Der Irrweg des „Vollgeldes“

29. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Thorsten Polleit und Andreas Marquart

Es ist etwas in Bewegung gekommen: Immer mehr Menschen merken, dass mit dem Geldsystem etwas nicht stimmt. Zu dieser Erkenntnis hat sicherlich in besonderem Maße die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise beigetragen. Jetzt mehren sich sogar die Vorschläge, das Geldsystem zu verbessern, es grundlegend zu reformieren…

Das ist eine gute Sache: Die verschiedenen Reformvorschläge dürften das Problembewusstsein in der Öffentlichkeit weiter stärken und die Aussicht auf Verbesserung erhöhen. Allerdings sind die angebotenen Reformvorschläge genau zu überprüfen, ob sie die Übelstände, die es abzustellen gilt, auch abstellen können – oder ob sie unzureichend sind und zu neuen Problemen führen.

Der Irrweg des „Vollgeldes“

Polleit_Thorsten3Ein bekannter Vorschlag zur Reform der Geldsystems ist die „Vollgeldinitiative“. Mit ihr sollen vor allem zwei Ziele erreicht werden: (1) Die private Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken soll beendet und vollständig durch die staatliche Geldproduktion ersetzt werden. (2) Bankenkrisen sollen verhindert werden, indem Banken eine 100 Prozent Reserve in „Vollgeld“ halten. Der Steuerbürger soll nicht länger den Kopf hinhalten für Verluste der Geldhäuser.

Angesichts der Probleme, die es zu lösen gilt, kann das Vollgeldsystem jedoch nicht überzeugen. Erstens: Wenn fortan nicht mehr die Geschäftsbanken, sondern nur noch staatliche Zentralbanken die Geldmengen durch Kreditvergabe ausweiten, bleibt ein zentrales Problem ungelöst – das Geldschöpfen „aus dem Nichts“. Die Volkswirtschaften blieben dann weiterhin geplagt von Fehlentwicklungen, Inflation und „Boom-und-Bust“-Zyklen.

Zweitens: Die Befürworter des Vollgeldsystems wollen an der Idee des staatlich monopolisierten Geldes festhalten. Die staatliche Zentralbank soll sogar zu einer „vierten und unabhängigen Gewalt“ erhoben werden, ein Vorhaben, das auch unter dem Begriff „Monetative“ bekannt ist.

Die Idee einer „vierten, unabhängigen Gewalt“, die die Geschicke des Geldes leiten soll, beruht jedoch auf einer verklärt-naiven Interpretation des Staates (und seiner „drei Gewalten“). Der Staat als territorialer Zwangsmonopolist der letztgültigen Rechtsetzung und -sprechung hat ein vitales Interesse daran, die Hoheit über die Geldproduktion zu erlangen und für seine Zwecke (und die der von ihm begünstigten Gruppen) einzusetzen. Das schafft nicht nur soziale Ungerechtigkeiten, es verursacht auch schwere wirtschaftliche Schäden.

von Andreas Marquart

Marquart_AndreasDie Probleme, die das Kredit- und Geldsystem weltweit heraufbeschworen hat, konnten nur dadurch entstehen, dass der Staat in das Geldwesen interveniert hat: Ohne den Staat wären das ungedeckte Papiergeldsystem mit seiner immensen Schuldenpyramide undenkbar. Dass sich diese Missstände mit einem staatlich kontrollierten Vollgeld bessern sollten, erschließt sich nicht.

Übersehen wird zudem, dass ein Vollgeldsystem auf die Umsetzung einer zentralen marxistischen Forderung hinausläuft: die Verstaatlichung des Geldapparates, wie sie bereits Karl Marx in seinem totalitären Kommunistischen Manifest im Jahr 1848 gefordert hat. Die Vollgeldinitiative macht sich – beabsichtigt oder nicht – zum Vollstrecker der marxistischen Idee, führt direkt in den Geldsozialismus.

Die „Aktivgeldordnung“ als Variante des Vollgeldsystems

Thomas Mayer hat in seinem Buch „Die neue Ordnung des Geldes“ (2014) eine „Aktivgeldordnung“ vorgeschlagen, und zwar als eine Variante des Vollgeldsystems. Zentral ist dabei, dass (1) nur eine unabhängige Instanz, die staatliche Zentralbank, Geld produziert, und dass (2) die Geldmenge nicht mehr durch Bankkreditvergabe vermehrt wird.

