Gefangen in der „Japan-Falle“ – Positive Signale für Gold

24. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Je länger die Zinsen niedrig gehalten werden, desto schwieriger wird es, sie jemals wieder anzuheben. Finanzmarktexperten diskutieren unbeirrt, wann die amerikanische Zentralbank, die Federal Reserve (Fed), die Zinsen anheben wird. Kommt die Zinserhöhung noch in 2015? Oder doch erst in 2016? Oder kommt sie gar nicht?

Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, bietet es sich an, einen Blick auf die Entwicklung in Japan zu werfen. Hier wurden die Zinsen ab Beginn 1991 gesenkt und befinden sich seit Anfang 1999 de facto auf der Nulllinie.

polleit-2015-10-24-3Gleichzeitig ist die japanische Staatsverschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung immer weiter angestiegen. Der Eindruck „Zinsen-runter-Verschuldung-rauf“ drängt sich geradezu auf.

Das Absenken der Zinsen hat das Verschulden zu niedrigen Zinsen natürlich ermuntert. Mittlerweile ist die Schuldenlast in Japan jedoch so groß geworden, dass das Anheben der Zinsen im Grunde gar nicht mehr möglich ist. Die Zinskosten würden ansteigen, und das würde den japanischen Staatshaushalt überfordern, beziehungsweise Regierte und Regierende vor die Notwendigkeit stellen, politisch unerwünschte Reformen durchzuführen.

Zins und Schulden

Kann es sein, dass die US-Notenbank (Fed) bereits ebenfalls in einer solchen „Japan-Falle“ gefangen ist? Was sind die Gründe, warum sie sich so schwer tut, die Zinsen anzuheben?

Die bereits seit Anfang 2008 andauernde Tiefzinspolitik ist einhergegangen mit einer starken Ausweitung der Staatsschuldenquote. Zudem haben natürlich auch Unternehmen und Private von niedrigen Zinskosten profitiert.

polleit-2015-10-24-4Ein Anheben der Zinsen würde Schuldnern hart zusetzen, vor allem auch, weil es absehbar Bremsspuren in der US-Konjunktur hinterlassen würde: Der kreditgetriebene Aufschwung würde abflauen oder gar in sich zusammensacken. Je länger eine Zinsanhebung hinausgezögert wird, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Zinsen tatsächlich wieder angehoben werden (können). Ein Beispiel dafür bietet Japan.

polleit-2015-10-24-5*Der US-Leitzins ist so eingezeichnet, dass der Anfang des Zinssenkungszyklus (das war im September 2007) mit dem in Japan (er begann seinerzeit im April 1991) gleichgesetzt wurde. Zwei Versuche, den Zins anzuheben (im Sommer 2000 und im Frühjahr 2006), waren gering und nur von kurzer Dauer. Es gelang den Japanern nicht, auf ein „normales“ Zinsniveau zurückzukehren.

Schulden und Wachstum

Nicht nur in Japan, auch in vielen anderen Ländern zeigt sich Folgendes: Die Verschuldung gemessen an der Wirtschaftsleistung ist in den letzten Jahren angestiegen, gleichzeitig zeigt sich ein negativer Wachstumstrend.



Positive Signale für Gold

Mittlerweile zeigen sich eine Reihe von Entwicklungen, die positive Signale für die Goldpreisentwicklung zu senden scheinen. So sind die Goldbestände der Exchange Trade Funds (ETFs) von ihrem jüngsten Tiefstand in Höhe von 48,5 Mio. Feinunzen am 11. August auf 49,7 Mio. Feinunzen am 19. Oktober angestiegen.

Es sind (vor allem) auch die institutionellen Investoren, die über den Kauf und Verkauf von ETFs am Goldmarkt (indirekt) teilnehmen und dabei in der Regel auch große Kauf- und Verkaufsvolumina bewegen. Dass institutionelle Investoren beginnen könnten, sich wieder für das Gold zu interessieren, könnte aus folgendem Grund sein: Gold ist eine Portfolio-Versicherung.

Das Gold ist, erstens, ein Schutz gegen Inflation beziehungsweise gegen Geldentwertung. Zweitens, schützt es den Anleger auch gegen Zahlungsausfälle. Und drittens, hilft es, mögliche Verluste in anderen Finanzanlagen wie vor allem Aktien abzufedern.

