Gefühlte und echte Pessimisten

17. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Gierig sein, wenn die anderen ängstlich sind, ängstlich sein, wenn die anderen gierig werden – so simpel und gut ist einer der elementarsten Grundsätze des legendären Investors Warren Buffett. Kein schlechter Ratgeber an der Börse, in der Realität jedoch alles andere als einfach zu befolgen. Denn wann sind alle anderen gierig und wann sind sie ängstlich?

Seit dem sogenannten „Black Monday“ Ende August glauben viele Experten unter den Marktteilnehmern nun wieder ausgesprochene Angst zu spüren, so auch bei einer gestrigen Veranstaltung mehrerer namhafter Vermögensverwalter. Sowohl Dr. Ulrich Kaffarnik von der DJE Kapital AG als auch Frank Fischer von der Shareholder Value Management AG sehen daher die aktuelle Korrektur nahe ihrem Ende und blicken schon wieder optimistisch in die Zukunft.

Zu einem großen Teil basiert ihr Optimismus auf diversen Sentiment-Indikatoren, diese weisen in der Tat einen enormen Pessimismus aus. Das gleichzeitig jedoch zwei große Vermögensverwalter – die zusammen einige Mrd. EUR verwalten – ganz konträr zu diesem Bild schon lange wieder unter den Bullen sind, stimmt jedoch nachdenklich.

Vielleicht ist es mit dem vermeintlichen Pessimismus also doch gar nicht so weit her. Während die Masse der Kleinanleger also ängstlich zu sein scheint, sind die Profis schon wieder optimistisch – und gleichzeitig bereits investiert. Da dies jedoch exakt die Anleger mit den tiefen Taschen sind, würde dies für die Märkte nichts Gutes bedeuten. Unterstützung bekommt diese Meta-Sentiment-Analyse von der Markttechnik, die zuletzt alles andere als optimistisch stimmt. Zu angeschlagen sehen die maßgeblichen Indizes aus, ob hierzulande der DAX oder der S&P in den USA.

Gleichzeitig wird der Markt zuletzt nur noch von wenigen „Leuchttürmen“ getragen. Einige wenige starke Aktien halten die Indizes noch relativ stabil, während sich die Mehrheit der Einzeltitel schon im Baisse-Modus befindet. Zumindest in Europa bekommt all dies auch noch einen fundamentalen Unterbau: Während die Gewinne der europäischen Blue Chips seit 2011 weitestgehend stagnieren haben deren Kurse deutlich zugelegt, das KGV basierend auf den laufenden Gewinnen in der Eurozone liegt laut Dr. Kaffarnik bei über 20. Statt durch Ertragswachstum haben also lediglich die Bewertungen zugelegt. Das Rückschlags-Potential ist daher groß, erst recht, wenn sich das heutige Gewinnniveau als nicht nachhaltig erweist.

Neue Grenzbäume

Medial dominiert hat die letzten Tage ohnehin eher ein politisches Thema: Die Flüchtlingskrise, die mit der jüngsten Einführung von Grenzkontrollen zwischen Österreich und Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht hat. Zwar wird damit das Problem keinesfalls gelöst, denn weiterhin sitzen ja tausende Flüchtlinge in Österreich und Ungarn, die auf eine Weiterreise nach Deutschland warten. Zumindest wurde jedoch das Tempo der Ankunft verzögert.

Voraussichtlich auch aufgrund des nahenden Oktoberfestes und der katastrophalen Zustände in München, wo spätestens am Sonntag die Notunterkünfte ausgingen und die ankommenden Flüchtlinge daher teilweise einfach in der Bahnhofshalle übernachteten.

Für die Börsen spielt dieses Thema bislang (noch) keine Rolle, lediglich die ersten Vertreter der Wirtschaft melden sich mit erstaunlichen Aussagen zu Wort. So unter anderem Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende von Daimler, der unter den ankommenden Flüchtlingen exakt die Mitarbeiter sieht, die Daimler händeringend sucht. Dass exakt sein Konzern in der Vergangenheit häufig durch Werkverträge und Billiglöhner von Zeitarbeitsfirmen aufgefallen ist, verwundert vor diesem Hintergrund dann doch.

