Geld und Magie – Die ökonomische Deutung von Goethes Faust

23. Mai 2011 | Kategorie: RottMeyer, Zeitlos

Rezension von Hans-Jörg Müllenmeister

Der Nationalökonom Hans Christoph Binswanger bewegt sich im Zauberreich der Sprache und Phantasie in Goethes Faust mit forschend-sozialökonomischem Spürsinn. Dabei hebt und interpretiert er als Schatz den Stein der Weisen, den Katalysator alchemistischer Wertschöpfung: das Mittel zur Kreation künstlichen Goldes…

Die Idee der Papiergeldschöpfung beginnt im Faust II am Kaiserhof. Dieser Zaubertrick Mephistos zur Geldnotenausgabe ist durch die nicht gehobenen Bodenschätze „gedeckt“ und durch die kaiserliche Unterschrift legalisiert. Indes entpuppt sich die wundersame Geldvermehrung, die „Chymisterie“, später als mephistophelisches Blendwerk: Die Illiquidität der Bodenschätze wird durch die Liquidität des umlaufenden Papiergeldes sprunghaft gesteigert. Die imaginäre Goldquelle nimmt reale Züge an, denn dahinter steckt im Drama die Autorität des Kaisers. Übertragen auf heute heisst das, solange alle „Marktteilnehmer“ an diese Papier-Scheinwerte glauben, funktioniert der Markt.

Erstaunlich, welche Luftschlösser sich durch Papiergeld und Manipulation von Wirtschaftsdaten auftürmen lassen. Welch eine moderne Parallele zu Faust II: hier der König mit Mephisto als seinen Hofnarren, und da das Traumpaar Obama und Bernanke im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten des Fiat money. Mit dem „Papiergespenst der Gulden“ – beginnt das Drama der Wirtschaft. Zur Papiergeldschöpfung der Privatbank „Faust-Mephisto AG“ gibt es unverkennbar eine historische Parallele, nämlich das gescheiterte Geldexperiment des Schotten John Law von 1720 am französischen Hofe: dieser angeheuerte Glücksspieler und brillante Kopfrechner trieb die „Entgoldung“ des Geldes zu rasch voran. Das führte zum Aktiensturz des Mississippi-Projekts, zur Inflation und zuletzt zur Annahmeverweigerung des Papiergeldes.

Goethe, der nicht nur genialer Literat war, sondern auch Wirtschaftsminister am Hofe in Weimar, beschäftigte sich intensiv mit ökonomischen Theorien. Neben der Arbeitsleistung sah er drei Grundelemente der modernen erfolgreichen Wirtschaft: die Papiergeldschöpfung, ein neues Eigentumsrecht und die Nutzung mechanischer Energie, etwa die zu seiner Zeit erst erfundene Dampfmaschine.

Auch heutige Wirtschaftsprozesse lassen sich als eine Magie der Alchemie deuten, wenn eine echte Wertschöpfung ohne Begrenzung möglich ist. Der Autor zieht Querverbindungen zwischen der Experimentierfreudigkeit der Alchemisten und den zart anlaufenden Geldmärkten zu Goethes Zeit. In beiden Fällen wird durch den Stein der Weisen etwas Neues kreiert, aus Ingredienzen wird ein neuer Stoff, bestenfalls Gold – aus Papier wird Papiergeld und noch mehr Geld.

In der Schlacht im Drama offenbaren sich gar herrlich menschliche Leidenschaften, die mit dem Eigentum zusammenhängen, personifiziert durch die gewalttätigen Gesellen Raufebold, Habebald und Haltefest. Sie versinnbildlichen die nackte Gewalt, die sich rücksichtslos Güter aneignet; Habgier, die zu noch mehr Besitz strebt und Geiz, der nichts preisgeben will, was er einmal besitzt. Diese allegorischen Gestalten stehen der schöpferischen Tat entgegen – also dem wirtschaftlichen Wachstum und dem Elan des Unternehmers Faust.

Mahnend verweist Binswager darauf, dass bei weitem das Bruttoinlandsprodukt kein Wohlstandsindikator ist. In der Tat misst Wohlstand einer Gesellschaft nur das, was käuflich ist. Aber auch nicht käufliche Güter formen den Wohlstand, wie eine intakte Natur, gesunde Nahrung, frische Luft. Diese Qualitäten gehören mit zum Wohlstand. Die Wachstumsgier muss aufhören, die Ressourcen der Erde dürfen nicht überstrapaziert werden.

Binswanger weist nach, dass auch Goethe den aristotelischen Begriff zweier grundverschiedener Wirtschaftsformen kannte: die Versorgungs- und die Ertragswirtschaft. Goethe liess Faust ganz in der Erwerbswirtschaft aufgehen, dort wo das Geld und das Kapital dominieren. Mit Hingabe verfolgt Faust das Ziel der Ertragswirtschaft, ist fasziniert vom ewigen Fortschritt und dem Überwinden der Zeit.

Der Autor findet Parallelen in der modernen Erwerbswirtschaft. Wird doch bereits schon das zu Geld, was man sich als künftigen Gewinn erhofft. Die Gewinnerwartung avanciert zum Gegenwartswert. Aber womit werden diese faszinierenden Gewinne erkauft? Sind damit nicht auch „Kollateralschäden“ verbunden? Unwillkürlich denken wir an das latente Gefahrenpotential der Atomenergie wie es uns zuletzt Fukushima abschreckend vor Augen führte. (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

2 Kommentare auf "Geld und Magie – Die ökonomische Deutung von Goethes Faust"

  1. wolfswurt sagt:

    Die Sichtweise Goethes entspringt dem romantischen Teil der Seele der auch in seiner Brust beheimatet war.

    Romantik ist der Wunsch die Grausamkeit der Naturgesetzlichkeit in uns zu überwinden mit dem Ziel ein schönes, freudiges in Ästhetik eingebettetes Leben voller Harmonie führen zu können.

    Die Gesetze der Natur fordern genau das Gegenteil: Anpassung, Töten, Kampf um Lebensraum.

  2. […] Rott & Meyer: Geld und Magie – Die ökonomische Deutung von Goethes Faust […]

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.