Gehen Sie in Deckung…

16. März 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Die Lage in der Ukraine spitzt sich zu. Nach der Wahlentscheidung auf der Krim am Sonntag könnte es an den Börsen turbulent werden – und nicht nur dort…

Als wir zu Jahresbeginn an dieser Stelle vor einem schwachen Börsenjahr gewarnt haben, da war das Staunen unter den Kollegen groß. Das Superjahr 2013 und insbesondere der starke Dezember hatten den Anlegern zu diesem Zeitpunkt noch völlig den Verstand vernebelt.

Allmählich dürfte sich das ändern. Von der kürzlich noch als „sicher“ gehandelten 10.000-Punkte-Marke ist der deutsche Leitindex inzwischen mehr als nur ein Stückchen entfernt. Doch das ist noch längst nicht alles:

Seit Freitagmittag sieht auch ein Blinder, dass sich beim DAX eine potentielle obere Trendwendeformation ankündigt. Achten Sie auf die rote Linie in der folgenden Abbildung. Sollte der DAX an dieser markanten Unterstützung ohne größere Gegenwehr weiter nach unten durchgereicht werden, wird es kritisch.

DAX kurz WK 15-03 JPG

Dabei könnten die Probleme für die Börsen mit dem am Sonntag anstehenden Referendum auf der Schwarzmeerhalbinsel Krim erst so richtig anfangen. Wie gespalten die Ukraine schon bei den Parlamentswahlen 2010 war, das verdeutlicht die folgende Grafik. Die Abbildung zeigt auch, dass die in den USA und der Europäischen Union genährte Hoffnung, das Land werde sich geschlossen dem Westen anschließen, eine Illusion bleiben wird.

Ukraine Wahl 2010

Das Fatale an der Situation: Eine Studie der Universität Cleveland hat gezeigt, dass erfolgreiche Unabhängigkeitsbestrebungen weniger von der Anwendung des Völkerrechtsprinzips als von der Zustimmung der globalen oder regionalen Großmächte abhängen.

Mit anderen Worten: Sollten die Westmächte und Russland ihre unterschiedliche Auffassung darüber, zu wem die Krim gehört, weiterhin zementieren, dann hat der Wahlausgang vom Sonntag erhebliches Konfliktpotential. Denn tatsächlich stehen sich die Großmächte schon vor dem Votum der Bürger in diesem Punkt diametral gegenüber. Man könnte auch sagen feindselig.

Hinzu kommt: Die aktuell gültige Verfassung der Krim aus dem Jahr 1998 erlaubt keinen Volksentscheid in der Frage der Unabhängigkeit. Zudem ist der Gesetzestext der ukrainischen Verfassung von 1996 untergeordnet. Diese wiederum erlaubt in Artikel 73 ein Referendum über den territorialen Bestand der Republik nur für den Fall, dass die gesamte Bevölkerung der Ukraine darüber abstimmt – was sie nach Lage der Dinge jedoch nicht tun wird…

US-Außenminister John Kerry hat bereits eine klare Drohung formuliert: Sollte Russland die Krim annektieren und das zu erwartende pro-russische Krim-Referendum am Sonntag anehmen, müsse die Regierung in Moskau schon am Montag mit einer Reihe sehr ernster Schritte der USA und der Europäischen Union rechnen. Es handle sich dabei um massive politische und wirtschaftliche Konsequenzen. Doch dabei muss es natürlich nicht bleiben…

Krieg als Ablenkungsmanöver?

An dieser Stelle sei an einen unheilvollen Mechanismus erinnert, der historisch betrachtet regelmäßig dann zum Tragen gekommen ist, wenn die allgemeine Lage aussichtslos war: In besonders dramatischen Phasen der Weltgeschichte wurden gerne Kriege vom Zaun gebrochen, um damit von den eigentlichen Problemen abzulenken. Ist die hoffnungslose Verschuldungslage der wichtigsten Großmächte jetzt jener Katalysator, der diesen Mechanismus erneut in Gang setzt?

Der frühere Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker hatte schon vor Jahresfrist orakelt, die Welt stehe ähnlich wie im Jahr 1914 vor einem Abgrund. Niemand rechne mit einem groß angelegten militärischen Konflikt der Großmächte. Gerade dies jedoch mache die Lage so gefährlich.

Am Freitag soll es zu Feuergefechten an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland gekommen sein. Anleger sollten jetzt erst einmal in Deckung gehen. Denn die alte Börsenweisheit, genau dann zu kaufen, wenn die Kanonen donnern, könnte sich als voreilig erweisen…

© Andreas Hoose  – Antizyklischer Börsenbrief


 

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2 Kommentare auf "Gehen Sie in Deckung…"

  1. Skyjumper sagt:

    Und es gibt noch ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum welches heute, am 16.03. beginnt und Donnerstag kommender Woche beendet wird.

    Es findet so gut wie keine mediale Aufmerksamkeit, und dass, obwohl es zumindest auf den 2. oder 3. Blick mindestens soviel Potential für Veränderungen bietet wie das Krim-Referendum. Die Region Venetien, rund 4 Millionen Einwohner Italiens, stimmt heute nämlich auch über die Unabhängigkeit ab. Die letzten (veralteten) Umfragen erreichten Zustimmungswerte von 68 %.

    Einen schönen Sonntag im zunehmend bunter werdenen Europa 2014 wünsche ich

  2. bluestar sagt:

    Vielen Dank für den Hinweis.
    Venetien hatte sich einst durch ein Referendum an Italien angeschlossen, jetzt denkt man das funktioniert auch umgekehrt.
    Das Thema wird in den gleichgeschalteten Massenmedien Deutschlands totgeschwiegen.
    Das hat natürlich handfeste Gründe.

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