Gesetzmäßigkeit vom abnehmenden Grenznutzen

6. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Wie tief können die deutschen Aktienkurse fallen, wie hoch können sie zwischenzeitlich steigen? Diese Frage bewegt nicht nur Vermögensverwalter und Analysten, sondern in zunehmendem Maß auch die vielen Sparer, die ihr Geld den Fondsmanagern von Union Investment, Deka, DWS, Allianz Global Investors usw. anvertraut haben. Denn deren bisherige Werbefeldzüge dienten in nicht gerade geringem Umfang dazu, Sparern Aktienfonds schmackhaft zu machen. Nach dem Motto: Wir sind die Profis, vertraut uns euer Geld an.

Das Problem: Viel Geld ist prozyklisch in Aktienfonds geflossen. Hat vor fünf oder sechs Jahren eher eine Minderheit unter den Anlegern antizyklisch auf Aktien und Aktienfonds gesetzt, so haben seit 2014 zunehmend Prozykliker das Feld übernommen.

Die Fondsgesellschaften hätten mit antizyklischer Werbung Geld zum Fenster rausgeworfen, weil Anleger in flauen Börsenzeiten kaum geneigt sind, Aktien zu kaufen. Dagegen lässt sich prozyklisch, wie 2014/15, viel Geld einsammeln. Folglich wird gerade dann heftig für Aktienfonds geworben. Das lässt sich über Jahrzehnte zurückverfolgen.

Man sollte die Frage, wie tief die Aktienkurse fallen können, am besten durch eine andere ersetzen: Ist der starke Zustrom an Geld in Richtung Aktienfonds auf hohem Kursniveau ein Indiz dafür, dass neue Höchstkurse so bald nicht mehr in Sicht sind?

Klare Antwort: ja. Dafür sprechen im Übrigen auch die wilden Zuckungen von Dax & Co. Heute hängen die Aktienkurse in Deutschland und anderswo in Europa vor allem von der sehr expansiven Geldpolitik der EZB ab. Doch deren Wirkung verpufft allmählich. Oder um einen bekannten Vergleich zu zitieren: Das erste Bier schmeckt, das zweite und dritte auch noch. Doch spätestens beim sechsten oder siebenten reagieren die Geschmacksnerven bestenfalls neutral. Das ist die in der Volkswirtschaftslehre viel zitierte Gesetzmäßigkeit vom abnehmenden Grenznutzen.

Bislang ist noch jede Aktienhausse zu Ende gegangen, wenn die Konjunktur nicht mehr mitgemacht hat. Das heißt, jetzt allein auf die expansive Geldpolitik der EZB zu setzen, ist gefährlich. Woher können negative Konjunktursignale kommen? Zweifellos aus den USA und aus China. Aber zunehmend auch aus Europa. Dazu braucht man sich nur vorzustellen, welche zusätzlichen Kosten europäischen und speziell deutschen Unternehmen entstehen, wenn ein Land nach dem anderen die Grenzen dicht macht, sodass der ganze Wirtschaftskreislauf durcheinander gerät.

Um nochmals auf die Geldpolitik zurückzukommen: Sie hat bekanntlich negative Zinsen mit sich gebracht; und aus der EZB ist zu vernehmen, dass es dabei bleiben werde, solange eine Inflationsrate etwas unter 2 Prozent nicht erreicht sei. Die negativen Zinsen sollen die Konjunktur beleben helfen und Investitionsanreize schaffen. Aber immer mehr Unternehmen fragen sich, worin sie überhaupt investieren sollen, wenn doch die Konjunktur sich nicht gerade verheißungsvoll entwickelt.

Abgesehen davon kommt hier wieder der abnehmende Grenznutzen zum Zuge: Wenn schon der Übergang von positiven zu negativen Zinsen zu keinem Investitionsschub geführt hat, warum sollen das dann minus zwei oder minus drei Prozent negative Zinsen schaffen? Eine berechtigte Frage, und niemand aus der EZB hat dazu eine passende Antwort. Wie denn auch, sitzen dort doch Bürokraten, keine Unternehmer.

In Umfragen zur weiteren Entwicklung der Aktienkurse taucht immer häufiger die Frage nach dem Abwärtspotenzial auf. Niemand kann sie beantworten. Doch zumindest so viel lässt sich vorhersagen: Die Warnung, nie ein fallendes zu fangen, wird uns noch beschäftigen. Das heißt, die bisherige Aktienbaisse droht in den freien Fall überzugehen, sobald feststeht, dass die aktuelle Geldpolitik ein Schuss in den Ofen ist und die Konjunktur zu lahmen beginnt. Erst danach dürften Fundamentalanalysten, also die Meister im Umgang mit Kennzahlen, diese nach unten korrigieren.

