Gewinne im Landeanflug

18. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Kursgewinne an den Aktienmärkten lenken wie so oft von den fundamentalen Entwicklungen ab. Nun sollte sich niemand von einer temporär lahmenden Entwicklung der Gewinne in Bockshorn jagen lassen. Die aktuell zwischen Kursen und Gewinnen klaffende Lücke ist ungewöhnlich groß.

Es gibt bekanntermaßen zwei Betrachtungsweisen von Finanzmärkten. Einerseits gibt es die fundamentale Sichtweise, die sich an den vermeintlich richtigen oder falschen Bewertungen orientierte. Andererseits kann man sich die Märkte unter rein technischen Gesichtspunkten anschauen. Beide Ausrichtungen haben ihrerseits wieder viele sinnvolle und weniger sinnvolle Facetten, die wir hier nicht näher beleuchten wollen.

Der Grabenkrieg, den manche in beiden Lagern führen, ist ebenso unterhaltsam wie unsinnig. Jeder sollte einen plausiblen Ansatz finden, der sich auch empirisch nicht nur über 15 Jahre belegen lässt und dann dabei bleiben. Ein Anleger, der nicht von seinem Handlungsansatz überzeugt ist, wird dann zur Unzeit in den unvermeidlichen Phasen, in denen eben dieser Ansatz nicht sein bestes Jahr hat, die Pferde wechseln. Vertriebler, die Produkte nur nach Performance verkaufen, ohne sich dafür zu interessieren, wofür ein Ansatz steht und wie die Charakterisik des erwartbaren Etragsprofil ist, tragen zum prozyklischen Irrsinn ebenso bei wie Gremien, deren Mitglieder ihre Aufgabe nicht selten nur darin sehen, für nichts verantwortlich zu sein dafür aber gut vergütet zu werden.

Richtig gefährlich wird es nicht nur in den eher esoterisch angehauchten Unterarten einiger Investmentansätze sondern vor allem bei der willkürlichen Vermengunge mancher Ansätze. Sicherlich kann man beide Ansätze auch in konsistenter Form zusammenführen. Der Ansatz von William O’Neill sei hier stellvertretend genannt. Problematisch ist jedoch die zeitgenössische tagesformabhängige Vermengung beider Ansätze, die oft lediglich zur Rechtfertigung von Positionen dient.

Sie kennen es vermutlich. Eine Aktie ist in einem stabilen Abwärtstrend und fällt, wie etwa eine Commerzbank-Aktie, von 300 Euro auf 10 Euro. Das Kurs-Buchwert-Verhältnis, was auch immer dies angesichts der Bilanzierungsregeln für Banken überhaupt aussagen mag, wird in so einem Fall gerne beispielsweise als Begründung herangezogen, warum man diese Aktie 90% herunterbegleiten muss. Der Trend zeigt zwar nach unten, aber der Trend ist nicht korrekt, denn die Aktie ist ja vermeintlich billig. Wer das einmal probiert hat, sollte von dieser Art der finanziellen Sterbebegleitung dauerhaft geheilt sein. Vertrauen sollte man darauf nicht, denn das Gedächtnis ist hinsichtlich finanzieller Erfahrungen löchrig.

PE SPX

Ein umgekehrtes Bild sieht man derzeit unter anderem an den US-Aktienmärkten. Die Bewertung wandelt mit traumwandlerischer Sicherheit auf einem gemessen an historischen Maßstäben extremen Niveau. Einige Kennzahlen konkurrieren bereits mit den Werten von 1929, aber der Trend zeigt nach oben, wenn auch nicht wirklich beeindruckend. Die scharfen Korrekturen und oft ebenso scharfen Aufwärtsbewegungen vermitteln den Eindruck eines massiven Bullenmarktes. Schaut man sich die Zahlen der letzten Jahre an, so darf man die Entwicklung jedoch als ernüchternd bezeichnen. Das gilt umso mehr, wenn man sieht, dass die Kursgewinne lediglich aus einer steigenden Bewertung transliterate  und nicht aus steigenden Gewinnen der Unternehmen.

Der folgende Chart zeigt die Entwicklung des zyklisch bereinigten KGVs (CAPE/Shiller-PE). Die schleichende Gewöhnung an steigende Kurse bei gleichzeitig fallenden Gewinnen ändert leider nichts am Ausmaß der Bewertung. Interessant ist auch die Entwicklung zwischen dem Anfang der 80er Jahre und dem Jahr 2000. Viele Anleger und viele, die heute interviewt werden sind in diesem gigantischen Bullenmarkt sozialisiert worden und halten das dort am Aktienmarkt erlebte für normal. Das ist es aber nicht.

chart

Nun kann man aus rein technischen Gründen an Bord bleiben, wenn man dem Trend folgen mag. Aber aus diesem Trend eine günstige Bewertung abzuleiten ist nicht sinnvoll. Es zudem überflüssig. Niemand würde bei einem Fußballspiel davon ausgehen, dass eine Mannschaft, die 1:0 gewinnt zwangsläufig auch besser gespielt hat. Das ist für die Gefühlswelt der Fans möglicherweise relevant, für die Vergabe der Punkte spielt es jedoch keine Rolle. Was zählt ist allein das Ergebnis.

Daher sind günstige Bewertungen nicht zwingend ein Grund sofort zu kaufen und hohe Bewertungen nicht zwingend ein Grund zum Verkaufen. Eine ausufernde Sorglosigkeit, geringe Kassehaltung bei Aktienfonds, eine rekordhohe Margin-Debt und eine hohe Bewertung dürfen aber zur Kenntnis genommen werden. All dies sind deutliche Warnsignal und sollten nicht ignoriert werden, wenn ein Trend ohnehin eher wacklig und wenig dynamisch daherkommt.

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