Goldpreis bekommt Unterstützung

22. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zum aktuellen Preis ist die „Währung Gold“ eine attraktive Versicherung – mit Wertsteigerungspotential.  Das Ansteigen der US-Kurzfristzinsen, das im Frühjahr 2013 eingesetzt hat, war mit einem merklichen Rückgang des Goldpreises verbunden. Die Goldhaltung verteuerte sich (wenn die Zinsen steigen, entgehen dem Goldhalter Erträge, die er mit dem Halten von Schuldpapieren erzielen kann). Und folglich gingen Nachfrage und Preis des gelben Metalls zurück.

Mit den steigenden Zinsen fiel auch die Goldnachfrage der institutionellen Investoren. Das zeigte sich in den abnehmenden Beständen der Gold-Exchange- Traded-Funds (ETFs). Seit Anfang 2016 hat sich das Bild jedoch geändert: Trotz steigender Zinsen haben die Bestände der Gold-ETFs zugenommen – und das hat dazu beigetragen, den Goldpreis zu unterstützen. Es gibt weitere Anzeichen, die dafür sprechen, dass sich der Goldpreis weiter erholen könnte. Ausgangspunkt der Überlegungen ist unsere (vorsichtige) Einschätzung, dass das Gold mittlerweile nicht mehr teuer, sondern eher billig ist. Dazu sei an dieser Stelle auf unser (bereits häufig gezeigtes) „Basismodell“ verwiesen, in dem die amerikanische Geldmengenausweitung der Goldpreisentwicklung gegenüber gestellt wird. Bei einer solchen Betrachtung zeigt sich mittlerweile ein deutliches „Aufholpotential“ des Goldpreises.

Die „Stimmungslage“ auf den Finanzmärkten ist in den letzten Monaten zusehends positiv(er) geworden – und entsprechend hat die Risikoscheu der Investoren und damit auch die Nachfrage nach Risikoabsicherung merklich abgenommen. Es ist daher zu vermuten, dass die „Versicherungsprämien“ für Inflations- und Zahlungsausfallrisiken, die Teil des Goldpreises sind, deutlich gefallen sind; das Gold ist folglich zu einer preisgünstigen Versicherung geworden.

Auf den Future-Märkten für Gold und Silber haben Hedge Fonds in den letzten fünf Wochen (gemessen an der letzten Datenveröffentlichung der CFTS am 11. Juli 2017) ihre Wetten gegen Gold und Silber erhöht. Das dürfte die Preise für Gold und Silber belastet haben. Eine Gegenbewegung – die jedoch eher für die kurzfristige Preisentwicklung des Goldes relevant sein dürfte – wird zusehends wahrscheinlicher.

Bedeutsam für die längerfristige Entwicklung des Goldpreises dürften natürlich vor allem die Geldpolitiken bleiben. Die Zentralbanken versuchen, die Konjunkturen in Gang zu halten und den Bankenapparat zu gesunden. Daher sind auch ihre Möglichkeiten, die Zinsen anzuheben, begrenzt. (Siehe hierzu den Aufsatz auf Seite 4) Höhere Zinsen kann die Weltkonjunktur vermutlich auch gar nicht mehr „aushalten“ angesichts der überall hohen Schuldenlasten.

Merklich steigende Zinsen würden viele ohnehin schon überdehnte Staats- und Bankschuldner in Bedrängnis bringen, die Konjunktur verlangsamen und die Kreditqualität verschlechtern. Das wiederum würde die Banken erneut belasten – eine Entwicklung, die die nächste Krise einläuten kann, und die die Regierungen und ihre Zentralbanken zu vermeiden suchen.

Bislang ist den Zentralbanken etwas sehr Erstaunliches gelungen: Sie haben die Kreditausfallsorgen auf den Finanzmärkten erfolgreich vertrieben, indem sie Zahlungsausfälle von Staaten und Banken mit der Ausgabe von neu geschaffenem Geld verhindern. Gleichzeitig hat diese Politik der Geldmengenvermehrung jedoch nicht zu einem Ansteigen der Inflationserwartungen geführt. Doch dauerhaft kann die Zentralbankpolitik nicht beides erreichen: Man kann finanziell angeschlagene Staaten und Banken nicht durch die Ausgabe von neuem Geld über Wasser halten, ohne dass die Inflationirgendwann anzieht –  in Form von steigenden Konsumenten- oder Vermögenspreisen. Früher oder später muss die Geldpolitik sich für eines der beiden Ziele entscheiden.

Gold: das bessere Geld

Für eine Vernachlässigung der Risiken gibt es folglich keinen Anlass: Die Probleme im internationalen Geld- und Kreditsystem sind nicht gelöst – darüber sollten auch positive Konjunkturmeldungen nicht hinwegtäuschen. An dieser Stelle dürft es daher von Interesse sein, sich die langfristige Wertentwicklung der „Währung Gold“ vor Augen zu führen.