Dem Geldschaffen per Bankkreditvergabe wird ein Riegel vorgeschoben – und damit wird auch die Kernursache der monetär bedingten Finanz- und Wirtschaftskrisen („Boom-und-Bust“) beseitigt. Doch das allein reicht nicht aus, Mayers Aktivgeldordnung das Siegel der Unbedenklichkeit zu verleihen.

In Mayers Aktivgeldordnung soll die Geldmenge zunehmen, und zwar in Höhe des geschätzten wirtschaftlichen Produktionspotenzials von 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Das entspringt der verbreiteten Auffassung, die Geldmenge müsse zunehmen, damit die Wirtschaft wachsen kann, und dass ein Absinken der Preise zu verhindern sei. Sie lässt sich jedoch aus Sicht der Österreichischen Schule der Nationalökonomie als unzutreffend widerlegen.

Weitaus wichtiger ist an dieser Stelle die Frage: Wie soll die Geldmenge ausgeweitet beziehungsweise produziert werden? In der Aktivgeldordnung soll die Zentralbank die Geldmenge ausweiten, indem sie „jedem Staatsbürger seinen anteiligen Betrag an der Geldvermehrung als Dividende auf seinem Geldkonto gutschreibt“.[1] Sie soll also allen „Geldgeschenke“ machen.

Das Geld wäre nicht mehr zinsbelastet, schließlich wird das Aktivgeld nicht mehr durch Bankkreditvergabe geschaffen. Dadurch wird die Ursache für die „Boom-und-Bust“-Zyklen, wie sie die Österreichische Schule der Nationalökonomie diagnostiziert, abgestellt.

Weil aber das Aktivgeld entmaterialisiert, monopolisiert und höchst politisiert ist, sind die Aussichten, dass es seine Kaufkraft im Zeitablauf behalten wird, denkbar gering.[2] Auf eine Mäßigung der Aktivgeld ausgebenden Institution zu hoffen, wäre illusionär.

Was soll das aber überhaupt für ein Geld sein, dieses „Aktivgeld“? Mayer zufolge gibt die Zentralbank Geld aus, „das durch den »guten Willen« der Bürger auf der Aktivseite [der Zentralbankbilanz, A. d. V.] gedeckt ist.“[3] Er erklärt dazu: „[D]ie Deckung ist Vertrauen, das nicht real, sondern nur imaginär sein kann.“[4] Man stellt erstaunt fest: Aktivgeld ist Fiat-Geld.Mayers Aktivgeldordnung läuft damit auf ein staatsbetriebenes Zettelgeldsystem hinaus: Das Aktivgeld ist entmaterialisiert, es ist in nichts einlösbar. Es wird „aus dem Nichts“ geschaffen, und zwar von einer „unabhängigen Instanz“, die, so die Vorstellung, „staatsfern“ agiert und das Geldproduktionsmonopol innehat… (Seite 2)

 

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6 Kommentare auf "Der Irrweg des „Vollgeldes“"

  1. Argonautiker sagt:

    Solange es Menschen gibt, die sich für viel besser als die Anderen halten, wird kein Geld der Welt das beseitigen können, was man hier gerade mittels der Erschaffung eines anderen Geldsystems beseitigen möchte. Die allzu große Ungerechtigkeit zueinander, welche final durch das daraus entstehende Auseinanderfallen in zu große Extreme, das Zerbrechen des Ganzen die Folge hat.

    Falls die Könige auf Erden sich aber anfangen zu besinnen und beginnen wieder mit ihren Mitmenschen am gleichen Tisch speisen, ist es vollkommen wurscht, welches Geldsystem man nutzen wird, es wird gut.

    Geld ist Geld. Es kann gar nichts. Geld kann aus sich, genauso wenig, wie Waffen aus sich können. Es sind die Menschen die Geld gegeneinander benutzen, anstatt miteinander, das ändert man aber nicht mit der Änderung des Geldes.