Ein Vorstand einer größeren Industrieholding erwähnte dazu erst heute in einem Gespräch mit uns, er wisse nicht, was Zetsche da „geraucht habe“. Aus seiner Perspektive werden die neu angekommenen Asylanten zunächst einmal sehr lange brauchen, um eine für den hiesigen Arbeitsmarkt benötigte Qualifikation zu erlangen. Das DIW prognostiziert unterdessen durch die Flüchtlinge bereits für die Jahre bis 2020 mit einem jährlich um 0,25% höher ausfallenden Wirtschaftswachstum – nicht jedoch durch deren Arbeitstätigkeit, sondern durch die Mehrausgaben des Staates.

Genau genommen also Nachfrage, die die Bürger über ihre Steuern selbst bezahlen. Statt den von Kriegen bedrohten Menschen vor Ort zu helfen geben wir daher offensichtlich lieber Geld in Deutschland aus. Genau an dieser Stelle wird das bittere Erwachen der aktuellen Politik jedoch in Kürze zu sehen sein, in explodierenden Kosten von Bund, Ländern und Kommunen. Statt den berechtigten Flüchtlingen vor Ort zu helfen, hat die Politik der Kanzlerin eine Wanderungsbewegung in das gelobte Merkel-Land angestoßen, die so schnell kein Ende finden wird. Spätestens wenn nur noch mit Notfall-Maßnahmen auf den Ansturm reagiert werden kann, dürften auch die Kapitalmärkte realisieren, was hier begonnen wurde.

Entgegen aller Zahlen

Mit der Sitzung der Federal Reserve Bank steht in dieser Woche ein Ereignis an, auf das die Märkte nun schon seit Monaten hin gefiebert haben. Fraglich ist jedoch, warum die Börsianer überhaupt so viel auf die anstehende Zinsentscheidung geben, schließlich geht es de facto um die Entscheidung zwischen Nullzinsen und Zinsen nahe Null. Der psychologische Effekt übertrifft also den ökonomischen deutlich.

Marktteilnehmer sollten außerdem im Hinterkopf behalten, dass es um eine Entscheidung einer Institution geht, die seit der Finanzkrise in nahezu all ihren ökonomischen Prognosen komplett falsch lag. Laut dem Chefökonomen der asiatischen Investmentbank CLSA, Christopher Wood, dürfte es basierend auf den Zahlen zum Lohnwachstum in den USA keinerlei Gründe für eine Zinsanhebung geben. Genau diese Zahlen seien es jedoch, auf die Janet Yellen angeblich bei der Beurteilung der Situation blickt. Kommt der Zinsschritt dennoch, wäre dies ein gewaltiges Signal, das an den Märkten alles andere als gut ankommen dürfte. Zeitlich würde dies zudem immer noch zur Prognose des US-Börsenanalysten Martin Armstrong passen, der im Oktober einen Crash an den Rentenmärkten sieht. Auch deswegen würden wir zum jetzigen Zeitpunkt bezüglich des Aktienmarktes noch nicht in das Lager der Bullen wechseln.

Knapp dürfte die Entscheidung im Offenmarktausschuss der Fed ohnehin ausfallen. Morgen Abend werden wir es wissen, bis dahin bleiben die Börsen in Wartestellung!

Fazit

Mit der anstehenden Fed-Sitzung steht in dieser Woche möglicherweise ein entscheidender Tag an den Märkten an – mit bislang noch offenem Ausgang. Kommt die Zinsanhebung entgegen der Meinung vieler Beobachter dennoch, drohen an den Börsen ernsthafte Verwerfungen.

© Ralf Flierl, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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9 Kommentare auf "Gefühlte und echte Pessimisten"

  1. toter_esel sagt:

    Die Institution, powered by GS, JPM and so on, lag in ihren Einschätzungen NICHT falsch. Nullzinsen und QE sind untrennbar mit einander verbunden. QE oreintierte sich NIE am realen Wachstum oder der Schaffung von Billig-Arbeitsplätzen, sondern diente maroden Banken, sich selbst sanieren (Stichwort: MBS, immerhin 40Mrd.$ monatlich). 45Mrd$ flossen in UST, bis man Belgien als Gläubiger (er)fand. Logisch bei DEN Zinsen…

    Nun MUSS die FED, um ihre Glaubwürdigkeit als „Notenbank“ aufrecht zu erhalten, die Zinsen auf 0,25% anheben. Dass die Emerging Markets darunter leiden, ist den USA wie immer egal.

