Gestern wurde ein Eisberg gerammt. Und schön gefeiert.

1. Dezember 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

Marktkommentar von Mack & Weise

Noch im Oktober glaubten die Finanzalchimisten in Brüssel genug Zeit zu haben, den Schuldenverschiebebahnhof EFSF so groß aufblähen zu können, dass alle Gläubiger mit einem „leistungsgestörten“ PIIGS-Staatsanleihenportfolio dieses hätten zum Problem des europäischen Steuerzahlers machen können…

Da sich aber nun die Schuldenschlinge nicht nur um Italien und Spanien binnen kürzester Frist immer enger zuzieht und asiatische bzw. anglo-amerikanische Investoren selbst aus den Anleihen der (noch) „AAA-Retter“ fliehen, wird nach dem Willen der EUrokraten nun die EZB als „Last Lender of bancruptcy“ in Stellung gebracht. Dass sich das Zentralkomitee in Brüssel gleichzeitig zu einer Zentral- und Wirtschaftsregierung aufschwingen will, wird von der systemkonformen Presse sogar mit Beifall begleitet, obwohl gerade über nichts weniger diskutiert wird, als die Entmachtung der demokratisch gewählten nationalen Parlamente! Doch können all diese von Hilflosigkeit und Panik geprägten oder die Krise missbrauchenden Maßnahmen die möglicherweise bereits eingeläutete „Endphase der Euro-Zone“ (N. Roubini, 17.11.11) noch stoppen?

Wohl kaum, denn sollte die wundersame Rettung des nackten Kaisers (Pleitestaaten und -banken) durch Baron von Münchhausen (Pleitestaaten und -banken) auch durch Überbordwerfen jeglicher demokratischer Grundsätze oder des deutschen Grundgesetzes zumindest kurzfristig irgendwie gelingen, so darf mit Blick auf den in Relation zu 2011 gigantischen 2012er Refinanzierungsbedarfs der PIIGS (z. B. Portugal: +322 %, Spanien +332 %, Italien: +450 %), einer sich rasant abkühlende Weltkonjunktur und der damit verbundenen direkten Rückkopplung auf die fragilen Staatshaushalte an deren Dauerhaftigkeit schon heute gezweifelt werden.

Obwohl die europäische Statistikbehörde einen Einbruch der Industrieauftragseingänge im Euroraum um heftige 6,4 % (September zu August; siehe Grafik) meldete und die Euro-Industrie ihre Produktion im November so stark wie zuletzt im Juli 2009 drosselte, glauben die 12.000 von Bloomberg befragten Aktienanalysten (Cui bono?) unverdrossen, dass die Gewinne der im Stoxx-Europe-600-Index gelisteten Unternehmen im kommenden Jahr um 10,5 % steigen werden.

Wen interessiert schon der „freie Fall der Wirtschaft in der Euro-Zone“ (EZB-Ratsmitglied Y. Mersch, 04.11.11), der neue Rekordstand der Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone (16,294 Mio. Arbeitslose) oder eine mit nur noch 0,2 % gezehntelte 2012er Euro-Zonen-Wachstumsprognose durch die OECD. Selbst deutlichste Warnungen des IWF (Die Weltwirtschaft ist in einer gefährlichen Phase.“, O. Blanchard, 20.09.11, „Uns droht, was einige Kommentatoren bereits das verlorene Jahrzehnt nennen.“, C. Lagarde, 09.11.11) werden von den Märkten nahezu komplett ignoriert.

In ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick hofft die OECD zwar noch, dass die Euro-Zone nur in eine „milde Rezession“ abgleitet, jedoch nicht ohne dabei die Warnung auszusprechen, dass sich Politiker rund um den Globus viel mehr „auf das Schlimmste vorbereiten“ müssten. Denn sollten Europas Führer die Staatsschulden- und Bankenkrise nicht unter Kontrolle bringen und sich die Krise in dem bisherigen Maß fortsetzen, würde diese nicht nur „sehr wahrscheinlich den ganzen OECD-Raum [34 Industrieländer, ohne BRIC-Staaten] in eine Rezession schicken“, sondern auch in „stark eskalierenden, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen“ gipfeln… (Seite 2)


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9 Kommentare auf "Gestern wurde ein Eisberg gerammt. Und schön gefeiert."

  1. wolfswurt sagt:

    Die Ursache, welche zum rammen des Eisbergs führte, war die Führung auf dem Schiff und ihre Finanzier´s.

    Eine Führung und ihre Finanzausstatter, die charakterlos und sittlich verkommen ist, wird auch nur Ergebnisse zustande bringen die ihrem verfallenem Niveau entsprechen.

    Da mit keiner Verbesserung der psychisch und physisch geschädigten „Führungseliten“ zu rechnen ist, wird das Parken von Geld wohl über den Sankt-Nimmerleinstag hinausgehen.