    Leider ist es nicht so einfach.
    Viel zu Viele folgen Luzifers Weg, folglich befinden wir uns in einer durch Egoismus geprägten Welt. Das unser Geld schlecht ist, ist nur eine Folge davon, aber nicht Ursache. In einer egoistischen Hand würde selbst das Beste Geld der Welt keinen Segen für ebendiese Welt bringen.

    Trotzdem, schön, daß man sich zu mindest wieder anfängt Gedanken zu machen, daß etwas nicht stimmt.

    Gruß aus Bremen

  2. Alfred sagt:

    Was Argonautiker hier einwirft, ist richtig. Geld ist immer prinzipiell schon „falsch“, da künstlichen Ursprungs. Das ist kein Aufruf zu seiner Abschaffung, sondern Geld ist, was der Volksgeist dahinein interpretiert. Man kann den Leuten nicht zurufen: Ihr seid eventuell Gauner! Entweder herrscht größte Übereinstimmung in der Unbewusstheit, oder man liebt sein Gaunertum. Bisweilen beides.
    Meinem Eindruck zufolge hat die Mehrzahl der Menschen einen ziemlich blinden, ziemlich schwarzen Fleck im Bewusstsein, da wo es ums System geht. Unter Kollegen, unter Freunden, fast überall wird über Gott und die Welt sich ausgelassen, Vernünftiges und allerhöchster Blödsinn produziert, gelacht und Trübsinn geblasen, aber die Arbeit, die leidige, und alles Zusammenhängende wird strikt niemals auch nur versehentlich angesprochen, oder wenn, dann nur am Rande erwähnt.
    Da gibt es offensichtlich welche, die offensichtlich immer unter uns sind, in der noch „allerbesten“ Gesellschaft, deren Elend sollte eigentlich unverkennbar sein, die sind von all den schwer Getroffenen am Erbärmlichsten dran, liegen direkt am Boden und senden Schreie aus ihrem Herzen, wenn sie sich nicht sogar komplett „entblössen“ – man geht über sie hinweg wie über welkes Gras.
    Genau solange ist man freundlich, hilfsbereit und symphatisch -bis zu diesem Punkt. Ganz, ganz wenige Ausnahmen sind darunter.
    Bei diesem Grad der Bewusstseinsentwicklung muten Bestrebungen, ein Falschgeldsystem abzuschaffen, über alles Mass lächerlich an. Man versuche es erst einmal im Kleinen, und wähle seine Worte sorgfältig. Wenn man dann nicht allzu oft scheitert als trauriger Missionar, der man vielleicht gar nicht sein möchte, hat man Glück. Oder auch nicht.

  3. Infoliner sagt:

    Ein ganz komischer Text da von Euch. Es wird so viel über staatliches Geld geschimpft, nur haben wir ja keins und die 5-6 Länder der Welt, die das wohl haben, werden überall als Superbösewichte dargestellt. Länder wie Iran, Venezuela, Nordkorea, Ungarn, Rußland na Ihr wißt schon, die haben staatliche Zentralbanken. Alle anderen nicht, sondern das Geldmonopol ist in allen anderen Ländern in privater Hand. Also wenn man die Lage anschaut… ein ziemlich schwaches Argument für Privatgeld.

    Noch schlimmer aber wird es hier:

    „Ausgangs- und Orientierungspunkt aller Vorschläge für eine Geldreform muss das Wesen und die Entstehung des Geldes sein.“

    Tja Geld ist eben gerade keine Naturangelegenheit mit einem eigenen Wesen, sondern die Gestaltung eines Geldwesens ist eine absolut menschliche Angelegenheit. Also ist es unsere Verpflichtung, das Geldwesen zu gestalten und keinesfalls sich dem Geld, als sei es eine selbständige Instanz, zu unterwerfen. Wer vergißt (und die heutigen Beherrscher des Geldes wollen gern, daß wir das vergessen), daß wir Menschen hier die Regeln aufstellen, der hält dann auch so idiotische Konstruktionen wie Zins für natürlich, der nur eben immer automatisch zur Krise führen muß, weil ja das Geld immer von dort, wo es gebraucht wird, dorthin fließt, wo es überflüssig ist.
    Das ist nur mal als Beispiel gemeint für die Gedankenlosigkeit der Textschreiber. Lest und verinnerlicht doch wenigstens mal den altmodischen aber darum nicht falschen „Nationalökonomischen Kurs“ von Steiner.