    In deren Augen ist alles Kollateralschaden, Hauptsache, man kann seine eigenen Schulden dem Rest der Welt gewinnbringend verkaufen.

    • tm sagt:

      Wie kommen Sie auf Belgien? Registriert wird, aus welchem Staat gekauft wird, nicht von wem. Käufer der treasuries ist kaum der belgische Staat, sondern zum Teil offenbar China, zum anderen Teil Steuervermeider. Letztere sind ja auch die Ursache für die scheinbar hohen Bestände der Schweiz, Luxemburgs und der Cayman Islands.

      Und natürlich muss sich die US-Notenbank nicht um die Schwellenländer kümmern. Weshalb sollte Sie? In Deutschland wird bereits gemosert, wenn die EZB ihrer Verantwortung für Südeuropa nachkommt, was gäbe es wohl für einen Aufschrei, wenn die EZB ihre Politik an Brasilien und der Türkei ausrichten würde?

    • toter_esel sagt:

      OK, nun ist es raus. Selbst 0,25% plus geht nicht. Das zeigt, QE und ZIRP bis zum BITTEREN Ende. Das meinte ich: Jetzt wird den blauäugigsten Investoren klar, dass die Notenbanken in einer Sackgasse stecken.

      • toter_esel sagt:

        Ausweg: NIRP. Negative Interest Rate Policy. Das frische, billige Geld (QE infinity) wird durch negative Zinsen aufgefressen. Pervers? Ja. Sparen? Für Hirnamputierte. Konsumieren? JAAAAA!

        Gesund bleiben und überleben. Um mehr geht´s nicht im Leben. Und darum, die Zeit, die man hat, nicht zu vergeuden. Bleiben Sie also, falls Sie Ihr Job ankotzt, morgen zuhause. Und Montag auch. Wenn das alle so machen, werden die Reichen den Krieg nämlich verlieren.

  2. bluestar sagt:

    Zetsche hat nichts geraucht.
    Er träumt von billigen, willigen, anspruchslosen, unterwürfigen Arbeitskräften wie andere Multis weltweit auch. Deshalb ist die NWO ja das Ziel und wir sind auf einem guten Weg.

    • toter_esel sagt:

      Genau so sieht das aus! Wie Warren B. sagte:

      „There’s class warfare, all right, […] but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.” – im Interview mit Ben Stein in New York Times, 26. Novemberr 2006

      • Argonautiker sagt:

        …everything was running great,…, until it failed.

        Luzifer war der beliebteste Engel Gottes. Warum? Weil er so tatkräftig war! Bis er den Bogen überspannte. So ist das mit dem Ego nun mal,…, geht schon, ach das kriegen wir auch noch, ach und das, soundso,… until it fail. When it will fail? Who knows, but it will.

        Es ist ein Gesetzt, daß die Waage irgendwann durchschlägt, wenn sie zu weit aus dem Bereich des auszubalancierenden geht. Aber erzählen sie das mal Luzifer. Ach was, jetzt doch noch nicht. Ein Billönchen geht noch.

  3. waltomax sagt:

    Aktienkurse, die ihren „Wert“ der laufenden Intervention durch die Notenbanken verdanken und ein steuerfinanzierter Wirtschaftsaufschwung! Na, wenn das keine untrüglichen Zeichen des nahenden Unterganges sind, dann weiß ich es nicht. Nun zahle ich also Steuern, um Arbeit zu haben, damit ich damit Geld verdiene, das nichts wert ist.

    „Haben oder Sein“ (dtv-Verlag) von Erich Fromm, dringend lesen! Psychotherapie der letzten Tage ! Sonst werden wohl sehr bald schon sehr viele gackernd am Kronleuchter schaukeln. In der Empfangshalle der Klapse…

  4. Alex sagt:

    Frau Merkel hat doch schon den Untergang eingeleitet. Jeder Flüchtling dieser Welt ist in D willkommen. Die Zeche zahlt der Steuerzahler.

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