Gold gegen „Geldwertillusion“

16. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Wenn die Inflation unterschätzt wird, wird das den Erfolg des langfristigen Sparens empfindlich beeinträchtigen. Ob 100 Euro viel wert sind oder nicht, hängt von den Güterpreisen ab…

Kostet ein Apfel einen Euro, so kann man mit 100 Euro 100 Äpfel kaufen. Kostet ein Apfel jedoch zwei Euro, so erhält man für 100 Euro nur 50 Äpfel. Im ersten Fall (in dem der Apfel ein Euro kostet) sind folglich 100 Euro mehr wert, haben eine größere Kaufkraft, als im zweiten Fall (in dem der Apfel zwei Euro kostet).

Wenn Menschen sich bei ihren Sparentscheidungen allein am Nominalwert orientieren, also die Entwicklung der Preise nicht oder nicht gebührend beachten, sagt man, die Menschen haben „Geldwertillusion“. Die Geldwertillusion hat besonders weitreichende Folgen für die langfristige Ersparnisbildung beziehungsweise Altersvorsorge. Nachfolgend sollen ein paar einfache Beispiele das illustrieren.

Beispiele

Nehmen wir an, 100 Euro werden zu 2 Prozent pro Jahr angelegt, und die Inflation beträgt ebenfalls 2 Prozent pro Jahr. Nach 40 Jahren sind aufgrund des Zins- und Zinseszinseffektes daraus 220,80 Euro geworden. Real, das heißt nach Abzug der Inflation, hat der Sparer jedoch nichts hinzugewonnen – weil ja annahmegemäß der Realzins, also der Nominalzins abzüglich der Inflation, null Prozent betragen hat.

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Quelle: Eigene Berechnungen

Nun nehmen wir an, der Sparer unterschätzt die Inflation um nur einen Prozentpunkt pro Jahr. Er erwartet 2 Prozent Inflation pro Jahr, tatsächlich beträgt die Inflation aber 3 Prozent pro Jahr (Fall 2). Nominal erreicht der Sparer ebenfalls 220,80 Euro nach 40 Jahren. Doch in realer Rechnung (also nach Abzug der tatsächlichen Inflation) ist seine Ersparnis auf 67,69 Euro geschrumpft!

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Quelle: Eigene Berechnungen

Man sieht bereits, welche dramatischen Folgen es für den Sparer hat, wenn er die tatsächliche Inflation unterschätzt. Je größer der „Schätzfehler“, desto dramatischer ist natürlich auch die Wertminderung im Zeitablauf. Wird die tatsächliche Inflation gar um 3 Prozent unterschätzt (beträgt also der tatsächliche Realzins -3 Prozent pro Jahr), ist das Sparkapital nach 40 Jahren nur noch real 31,36 Euro wert.

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Quelle: Eigene Berechnungen

Umdenken

Die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat die nominalen Zinsen auf sehr niedrige Niveaus gedrückt, und viele Renditen sind nach Abzug der offiziellen Teuerungsrate jetzt negativ. Angesichts der Probleme, die im internationalen Kredit- und Geldsystem aufgelaufen sind, erscheint eine Rückkehr zu „normalen“ Zinsen bis auf weiteres sehr unwahrscheinlich.

Die Ersparnisbildung mittels traditioneller Anlageformen wie Bankguthaben und festverzinsliche Papiere ist unter diesen Umständen im Grunde nicht mehr möglich beziehungsweise zu empfehlen. Sparer müssen davon ausgehen, dass sie mit dem Halten von festverzinslichen Papieren reale Vermögenseinbußen erleiden. Was könnte ein möglicher Ausweg sein?

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Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen (Werte gerundet)

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass über die lange Frist Aktien und Gold stärker gestiegen sind als die Inflation, und dass sie in realer Rechnung an Wert gewonnen haben. Allerdings hing – und das ist zu betonen – der Erfolg maßgeblich davon ab, wann der Einstieg erfolgte! Es gab immer wieder (Zwischen-)Phasen, in denen beispielsweise der Goldpreis stärker stieg als die Aktienkurse und umgekehrt.



Vor allem in der langen Frist zeigt sich, dass das Geld (hier dargestellt anhand des US-Dollar) kein Wertaufbewahrungsmittel ist, sondern dass es seinen Wert in der langen Frist verliert. Gold, als ultimative Zahlungsmittel, hingegen nicht. Es spricht einiges dafür, dass man auch künftig sein Kapital mit Aktien mehren und mit Gold vor der Inflation schützen kann – wenn man langfristig denkt und handelt.

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Quelle: Bloomberg, eigene Berechnungen

Die Geldmenge wächst stärker als die Wirtschaftsleistung zunimmt. Seit Beginn der Währungsunion 1999 ist das reale Bruttoinlandsprodukt im Euroraum um 20 Prozent gestiegen. Die Euro-Geldmenge M3 hingegen um mehr als 131 Prozent. Das hat Konsequenzen, die sich benennen lassen.

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Quelle: Thomson Financial, eigene Berechnung. Die Serien sind indexiert (Q1 1995 = 100).

Erstens: Das Aufblähen der Geldmenge sorgt dafür, dass die Güterpreise höher ausfallen als sie ausfallen würden, wenn die Geldmenge nicht ausgeweitet worden wäre. Es schadet folglich der Kaufkraft des Geldes.

Zweitens: Die Geldmengenausweitung bewirkt eine (beträchtliche) Umverteilung, bei der einige auf Kosten anderer gewinnen. [Der Leser möge sich fragen, ob seine Bankguthaben seit Euro-Einführung auch um 131 Prozent angewachsen sind. Ganz offensichtlich haben die Guthaben einiger derart stark (oder noch stärker) zugenommen.]

Drittens: Um Wirtschaftswachstum zu erzeugen, bedarf es einer immer größeren Geldmenge (beziehungsweise immer mehr Kredit, bereitgestellt zu immer niedrigeren Zinsen). Das ist ein „ungesunder“ Prozess, der früher oder später ein Ende finden muss, und das wird für Produktion und Beschäftigung im Euroraum schmerzhaft sein.

© Prof. Thorsten Polleit – Degussa Goldhandel GmbH



 

Ein Kommentar auf "Gold gegen „Geldwertillusion“"

  1. Ralf sagt:

    Sehr geehrter Herr Polleit,
    Gold ja, finde ich auch. Aber wie stehe Sie zur Frage eines möglichen Gold Verbotes mit den entsprechenden staatlichen Ankaufspreisen?
    Im Krisenfall.
    M.f.G.

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