Gleicher Kurs für alle!

28. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Von Werten entkoppelt gibt sich der mediale Betrachter der Aktienwelt mit Wonne dem Preis hin. Steigt der Preis, ist alles gut. Fällt der Preis, muss rasch ein Schuldiger gefunden werden. Was man für den Preis bekommt ist nicht mehr von Interesse…

Es ist schwer vorstellbar was passieren würde, wenn sich das Verhalten mancher Aktienkäufer auf den Alltagskonsum übertrüge. Am verkauften Produkt kann das nicht liegen, ist es doch recht schlichter Natur. An der Börse erwirbt man durch den Kauf einer Aktie ein Anrecht auf zukünftige Zahlungsströme und im Falle von Stammaktien ein Stimmrecht, nicht mehr und nicht weniger. Wer eine Anleihe erwirbt tritt für einen anderen Gläubiger ein und hofft auf die verbrieften Zinszahlungen und die Tilgung zur Fälligkeit. Blumige Ausschmückungen aus dem Fantasia-Land der Aktienkultur mögen rührend klingen, haben allerdings keinen Wert. Eine Aktie zu kaufen und zu halten nur um genau dies zu tun ist ein Hobby, dass man sich leisten können muss. Das gilt für alle Anlageklassen.

Auf Grund oft gepflegter Missverständnisse sei am Rande erwähnt, dass wir keinerlei Argwohn gegen bestimmte Assetklassen hegen. Allein der Preis ist ein für uns akzeptables Maß, der neben den aufzubringenden Mitteln auch das Risiko definiert. Die Qualität einer Anlage alleine sagt ohne den Preis nichts über das Risiko aus.

Über Risiken kann man lange schreiben, allerdings lässt sich mit wenigen Worten beschreiben, wie der Kauf einer Aktie (oder Anleihe, etc.) sich hinsichtlich des Risikos darstellt. Befindet sich eine Aktie lange Jahre im Bewertungs-Tal der Tränen und steht vor einer für viele Anleger ungewissen Zukunft so ist die Chance groß, allerdings gilt das ebenfalls für die Unsicherheit. Oft genügt in dieser Situation eine Stabilisierung oder das Ausbleiben einer erwarteten Verschlechterung der Lage um massive Käufe auszulösen.

Sind hingegen alle Investoren über die Großartigkeit eines Unternehmens informiert, feiern seit Jahren und haben im Laufe der Hausse die Bewertung auf das Zwanzigfache des Umsatzes getrieben, ist das Preisrisiko hoch. Bereits kleine Verschlechterungen der Entwicklungen oder auch nur eine Phase der Stagnation führen mit einem gewissen Zeitverzug oft zu heftigen Abschlägen. Wenn auch in bemerkenswerten Trendphasen, sei es Hausse oder Baisse, die Stagnation oder die Verbesserung nie einzutreten scheinen, so lassen beide zwar oft lange auf sich warten, kommen jedoch immer irgendwann hereingeschneit. Immer. 



Aus gegebenem Anlass wollen wir heute einen Blick auf einige internationale Aktienmärkte werfen. Dabei lassen wir uns von der Frage leiten, wo diese Aktienindizes stünden, wenn sie die gleichen Bewertungskennzahlen wie der russische Micex aufwiesen. 

Wir haben folgende Kennzahlen ausgewählt:

  • Preis/Earnings
  • Preis/Buchwert
  • Preis/Umsatz
  • Preis/Operativer Ertrag (EBIT)

Die folgende Tabelle zeigt die Daten einiger Indizes. Orange markiert sind jeweils die höchsten Bewertungen gemessen anhand der jeweiligen Kennzahl.

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Der Übersichtlichkeit halber finden Sie auf dem folgenden Chart eine grafische Übersicht der Kennzahlen. Die gelben Balken zeigen, auf welches Niveau ein Index fallen müsste um das Niveau des russischen Micex zu erreichen. Angeben sind 100% als Ausgangswert, zu erkennen an den blauen Balken.

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Ein verständlicherweise vorgebrachtes Argument, warum der Vergleich auf Grund der Energielastigkeit des russischen Index hinken müsse, sollte man beachten. Allerdings zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es nicht nur die Energietitel sind, die für die niedrige Bewertung russischer Aktien sorgen. Die im Vergleich niedrigen Kennzahlen ziehen sich durch alle Sektoren.

Natürlich sollte man nicht ausblenden, wie unterschiedlich die Zusammensetzung der Indizes ist, dennoch sind die Daten sehr interessant. Denn unabhängig von anderen Indizes hat auch der amerikanische Markt selbst eine sehr zyklische Vergangenheit. Bewertungsniveaus wie sie derzeit der russische Aktienmarkt aufweist, sind auch in den Staaten schon vorgekommen. Daher haben wir zur Einordnung eine weitere Zeitreihe hinzugefügt.

Diese zeigt wo der S&P 500 stünde, wenn er auf das Niveau der niedrigsten Bewertung der letzten 135 Jahre zurückfallen würde. Wir haben das Shiller-PE gewählt, aber auch mit anderen Maßstäben erhält man vergleichbare Resultate. Zu beachten ist bei den folgenden Zahlen, dass diese Werte nicht margengewichtet ist. Bezieht man eine Normalisierung der Gewinnmargen in die Betrachtung ein, so geht es noch einmal deutlich tiefer in den Keller.