  4. Michael sagt:

    Eine Akademikerblüte und deren gibt es mehrere.

  5. Minddiver sagt:

    Ein fragwürdiger Text, bei dem man sich fragen kann „qui bono“…

    „“Wenn es das Ziel ist, „gutes Geld“ zu erlangen, muss das ungedeckte Papiergeldsystem beendet werden und durch eine private Produktion des Geldes, einem freien Währungswettbewerb, ersetzt werden.““

    –> Wie ein Vorschreiber schon angemerkt hat, wir haben schon in den meisten Ländern private Produktion von Geld. Weiterhin haben wir auch einen freien Wettbewerb, jeder von uns kann Bitcoins und Co (siehe http://coinmarketcap.com/ –> ca. 63 private digitale Währungen) erwerben und gegen Euro und Dollar austauschen. Ich sehe also nicht, warum dies angestrebt wird, da es ja schon existiert!
    Meine weitere Kritik: Die Autoren müssten bitte noch erwähnen, wie der private Produzent sein Geld zu decken pflegen soll und müssten uns Geldnachfragern dann noch erläutern, wie wir die Deckung aller neuen „Gelder“ bzw. die Qualität des Geldes prüfen sollen, so dass wir eine rationale Entscheidung für ein spezielles Geld treffen können.
    Für mich krankt der Gedanke des freien Wettbewerbs an der asymmetrischen Informationsverteilung und so lange wir diese noch haben, so lange funktioniert dieser „Geld-Gedanke“ ebenfalls nur eingeschränkt.

    „“Die Marktakteure haben die Freiheit, selbst zu entscheiden, was sie als Geld verwenden wollen. Jedem ist es erlaubt, Güter anzubieten, die sich um die Geldfunktion bewerben.““

    –> ja genau, ich sehe die Zukunft schon klar vor mir, Geld besichert durch Immobilien oder Getreide oder lustigen Zertifikaten. Und dann sitze ich in der Kneipe und will mein Bier mit ‚getreidebesichertem Geld‘ zahlen und der Wirt sagt: „Sorry, heute akzeptiere ich nur ‚hopfengedecktes Geld‘, denn seit Ehek auf Getreide gefunden wurde, kann ich die Brauerei nicht mehr damit bezahlen.“ –> na dann ab in die Küche zum Gläserspülen..

    Irgendwie erinnert mich diese Idee von Mises und Co. eher an die Tauschwirtschaft von früher, wo auch alles als Tauschmittel fungiert hat. Deshalb frage ich mich, was hat dieses Geld für einen Vorteil. Ich kann mir nicht vorstellen, wie dieses Geld diese Funktionen gesichert ausführen soll:
    – allgemein akzeptiertes Tauschmittel (–> jeder darf ja anbieten und somit muss auch jeder ablehnen dürfen)
    – Wertaufbewahrungsmittel (tja fragt sich nur wie stabil und wie lange)
    – Recheneinheit (LOL)

    Meine Meinung:
    Wir Bürger sind der Staat, wir alle sollten EIN Geld besitzen bzw. herausgeben das uns allen dient. Und wir müssen uns überlegen, welche Strukturen wir benötigen, dass zum Beispiel eine Art „Monetative“ nach klaren und transparenten Regeln über unser Geld wacht. Und sollte von der Monetative Schindluder getrieben werden, dann sollten wir als Bürger ein einfaches Vetorecht bzw. Vertreibungsrecht der Schuldigen haben. Also kein Konstrukt wie bei der EZB, die ja keinem Bürger Rechenschaft ablegen muss. Tja da regt sich der Wutbürger über Maut und sonstiges auf, aber so was nimmt er anscheinend unreflektiert hin… (ausgenommen die werten Leser hier 😉
    Ach da fällt mir noch das ZinsesZins-Problem ein, ich hoffe, dass „freie Markt“-Geld löst auch dieses? Lassen Sie mich raten, die Lösung heisst hier wohl Währungsreform bzw. muss es ja auch freies Geld geben, dass wieder vom Markt verschwindet. Schreiben wir’s einfach ab…!

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