  2. purity sagt:

    Schönen Sonntag!
    Ganz unkommentiert hat sich hier die spannende Grafik zum Volumen der Derivate in den Text geschlichen. Die Zahlen sind beeindruckend, doch ich verstehe sie nicht.
    Das Vermögen der Privathaushalte in Deutschland umfasst über alle Vermögensklassen rund 14 Billionen US-Dollar, davon Geldvermögen ca. 7 Billionen US-Dollar (bei einem BIP von rund 3,3 Billionen US-Dollar), davon ist sicher nur ein winziger Teil in Derivaten angelegt. Das Welt BIP beträgt rund 63 Billionen US-Dollar. Die privaten Geldvermögen belaufen sich weltweit auf ca. 122 Billionen US-Dollar.
    Wie können da Derivate im Wert von über 700 Billionen US-Dollar im Umlauf sein??? Wem gehören die denn? Hauptsächlich den Privatbanken? Wer kann dazu etwas sagen? Und inwieweit heben sich die Werte gegenseitig auf? (Short- gegen Long-Positionen). Ich habe den Überblick verloren 🙁
    http://www.sueddeutsche.de/geld/welt-der-millionaere-voellig-losgeloest-1.1103932
    http://www.crp-infotec.de/01deu/finanzen/privat_vermoegen.html
    2. Frage:
    Auf welche Basis beziehen sich die Prozent-Zahlen (auf Seite eins) zum Refinanzierungsbedarf der PIIGS, 322%, 332%, 450% von was?
    Viele Grüße

  3. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo purity,

    die Prozentzahlen beziehen sich auf das Volumen der anstehenden Refinanzierung im Vergleich zum Jahr 2011. Ein Wert von 300% bedeutet also, dass ein Land eine dreimal so hohe Summe wie im laufenden Jahr refinanzieren muss. Diese Anleihen müssen am Markt platziert werden. Da nicht alle, die bisher schon diese Papiere halten, Interesse haben, erneut zuzuschlagen, besteht so die Gefahr eines noch höheren Angebotsüberhangs.

    Zu den Derivaten.
    Im Prinzip ist das Volumen von Derivaten unabhängig vom Volumen der Basiswerte, da diese nicht direkt gehandelt werden, sondern die Entwicklung des Werts des Derivates sich von der des Basiswertes ableitet (daher der Name). Der Effekt des „Netting“ ist im Kern richtig, da viele Geschäfte durch Gegengeschäfte geschlossen werden und daher nicht „verschwinden“ aber neutral sind. Schwierig wird es, wenn eine Seite des Geschäfts ausfällt, wenn also etwa eine Kreditversicherung aus einem CDS oder Zinsswap zahlungsunfähig ist. Diese Risiken müssen bei der Bewertung der Papiere beachtet werden, für Extremszenarien sind derartige Rechenspielchen allerdings hinfällig (was auch für andere Assets gilt), da helfen auch ein paar eher akademische Änderungen an den Enden der Normalverteilung nicht weiter.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  4. purity sagt:

    Vielen Dank für die schnelle Antwort!
    Dass der Wert der Derivate unabhängig vom Wert der Basiswerte ist, ist mir schon klar, wenn aber Derivate im Wert von 700 Billionen im Umlauf sind, dann müssen doch Besitzer da sein, die 700 Billionen „im Feuer“ haben.
    Weiß jemand etwas über die Besitzverhältnisse dieser Derivate? Über 700 Billionen, da ist doch die Frage, in welchen Depots die liegen und wer bei einem Crash Schaden erleidet? Der „Otto-Normalanleger“ hat ja nur sehr wenige Derivate und die Realwirtschaft hat sicher auch nicht so viele, dass da schnell 700 Billionen zusammenkommen? Die Bilanzsumme der Deutschen Bank liegt bei unter 3 Billionen US-Dollar, die von anderen Investment-Banken in vergleichbaren Höhen, und da machen die Derivate auch nur einen Teil aus. Wo findet man also Derivate im Wert von über 700 Billionen Dollar?
    Viele Grüße

  5. purity sagt:

    Dankeschön!
    Wir haben halt nur ein Schuhgeschäft, da ist man es gewohnt, dass man am Jahresende alles in die Bilanz schreibt.
    Den Bericht von der BIS habe ich jetzt auch gefunden:
    http://www.bis.org/statistics/otcder/dt1920a.pdf
    Jetzt muss ich nur noch herausfinden, welche Risiken sich hinter den 700 Billionen Dollar verbergen 😀 und wer die Verlierer sein könnten. Ich verstehe auch nicht, wie die Deutsche Bank, mit ihrem „überschaubaren“ Eigenkapital, Derivate von mehr als 54 Billionen Euro am Laufen hat? Die Risiken können doch nicht so gering sein? Aber ich bin halt kein Banker 😀
    Viele Grüße
    – auch an Frank Meyer! Schade, dass es Bloomberg TV nicht mehr in Deutschland gibt, aber den Neuen Markt gibt’s ja auch nicht mehr 🙁 Da halten sich Gold und Silber richtig gut 😉

  6. Volker Schnabel sagt:

    Hallo Purity,

    hinsichtlich der Risiken hat Steffen Bogs von Querschüsse schon einmal bestens vorgearbeitet:

    http://www.querschuesse.de/otc-derivate-casino-mit-707569-billionen-dollar-an-nominalen-volumen/

    Viele Grüße

    Volker Schnabel
    http://www.mack-weise.de

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