Der niedrigste Wert für das Shiller-PE lag bei 4.8 (1920). Aktuell liegt es bei 26,7. Fiele der S&P auf das damalige Bewertungsniveau, würde der Index von aktuell 2097 Punkten auf 374 Punkte abrutschen. Nun gibt es keine Gewissheit dafür, dass derartige Bewertungen jemals wieder erreicht werden, daher soll der Blick auf den Mittelwert und den Median die Situation aufhellen. Fällt die Bewertung auf die mittlere Bewertung seit 1880, dann ergäbe sich ein Kurs von 1296. Beim Median sieht es mit 1248 nicht viel anders aus. Wer dies für völlig unmöglich hält, der sollte im Hinterkopf behalten, dass dies eine Normalisierung der Margen, sprich ein Abrutschen um 50%, ausdrücklich nicht beinhaltet. Bezieht man diese in die Betrachtung mit ein, muss man die genannten Zahlen noch einmal halbieren, was wir uns an dieser Stelle ersparen.

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Der obige Chart zeigt die zyklische Natur der Bewertung des US-Aktienmarktes. Der Wechsel zwischen hoher und niedriger Bewertung ist nichts Ungewöhnliches, ganz im Gegenteil. Wer diesen Wechsel negiert bekommt auf lange Sicht große Probleme.

Natürlich wissen wir nicht, ob und wann welcher Index welche Bewertungsniveaus erreichen wird. Wir würden jedoch nie auf die Idee kommen, sinkende oder stark einbrechende Aktienkurse auszuschließen. Wir verlassen uns diesbezüglich lieber auf die Historie als auf hilflos wirkende Worthülsen von Zentralbänkern und Politikern. „Die ich rief, die Geister, Werd’ ich nun nicht los.“ Viel Glück.



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10 Kommentare auf "Gleicher Kurs für alle!"

  1. FDominicus sagt:

    Für mich bleibt nur eine Feststellung. Dieses Blog ist eines der besten weltweit. Was hier an Informationen hoch kommt und an sarkastischen Kommentaren, kenne ich so tatsächlich nur von hier. Hier wird auch kein Thema ausgelassen sondern – man muß schon sagen – seziert. Für mich eine eindrucksvolle Leistung.

  2. kickback sagt:

    Na also. Da geht nochwas im DAX.
    Mindestens eine Übertreibung muss sein.

    Cheerio

  3. Insasse sagt:

    Danke für diesen prima Artikel, der den globalen Blick auf die Aktienindizes wahrt und das auch noch im doppelten Sinne.

    In Anbetracht der Artikel-Überschrift komme ich allerdings ein wenig ins Grübeln, ob das Bankhaus ins politisch korrekte Lager wechselt. Diese erinnert mich nämlich irgendwie an die Forderung einschlägiger Politikerkreise „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. In der Ausprägung der vom Bankhaus gewählten Überschrift würde dies sogar bedeuten: gleicher Lohn für alle. Ein Platz in den obersten, rot eingefärbten Politik-Etagen wäre dem Bankhaus damit sicher. 😉

    Sehr geehrtes Bankhaus Rott, bitte teilen Sie der geneigten Leserschaft mit, dass Sie keine entsprechenden Absichten hegen. Besten Dank im Voraus!

  4. Schubidu sagt:

    @FDominicus
    dem kann ich mich 100 %-ig anschließen. Es ist jeden Tag ein großes Vergnügen und eine große Freude die Artikel zu lesen.

  5. Lickneeson sagt:

    Den Lobeshymnen zu Ihrer Seite/Artikel/Recherche nebst triefendem Zynismus schliesse ich mich gerne an!

    Vielleicht sollte Russland sich auch eine „QE-Geldregenrakete“ gönnen, dann würde der Index sicher ähnlich sinnlos performen wie seine „Geschwister“. Aus bekannten Gründen dürfen weder die Zinsen steigen noch ein Aktien/Anleihecrash stattfinden. Das „QE – Finanzexperiment“ würde wie ein Sufflee kollabieren, wenn der Markt die Ofentür zu früh öffnet….

    MFG

  6. Michael sagt:

    Bankhaus Rott ist ungeschlagen. King.

    Lieber den Bach runter als gegen den Strom. War schon immer so, Hoffnung auf Änderung. Neu erklommene Höhen sind ungewöhlich.

    Allein aus Sicht der Wahrnehmung wirken 2 Kräfte. Einerseits steigen Kurse relativ und absolut sieht es nach viel aus. Sprung eines Index auf Basis von 4k um 1000 Punkte sind bei einem Niveau von 12k bereits 3 und ab 20k schon 5. Teure Aktien billiger scheinen zu lassen ist die einfachere Übung. Außer es sollen neue Wahrheiten geschaffen werden in luftiger Höhe.

    Wir wissen an sich ja nicht ob 2009 eine substantieller Crash war. Wenn die Liquidität versiegt nehmen sich Preisniveaus hernach eher häschenhaft aus.

    Der der nächste mächtige Rücksetzer könnte final werden. In dem Sinne danke für die aufbereiteten Grafiken. Relativ auf tieferen Niveau geht es genauso rauf und runter. Ein letzter Rücksetzer im DOW wäre durchaus noch immer möglich und runter so auf das Niveau der 90er Jahre. Dann kämen wir schon in das in den Grafiken vorgestellte Fahrwasser. Auf Substanz sollte keiner schauen und Dividenden alleine halten die Kurse nicht her auf Dauer.

  7. MFK sagt:

    Ein Teil der im MICEX enthaltenen Unternehmen bilanziert noch nicht nach internationalen Buchführungsstandards. Das verzerrt das Ganze natürlich etwas. Auch ist natürlich das politische Risiko einzubeziehen.

  8. Michael sagt:

    Bankhaus Rott – wie immer erste Sahne. Denke aber zuerst wird alles versucht werden die Preise in der Höhe zu halten und sie weiter raufzutreiben. Besser den Bach runter als gegen den Strom.

    Interessante Analyse auf geplante mögliche Rückfallsniveaus.

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