart des Telefons, den Versand von zweikommafünfzeiligen Textnachrichten, natürlich kaum mehr zu gebrauchen. Da muss ein neues her! Dann kann man das Foto von der Pizza Margherita, das man der Oma schickt, endlich in so hoher Auflösung speichern, dass sie es sich ohne Qualitätsverlust auf das große Bettlaken drucken kann und das Löschen eine halbe Sekunde dauert. Auch vergänglichste Dinge wie eben noch moderne und morgen schon als prekär eingestufte Telefone kann man heute per Ratenkredit erwerben. Vor Jahren hätte man sich darüber ausgeschüttet vor Lachen, heute hingegen wird den Menschen das Versenden von Smileys als „digitale Teilhabe“ und das Eintippen von „Filmstar + nackt“ in die Eingabemaske von Google & Co als „im 21. Jahrhundert unabdingbare Suchkompetenz“ verkauft. Durch den permanenten Internetzugang kann man sich dann in den Foren der Schuldnerberatung kostenlos Ratschläge zur Verbesserung der Lage holen.

Zurück zu den (fast) eigenen vier Wänden. Wer denkt in Kanada gäbe es nur Wälder, der täuscht sich. Neben wilden Tieren gibt es auch ein exquisites Exemplar eines vermutlich nicht aus Platzmangel resultierenden Preisanstiegs im Immobiliensektor. Die Privatverschuldung im Verhältnis zum GDP liegt derzeit bei knapp 260%. Vor 12 Jahren lag der Wert bei 190%. Zum Glück sind das gute Schulden, nicht so wie damals in den USA oder in Irland oder in Spanien, oder …

Mancher, der offenbar vor allem sich selbst sucht, findet in einem Kredit jedenfalls einen treuen und langjährigen Begleiter, der zumindest nicht bei Regen an der Leine zerrt. Wie wäre es daher mit einer Kredit-App auf dem Ratenkauf-Handy nach Art des Tamagotchi? Jeden Monat muss man das Wesen per PayPal füttern, damit es sich mit einem Smiley bedankt.

Auch Du Genosse, liebst Deinen Kredit! Wenn der Kredit verhungert kommt leider Kiew-Inkasso, aber wer hätte dafür nicht Verständnis. Größere Kredit-Tamagotchis wurden unter anderem auch in Dänemark, Irland, den Niederlanden und Großbritannien gesichtet.

Das Problem mit dem Gegenrechnen finanzieller Assets ist bekannt. Während der Preis eines Aktiendepots oder einer Immobilie sich problemlos halbieren kann, sind Kredite hartnäckiger und verschwinden erst mit der Rückzahlung oder der Zahlungsunfähigkeit. Da die Banken das Geld ja nicht herumliegen haben verschwindet mit der Zahlungsunfähigkeit des Schuldners das nicht eben dicke Eigenkapital des Kreditgebers. Daran ändern auch mickrige Risikogewichte nichts.

Das alles wird auch im Bankensektor und generell an den Finanzmärkten zu spüren sein. Die können zwar bekanntlich nur steigen, aber das war bei anderen Märkte auch einmal so. Bis sie fielen. Etwa in Japan …

… oder in Irland.

Wer immer noch glaubt, Märkte seien immer effizient, Trends seien Anomalien und alle Investoren handelten jederzeit rational, mit den gleichen Zielen und auf Basis derselben Informationen, dem ist kaum zu helfen. Zur Unterhaltung sei nicht nur diesen Zeitgenossen noch einmal „The Big Short“ empfohlen. Der Film zeigt ziemlich realistisch die grotesken Auswüchse einer ausufernden Immobilienblase, die Auswirkungen auf menschliches Verhalten, von Derivate emittierenden Banken bis hin zur Stangentänzerin mit mehreren Immobilienkrediten, die gefühlt auf dem Weg zum Reichtum und real auf dem Weg in die Pleite ist.

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4 Kommentare auf "Good morning Kanada!"

  1. markus45 sagt:

    Wo kommen denn die schönen Grafiken „US house price Indicators“ und „Household debt“ her? Da würde ich gerne mal stöbern.

