Goldene Geheimnisse

28. Mai 2011 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

In letzter Zeit häufen sich seltsame Meldungen über die Goldreserven Griechenlands und Portugals, so, als seien Rechercheure in die Schatzkammern der Euro-Sünder vorgedrungen, um die dort womöglich lagernden Tonnen des Edelmetalls zu inspizieren…

Stellvertretend hierfür sei ein schon am 3. Mai in Spiegel Online erschienenes Zitat wiedergegeben: „Gleichzeitig erregt ein Artikel in der britischen ‚Times‘ Aufsehen. Demnach sitzt die Regierung in Lissabon auf gewaltigen Goldreserven, macht jedoch keine Anstalten, diese zu verkaufen – trotz Hilfskrediten, hoher Schulden und ungeachtet des enorm hohen Goldpreises. Gut 382,5 Tonnen Gold horte Portugals Regierung, berichtet die ‚Times‘.Geschätzter Wert: rund 20,7 Milliarden Dollar.“

Geht es vielleicht noch dicker? Es geht: „Angehäuft hat das Edelmetall der Diktator António de Oliveira Salazar: Er schichtete einen Teil der Staatseinnahmen in Gold um, vor allem zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Damals soll der Diktator auch Gold von den Nazis geliefert bekommen haben.“ Au Backe.

Also hineingeschaut in die Statistiken des World Gold Council (Internet: www.gold.org, nach vorheriger Anmeldung von jedermann/frau einsehbar). Danach hatte Portugal die eigenen Goldreserven zwischen 1935 und 1940 in der Tat von 60 auf 82 Tonnen aufgestockt. Später gab es halbwegs verlässliche Statistiken erst wieder ab 1950. Die wiesen da schon viel, viel mehr aus als ein Jahrzehnt zuvor: beginnend mit zunächst 171 Tonnen 1950, die bis 1974 auf den Spitzenwert von 866 Tonnen aufgestockt wurden. In den Jahrzehnten danach schmolz der Schatz langsam dahin, bis er schließlich 2006 mit 382,6 Tonnen praktisch das aktuelle Niveau erreichte. Ein Teil der portugiesischen Verkäufe ging übrigens auf das 1999 beschlossene, später verlängerte sog. Washington Agreement zurück, demzufolge Goldverkäufe von Zentralbanken begrenzt wurden.

Vergleicht man die veröffentlichten Daten mit der Berichterstattung in Spiegel Online und Times, stellt sich unweigerlich die Frage: Warum müssen angesichts der im Vergleich zur Zeit während des Zweiten Weltkriegs viel höheren Tonnenzahlen in den Jahrzehnten danach gleich ein Ex-Diktator und das Nazi-Gold herhalten, um den reißerischen Schmu einiger Journalisten zu rechtfertigen? Wahrscheinlich, weil für viele Journalisten Gold in erster Linie als Mythos gilt (wogegen im Prinzip ja nichts einzuwenden ist), der ihre Gedanken aber so durcheinander bringt und in Phantasien ausarten lässt, dass sie darüber wichtige Eigenschaften und Funktionen des Edelmetalls vergessen, zum Beispiel: Zentralbankreserven, internationale Liquidität, Schutz vor Papiergeldentwertung – um nur drei wichtige zu nennen.

An dieser Stelle empfehle ich Ihnen nach langer Zeit wieder einmal das 1985 erschienene Buch „Raubgold aus Deutschland“ von Werner Rings, der das Thema Nazi-Gold penibel recherchiert und die Ergebnisse seiner Recherchen im Gegensatz zu vielen anderen Autoren angenehm unaufgeregt wiedergegeben hat. Aus dem Buch lernt man nebenbei sehr viel über die Rolle des Goldes in Krisen- und Kriegszeiten… (—>Seite 2)

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