Gibt es ein alternatives Szenario? Ja, und zwar dann, wenn hohe Dividendenrenditen genug Gegengewicht zu den anderen, weniger schmeichelhaften fundamentalen Kennzahlen bilden, wie das kommende Kurs-Gewinn- oder das Kurs-Buchwert-Verhältnis. Dabei spielt der Faktor Zeit eine große Rolle. Aus aktueller Sicht spricht noch nicht viel für dieses alternative Szenario. Denn an der Börse wird Zukunft gehandelt, und die trübt sich gerade ein.
Manfred Gburek – Homepage

 

3 Kommentare auf "Gesetzmäßigkeit vom abnehmenden Grenznutzen"

  1. paulepanter sagt:

    Vor vielen Jahren hieß es mal: Die Rente ist sicher. Danach hieß es: Die Rente reicht nicht aus, wir müssen privat vorsorgen. Haben wir gemacht: sparen, sparen, sparen, damit ich nicht in die Altersarmut falle. Jetzt heißt es: Haben Sie Vermögen aufgebaut? Wie egoistisch! Heute müssen wir teilen. Das neue Volk braucht unsere Hilfe, unser Geld.
    Doch vor einigen Tagen sah ich wieder eine TV-Sendung, dort wurde wiederum für die Vorsorge, insbesondere Frauen – dass diese nicht in die Armutsfalle tappen, geworben. 20-Jährige sollen doch am Besten monatlich in einen Aktienfonds sparen, damit sie dann mit 60 (oder 70?) in Saus und Braus leben können. Viel Glück!

    • Skyjumper sagt:

      Wer heute a) durchschnittlich verdient (egal ob Mann oder Frau) und b) unter 35 Jahre alt ist wird nahezu zwingend in der Altersarmut landen. Unter „Durchschnittlich“ verstehe ich hier die ca. 1.850,- €/Mon. Netto, bzw. ca. 2.700,- €/Mon. Brutto, die die Arbeitnehmer laut Deutschen Statistikamt im Jahr 2015 pro Monat verdienten.
      Davon lassen sich keine großen Sprünge machen. Weder im Konsumverhalten, noch in einer privaten Altersvorsorge.

      Lassen wir in der Betrachtung der aktuellen Situation mal die Frauen aussen vor (einfach weil heutige Rentnerinnen vielfach nicht das Berufsleben hatten das eine heute 35-jährige aufweist) und nehmen wir hilfsweise nur die heutigen männlichen Rentner. Die heutige durchschnittliche (gesetzliche) Rente beträgt dann 970,- €/Mon., und liegt damit gerade so auf HarzIV-Niveau. Dass die durchschnittliche gesetzliche Altersrente in 30 Jahren geringer ausfallen wird als heute dürfte sich zwischenzeitlich hoffentlich rumgesprochen haben. In Kaufkraft betrachtet wird die Durchschnittsrente im Jahr 2046 (plus/minus 15) also unterhalb der sozialen Grundsicherung liegen.

      Auf gut Deutsch: Wer heute netto 1.850,-, oder weniger, an Einkommen hat, der entlastet durch die etwaige private Zusatzvorsorge in erster Linie den Staat der ihm sonst nämlich die Differenz zwischen realer Rentenhöhe und Grundsicherungshöhe zukommen lassen muss. Ein Trend der im übrigen bereits am Laufen ist. 2004 bezogen rund 450.000 Menschen in Deutschland Leistungen zur Grundsicherung, 2013 waren es schon rund 950.000 Menschen.

      Ein heutiger Durchschnittsverdiener der als Rentner deutlich über dem Niveau der Grundsicherung liegen möchte, der muss/müsste schon richtig viel Geld in die Zusatzvorsorge stecken. Die Fragen des „Wie“ dürfte sich bei den meisten erübrigen, da sie bereits an der Frage des „Wovon“ scheitern dürften. Das (materielle) Lebensniveau in Deutschland wird für einen großen Teil der Bevölkerung absehbar sinken, und zwar deutlich.

      • Avantgarde sagt:

        Ja das stimmt schon alles – aber ich lege noch eines drauf.
        Mit der zusätzlichen privaten Vorsorge macht der Einzahler vor allem auch die Versicherungen und deren Eigner,Vertreiber, Angestellte bereits HEUTE etwas reicher.
        Der Anspruch wird aber auf später verschoben. Die Rendite – falls es überhaupt noch eine gibt besteht vor allem aus den staatlichen Subventionen.
        Und im übrigen wären all die ach so effizienten privaten Versicherer 2008/9 ohne Staatshilfe großenteils bankrott gegangen.

        Die Schröderschen sogenannten Reformen sind eine Katastrophe für den Normalverdiener – aber „Dank“ Medienmacht hat man das durchgesetzt und dem Michel erklärt….
        Blüm wurde völlig zu Unrecht durch den Dreck gezogen und hat bis heute in der Sache Recht behalten.

        Aber vielleicht werden wir ja auch mal wieder schlauer – man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben.

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