  2. Argonautiker sagt:

    Ausgewogener Artikel.

    Und angefangen, sich ins Uferlose auszudehnen, hat dieser „Kauf auf Kredit Wahn“ mit der Aufhebung der Geld Güter Deckung in den 70ern. Losgetreten von Kissinger in den USA, und für Deutschland von alt alt alt Kanzler Schmidt hier eingeführt. Der Gute.

    Niemand kann heute wirklich mehr sagen, wo die nächste marode Stelle in diesem Lügengebilde bröckeln wird, weil eine Regulierung jagd die Andere und verlagert die Schuld nur ständig. Nur wirklich lösen, will das niemand mehr, weil, wenn man das lösen wollte, die Köpfe rollen müssten, die das alles zu verantworten haben, und an der Spitze der Schuldenpyramide stehen, in der die Notenpressen stehen.

    Die größten Verbrecher an der Wirklichkeit bekleiden heute die Höchsten Ämter und sind durch ihre selbstdeklarierte Immunität rechtlich Unantastbar geworden, weil der sogenannte Rechtsstaat seine Gesetze eben nicht aus der Wirklichkeit begründet, sondern seine Regelsetzung reaktiv daran orientiert, was er zur Deckung der neu aufbrechenden Lügen braucht.

    Es ist unmöglich den Lohn für eine Arbeit zu ernten bevor man sie getan hat, es sei denn man macht Regeln, welche diese Illusion stützt. Dazu brauchte man dann aber auch illusionären Lohn. Das Schuld Geld, den Kredit. Damit hat man Regeln erschaffen, die die höher stellen, die besser erscheinen, als sein können Und nun fliegt uns die Ganze Illusion der letzten 40-50 Jahren um die Ohren.

    Es sei denn, so denkt man, man erschafft eine noch größere Lüge. Und daran arbeiten wohl Einige gerade sehr hart, und sehen in der Bargeldlosigkeit eine ähnlich große „Lösung“, wie es die Aufhebung der Geld Wertebindung in den 70ern war. Die vollständige Inschuldnahme, und damit Versklavung aller Menschen

    Ein Problem, welches dabei wohl nicht bedacht wurde, ist, daß der Mensch keine Wirtschaftliche Größe ist, sondern eine Gestalt der Wirklichkeit ist, ausgestattet mit einer eigenen Bestimmung, die nicht unbegrenzt verquält werden kann. Es ist nicht umsonst, daß sich der Mensch in den Industrieländern nicht mehr so gut vermehrt.

    Es wird auch nichts nützen, diesen Umstand nun mit frischem Blut durch Immigration bereinigen zu wollen, weil, wenn diese irgendwann ihrer Wirklichkeit beraubt, und zu einem Wirtschaftlichen Faktor reduziert wurden, auch ihre Reproduktion immer mehr und mehr einstellen werden. Das Prinzip ist einfach falsch. Eine Sackgasse. Das ist absehbar.

    Die letzte Plage, die Moses einst dem verstockten Pharao prophezeite, der sein Volk vollkommen versklavt hatte, lautete ganz ähnlich, daß er, der Pharao, so er das Volk, die Israeliten, nicht frei lassen würde, nur noch Totgeburten hervorbringen würde. Das sind zwar alte gleichnishafte Bilder einer fernen Zeit, aber Bilder der Wirklichkeit. Sie gelten heute wie damals gleich. Es sind gesetzte Gesetze. Unabänderlich.

    Wenn die Pharaonen der Welt ihre Völker in Gefangenschaft halten, und durch Verschuldung zu immer mehr Sklavenarbeit antreiben wollen, ist es nur eine Frage der Dauer, wann sie ihre Reproduktion einstellen werden, weil das Leben nun mal ein Kind der Freiheit ist. Keine noch so ausgefeilte Regel, zur Schaffung einer schönen „alles auf Touchdruck“ Illusion, wird daran etwas ändern. Der Mensch kann Gesetze nicht einfach so machen, weil es sie schon gibt.

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