Wie die nachstehende Tabelle deutlich macht, hat sich langfristig gesehen das Gold deutlich besser entwickelt als in US-Dollar denominierte (verzinste) Bankguthaben – und der Vergleich des Goldes mit anderen Währungen ist der relevante Vergleich. Schließlich ist Gold eine Währung und steht somit in direkter Konkurrenz zu anderen Währungen, und nicht in direkter Konkurrenz zu beispielsweise Aktien oder Immobilien.

Sobald die Markterwartung auf weiter steigende US-Zinsen schwindet, bildet sich auch der aktuell größte Belastungsfaktor für den Goldpreis zurück. Und weil die Probleme im internationalen Geld- und Kreditsystem nicht verschwinden, sondern vielmehr weiter anwachsen, gibt es auch weiterhin gute Gründe, die Risiken für das eigene Vermögen nicht auszublenden. Wann, wo und wie die nächste, aus dem Währungssystem stammende Turbulenz kommt, lässt sich zwar vorab nicht sagen. Doch sie wird kommen. Zum  aktuellen Preis ist Gold aus unserer Sicht eine attraktive Versicherung, sowohl gegen Geldentwertung als auch gegen Zahlungsausfälle – eine Versicherung mit Wertsteigerungspotential.

Die EZB hat es nicht eilig, ihren Kurs zu ändern

Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB den Zins wieder auf „normale Höhen“ zurückführt, ist gering. Die führenden Zentralbanken der Welt signalisieren, aus der Niedrigzinspolitik aussteigen zu wollen. Die Konjunkturen haben sich gefangen. Auch die Inflation der Konsumentenpreise gibt mittlerweile Anlass, den Fuß vom geldpolitischen Gaspedal zu nehmen. Die USZentralbank (Fed) ist wie immer im geldpolitischen Zyklus der Vorreiter. Sie hat bereits ihren Leitzins drei Mal seit Ende 2015 angehoben; er hat derzeit eine Bandbreite von 1,0 bis 1,25 Prozent.

Nun ist aber die verbesserte Konjunktur- und Finanzmarktlage weltweit unmittelbar mit der Wirkung der extrem expansiven Geldpolitiken verbunden. Wie lässt sich da ein Ausstieg aus der bisherigen Geldpolitik bewerkstelligen? Was wird in den Volkswirtschaften und auf den Finanzmärkten passieren, sollten die Zinsen tatsächlich steigen? Oder ist die Erwartung steigender Zinsen gar nicht ernst zu nehmen? Das sind drängende Fragen, die vermutlich so manchem Investor Kopfzerbrechen bereiten. Das gilt insbesondere mit Blick auf den Euroraum.

Aufgeblähte EZB-Bilanz

Hier hat die EZB im Zuge ihrer „Euro-Rettungspolitik“ nicht nur die Zinsen auf extrem niedrige Niveaus geschleust – die für einige Laufzeiten sogar in den Negativbereich gefallen sind –, sie kauft auch Schuldpapiere in großem Stil und bezahlt die Rechnungen mit neuen, aus dem Nichts geschaffenen Euro. Vor allem durch ihre Anleihekäufe – sie beliefen sich bis Anfang Juli 2017 auf mehr als 1.900 Mrd. Euro – ist die Bilanzsumme der EZB stark angeschwollen. Sie beträgt nunmehr 4.215 Mrd. Euro gegenüber noch 890 Mrd. Euro Ende 2007. Das ist nicht nur absolut gesehen, sondern auch relativ betrachtet ein gewaltiges Ausmaß:

Betrug die EZBBilanzsumme Ende 2007 noch etwa 13 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Euroraum, war sie Anfang
2017 vor allem aufgrund der Wertpapierkäufe auf 36 Prozent angeschwollen. Eine Größenordnung, die die Entwicklung in den Vereinigten Staaten von Amerika deutlich übertrifft: In den letzten zehn Jahren stieg die Bilanzsumme US-Zentralbank (Fed) von 6 auf nunmehr 23 Prozent des BIP.

Um die Finanzmärkte schonend an den Politikschwenk zu gewöhnen, schwebt dem EZB-Rat vor, die monatlichen Anleihekäufe peu à peu zurückzuführen. Der Geldmengenzufluss würde dadurch abebben, die Renditen der Schuldpapiere steigen (beziehungsweise die Renditen würden höher ausfallen im Vergleich zur Situation, in der die EZB weiterhin die gleiche Menge Wertpapiere kauft). Und nachdem der erste Schritt einmal gemacht ist – Anfang 2018 könnte es soweit sein –, könnten sich die Zentralbankräte dranwagen, vielleicht auch die Leitzinsen anzuheben.


Was tun mit den gekauften Wertpapieren?

Was vielen Investoren vor allem Kopfzerbrechen bereitet, ist die Frage: Was passiert denn mit den bereits gekauften
Anleihen, die die EZB in ihrer Bilanz ausweist? Bis Ende 2017 werden sie sich auf schätzungsweise 2.323 Mrd. Euro belaufen. Drei Szenarien sind denkbar: (1) Die EZB verkauft die Anleihen früher oder später wieder. (2) Die Anleihen verbleiben dauerhaft in der EZB-Bilanz. (3) Die EZB schreibt die Anleihen ab… (Seite 2)

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