Gold und Silber mit neuer Dynamik

5. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Manfred Gburek

Mario Draghi, der neue Präsident der Europäischen Zentralbank, lässt mit der Zinssenkung ein Zeichen setzen und warnt gleichzeitig vor einem Konjunktureinbruch. Er hat den Ernst der Lage erkannt. Zinssenkung und Warnung sind eher psychologisch motiviert. Es geht, abgesehen von der Signalwirkung, in erster Linie um die Bankenrettung. Die folgenden Überlegungen zeigen, warum…

Als Thorsten Polleit von Barclays Capital neulich im Rahmen einer Wirtschaftswoche-Diskussion auf die Zwangskapitalisierung der Banken angesprochen wurde, antwortete er mit einigen enthüllenden Zahlen: „Die Banken in Euro-Land haben zusammen ein bilanzielles Eigenkapital von 2200 Milliarden, aber eine Bilanzsumme von 32.500 Milliarden Euro. Das sind 337 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den USA beträgt dieses Verhältnis nur 80 Prozent.“ Auf die Frage nach den Konsequenzen gab Polleit die Antwort: „Es läuft vermutlich auf eine teilweise Verstaatlichung der Banken hinaus.“

Knackpunkt ist nicht allein die viel zu hohe Bilanzsumme im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, also zum Wert aller hergestellten Güter und erbrachten Dienstleistungen eines Jahres, sondern gerade auch die geringe Ausstattung mit Eigenkapital. Es beim aktuell niedrigen Kursniveau der Aktien zu erhöhen – etwa der Deutschen Bank oder Commerzbank, der französischen, italienischen oder erst recht der griechischen Banken –, wäre viel zu teuer und würde bedeuten, dass in Zukunft jegliche Gewinne auf eine Unzahl von Aktien verteilt werden müssten. Die Folge bestünde in einem Kurskollaps.

Ist in einem solchen Umfeld die Verstaatlichung wirklich eine realistische Alternative? Die Antwort lautet wie bei Radio Eriwan: Im Prinzip ja, und zwar deshalb, weil sich keine weitere anbietet – es sei denn, die Banken fahren ihr Kreditgeschäft drastisch zurück, sodass sie weniger Eigenkapital benötigen. Dann bestünde die Folge nicht im Kurskollaps, sondern in einer Wirtschaftskrise vom Typ Depression. Da die niemand haben will, ist die Verstaatlichung unausweichlich, egal, ob teilweise oder ganz.

Und deren Folge? Die Antwort von Polleit: Die Banken werden mit dem Geld, das sie dann bekommen, etwas tun müssen. „Sie können Kredite vergeben oder Anleihen kaufen. So oder so bringen sie das frische Geld in Umlauf. Das würde über kurz oder lang zu höherer Inflation führen.“ Seiner Meinung nach ist die Depression aus heutiger Sich allerdings noch nicht vom Tisch.

Solche Gedankenspiele einschließlich unzähliger Ober- und Untervarianten gehen derzeit durch viele kluge Köpfe. Von daher erklärt sich zu einem großen Teil das Hin und Her an den Aktien-, Edelmetall-, Rohstoff-, Anleihe- und Devisenmärkten. Solange nichts Richtungweisendes geschieht, außer dass die Verhandlungen der Euro-Länder wieder einmal in die so und so vielte Runde gehen, ist weiter mit dem Hin und Her zu rechnen.

Was bedeutet das für Gold und Silber? Mit Gold lässt sich eine Inflation gut überstehen, und sogar im Fall der Depression dürften Goldbesitzer viel besser davonkommen als die Besitzer sonstiger Anlagen. Was den letzten Punkt angeht, könnte man argumentieren, Anleihen, zumal Staatsanleihen, seien wegen ihrer Verzinsung besser als Gold. Doch das dürfte sich in der Regel als Trugschluss erweisen. Denn falls Schuldner – auch staatliche – wegen der Depression weder Zinsen zahlen noch Schulden tilgen können, haben ihre Gläubiger hohe Verluste.

Für Silber gilt, obwohl sein Preis sich während der vergangenen Jahrzehnte im Trend wie der Goldpreis entwickelte, bei einer Depression wahrscheinlich etwas anderes: Da es zum Teil – viel mehr als Gold – auch ein von der Konjunktur abhängiges Industriemetall ist, könnte es sich vom Gold nach unten abkoppeln. Dagegen würde sein Preis bei einer Inflation sogar kräftiger steigen als der Goldpreis… (Seite 2)

 

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2 Kommentare auf "Gold und Silber mit neuer Dynamik"

  1. sachse sagt:

    Hai Manfred,

    nun nehmen wir mal die 337 % Kreditgewährung der €-Banken in Relation zum GNP. Davon ca 100 %an Europäische Staaten (Staatsverschuldung im Einzelfall 80% bis 120% des GNP). Die sind ja bekanntlich immer 100% werthaltig!! Verbleiben noch 240%! Wo sind die? Europäische Banken sind viel mehr verflochten als amerikanische Banken. 4 Billionen Kredite lauten auf $ (bei Kollegen Rott nachzulesen). Diese Kredite bestehen gegenüber Amerikanischen Staaten (Nord und Süd)und auf der Welt verstreuten Unternehmen. Weitere 40% sind hier zu veranschlagen.

    Die verbleibenden 200% sind zur Hälfte durch das hin und her von Kredien zwischen diese Instituten gekennzeichnet (so macht man sich systemrelevant!) Es verbleiben nur noch 100 % Kredite, so wie man sie sich vorstellt: zur Begleitung sinnvoller industieller und privater Investitionen in Häuser, Fabriken, Erfindungen und vlt auch in Konsumgüter wie Autos.
    SIE FÜHREN UNS ALLE VOR! Ich hätte keine Bedenken, wenn die Banken nun „teures“ Eigenkapital am Markt aufnehmen müßten. Teuer heißt ja nur, daß die Bewertung am Markt eine viel stärkerer Verwässerung der Anteile der Altaktionäre bedeutet. Wäre durchaus im schumpeterschen Sinne, wenn Fehlverhalten auch einmal bestraft würde.

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