Getäuscht: Irrationales als rational verkauft!

6. September 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Am Donnerstag musste ich schmunzeln, als die Kommentatoren mehrerer Medien verkündeten, die EZB hätte den Leitzins „überraschend“ auf 0,05 Prozent gesenkt. Worin bestand denn die Überraschung? In der Senkung als solcher?

Die hatte EZB-Chef Mario Draghi doch kurz zuvor geradezu herbeigeschworen, als er die Inflation „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ anzuheizen versprach. In der Zahl 0,05? So eine Marginalie ist ja bei einem Zinsniveau, das schon längere Zeit nur ein wenig über null schwebt, wahrlich keine Überraschung.

Man kann die Chose drehen und wenden, wie man will, am Ende bleibt nur die Erkenntnis: Wer sich hier überraschen ließ, ist selbst schuld. Draghi hat halt die Inflation als Ziel ausgemacht, also muss er seinen Worten – die bisher an den Börsen zugegebenermaßen wie Taten gewirkt haben – eben diese folgen lassen.

Vorläufer war der bereits seit längerer Zeit im Vergleich zum Dollar fallende Euro, ganz nach der im ersten Semester Volkswirtschaftslehre von Studenten auswendig gelernten Binsenweisheit: Ist die Währung schwach, verteuern sich die Importe, also gibt es mehr Inflation. Damit ist die ganze Komplexität der Inflation allerdings erst zu einem geringen Bruchteil erklärt. Die Stärke oder Schwäche einer Währung hängt immer noch in erster Linie vom Vertrauen ab, das man ihr entgegenbringt, und dieses Vertrauen basiert auf mehreren Komponenten.

Unter denen haben sich in der langen Geldgeschichte ausgerechnet solche als entscheidend erwiesen, die man nicht messen kann, wie die Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit der Geldpolitik, das Charisma der Notenbanker, die Unterlegung einer Währung mit Gold oder einfach nur die Widerstandsfähigkeit gegen die von Großspekulanten wie George Soros ausgeübten Attacken. Der hatte bekanntlich einmal Erfolg mit seinem Angriff auf das britische Pfund.

Und wie steht es um die für das Vertrauen in eine Währung möglicherweise relevanten messbaren Komponenten? Die Frage sollte lieber so gestellt werden: Haben diese überhaupt eine Bedeutung? Oder so: Entspricht die Bekanntgabe des Leitzinses nicht einfach nur einem vom obersten Gockel der Notenbank nach außen gekrähten, aber letzten Endes erfolglosen Versuch, das Irrationale der Geldpolitik rational erscheinen zu lassen? Nichts gegen Zahlen wie 0,05 – früher 0,5 und noch früher 5,0 -, solange sie psychologisches Beiwerk bleiben. Aber als Steuerungsinstrumente taugen sie nur wenig. Was soll nun aus dem Euro werden?


Schon grassieren die ersten Prognosen, er stehe bald pari zum Dollar, also eins zu eins. Dort war er ja früher mal, für einige Zeit sogar darunter. Doch jeglicher Versuch, aus seiner jetzigen Schwäche eine in Zahlen gefasste Prognose abzuleiten, muss zwangsläufig scheitern, Begründung ähnlich wie beim Leitzins: Es kommt mehr auf Psychologie als auf Zahlenakrobatik an.

Mit dem fallenden Euro kommen zwangsläufig wieder Befürchtungen hoch, er könnte die nächste große Krise des ganzen Euroraums einleiten. Das wäre dann wirklich mal etwas anderes, als auf den Griechen oder Spaniern als Krisenverursacher herumzukloppen – auch wenn die reichen unter ihnen anders als die armen das verdienen würden – oder Verschwörungstheorien zu verbreiten, wonach die Angelsachsen den Euro kaputtmachen wollen.

Das Kernproblem des Euro ist immer noch dasselbe, und dabei wird es bleiben: Reiche und arme Länder in eine einheitliche Währung gepresst zu haben. Das mag zwar ein interessantes Experiment gewesen sein, aber es ist zum Scheitern verurteilt. Wie hat der Schauspieler Mario Adorf in einem Werbespot so treffend formuliert: „Mit Geld spielt man nicht.“ Doch um eines gleich klarzustellen: Draghi ist ebenso wie seine Vorgänger Trichet und Duisenberg kein Spieler. Er muss allerdings mit den Spielkarten (überwiegend Luschen), die er wie die beiden anderen von ahnungslosen bis größenwahnsinnigen Politikern in die Hand gedrückt bekommen hat, auskommen und so tun, als könne er wie beim Skat Grand Hand spielen.

cover_gDazu gehört auch die von Kommentatoren als „überraschend“ wahrgenommene, in Wahrheit programmierte Senkung des Leitzinses auf 0,05 Prozent. Oder um nochmals den Vergleich mit dem Skat zu bemühen: Draghi hat zwar nur die Kreuz-Sieben ausgespielt, aber die Betrachter von draußen sind so vernebelt, dass sie glauben, in dieser Karte den Kreuz-Buben erkennen zu können. Fazit: Willkommen in der nächsten Eurokrise! Am besten, Sie schützen sich vor ihr mit Gold und Dollar-Tagesgeld. Wobei Gold anders als der Dollar echtes und nicht Papier-Geld ist. Zu guter Letzt: Solange der Euro schwach bleibt, braucht der international in Dollar notierte Goldpreis nur zu stagnieren, und in Euro gemessen profitieren Sie trotzdem davon.

Manfred Gburek – Homepage



 

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Ein Kommentar auf "Getäuscht: Irrationales als rational verkauft!"

  1. cubus53 sagt:

    Herr Draghi möchte Inflation generieren … und senkt deshalb die Zinsen auf Null ???

    Ich bin kein Experte, aber müsste man die Zinsen dann nicht auf 10% hochschrauben ? Mit der Zinssenkung geht es doch um etwas ganz anderes, um die Rettung der maroden Staatshaushalte und des Euro als Gemeinschaftswährung. Aber solche Wahrheiten lassen sich dem Volk nicht gut verkaufen.

    Was ebenfalls nicht zu der These der Inflationsgenerierung passt, ist der Goldpreis. Den würde ich dann künstlich in die Höhe treiben. Das macht richtig Angst und sorgt schon rein psychologisch für Inflation. Aber der Goldpreis wird regelmässig nach unten geprügelt.

    Leute, euer Geld ist sicher ! Mindestens so sicher wie das Rentenversprechen von Herrn Blüm.

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