Beispielsweise zeigte sich in der Vergangenheit eine (deutlich) negative Beziehung zwischen dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Aktienmarktes und dem Goldpreis: Stieg das KGV (aufgrund steigender Aktienkurse), fiel der Goldpreis; und fiel das KGV (weil die Aktienkurse fielen), stieg der Goldpreis. Das Halten von Gold trug folglich dazu bei, die Schwankungen des Vermögensportfolios zu mildern. In Zeiten relativ hoher Bewertungen erscheint daher das Halten von Gold attraktiv(er).

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Weitaus bedeutender ist jedoch für den Anleger Folgendes: In Krisenphasen fallen die Aktienpreise mitunter stark (und mit ihnen die KGVs). In der Vergangenheit zeigte sich, dass dies begleitet war von einem mitunter starken Ansteigen des Goldpreises. Mit anderen Worten: Der Goldanleger verfügte in Krisenphasen über eine erhöhte Kaufkraft, die er einsetzen konnte, Aktien zu günstigen Preisen zu erwerben (indem er sein Gold verkaufte und mit dem erhaltenen Geld Aktien kaufte). Aber auch in langfristiger Betrachtung war Gold eine lohnende Anlage – nicht nur gegenüber dem Halten von Bargeld, sondern auch gegenüber dem Halten von verzinslichen Bankeinlagen.

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Zinsen, Deflation, US-Dollar
Von ganz besonderer Bedeutung für die Attraktivität des Goldes ist das „Verschwinden“ des Zinses: Auf Bankeinlagen und kurzlaufenden Schuldpapieren wird der Anleger keine oder kaum mehr Zinsen erhalten. Ja, ihm drohen fortan sogar (in realer Rechnung) negative Zinsen. Damit gehen Sinn und Zweck des Haltens von kurz- bis mittelfristig laufenden Termin- und Spareinlagen gänzlich verloren – und das Halten von Gold wird zur vorteilhafte(re)n Alternative. Angesichts der Geldpolitiken, die den Volkswirtschaften Tief- beziehungsweise Negativzinsen bescheren, muss das Motto heißen: „Gold statt Bankeinlagen“

Selbst für Anleger, die Sorge vor Deflation – also vor fallenden Preisen – haben, ist Gold attraktiv. In einer Deflation kommt es in einer verschuldeten Volkswirtschaft zu Zahlungsausfällen. Beispielsweise erleiden Unternehmen Verluste, weil die Nachfrage nach ihren Produkten abnimmt. Sie können ihren Schuldendienst nicht mehr leisten. Die kreditgebenden Banken erleiden daraufhin Verluste. Reicht das Eigenkapital der Banken nicht, die Verluste aufzufangen, werden die Banken die von ihnen gegebenen Schuldverschreibungen nicht mehr zurückzahlen. Auch Bankeinlagen laufen Gefahr auszufallen im Zuge einer Deflation. Physisches Gold trägt hingegen kein Kreditausfallrisiko.

Der US-Dollar ist nach wie vor und zweifellos die weltweite Reservewährung: Er ist die meist verbreitete Transaktions- und Anlagewährung und bietet die weltweit größten und liquidesten Finanzmärkte. Nicht verwunderlich also, dass in Krisenzeiten der US-Dollar nach wie vor als „sicherer Hafen“ gilt. Langfristig betrachtet gilt dabei jedoch nicht die Faustformel „Wertet der US-Dollar auf, fällt der Goldpreis und umgekehrt“. Vielmehr zeigte die Vergangenheit, dass der Goldpreis eine „eigene Aufwärtstendenz“ hatte, die unabhängig von den Schwankungen des US-Dollar-Außenwertes zu beobachten war. Der Grund dafür war (und ist) vermutlich, dass der Goldpreis mit der Inflation, also mit der Geldmengenausweitung in die Höhe steigt.

Es ist absehbar, dass das weltweite ungedeckte Papiergeldsystem für immer schwerere wirtschaftliche und politische Krisen sorgen wird. Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn zunächst der Drang in den US-Dollar anhält und die amerikanische Währung ihren Mitte 2011 begonnenen Anstieg fortsetzt – und zwar als Vorstufe eines steigenden Goldpreises, der früher oder später anzieht.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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