Gefangen im Boom-und-Bust-Zyklus

10. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Weltweit hat sich die Konjunkturlage aufgehellt: Produktion und Beschäftigung nehmen zu. Die Volkswirtschaften befinden sich jedoch nach wie vor in einem Boom-und-Bust-Zyklus. Das vermutlich größte Risiko, dass der aktuelle Aufschwung in einen Bust umschlägt, ist ein merkliches Verteuern der Kreditkosten, einhergehend mit einem Vertrauensschwund in die Werthaltigkeit der aufgeblähten Vermögenspreise. Die Zentralbanken bestimmen mit ihrer Zinspolitik in entscheidendem Maße darüber, wann der Boom in den nächsten Bust umschlägt. In diesem Umfeld ist die Währung Gold eine Versicherung für das Vermögensportfolio – die zudem Wertsteigerungspotenzial hat.

Die Weltwirtschaft ist auf Erholungskurs: Eine ganze Reihe von Konjunkturindikatoren deutet an, dass Produktion und Beschäftigung weiter zunehmen. Diese Entwicklung dürfte vor allem durch die extrem lockeren Geldpolitiken herbeigeführt worden sein. Drei Faktoren sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. (1) Die Zentralbanken haben die Marktzinsen auf extrem niedrige Niveaus geschleust. Das ermöglicht es Schuldnern, ihre fälligen Verbindlichkeiten durch neue Kredite, die einen niedrigen Zins tragen, zu refinanzieren. Auf diese Weise erhalten die Schuldner neue Ausgabenspielräume, mit denen sie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beleben.

Die Zentralbanken haben den Finanzmarktakteuren mit ihren bisherigen Aktionen signalisiert, dass es ungewollte Zahlungsausfälle von überdehnten Staats- und Bankenschuldnern künftig nicht mehr geben wird. Das hat die Zahlungsausfallsorgen im Kreditmarkt – dem Herzstück des Fiat-Geldsystems – vertrieben. Die Investoren rechnen nun damit, dass im Notfall die Zentralbanken bereitstehen, um strauchelnden Kreditnehmern, die das Finanzsystem gefährden können, zur Seite zu springen und sie mit jeder gewünschten Kredit- und Geldmenge zu versorgen. Die großen Zentralbanken stellen den Marktteilakteuren damit eine kostenlose Versicherung bereit, einen „Zentralbank-Put“.

Wer seit Beginn der Währungsunion im Januar 1999 Gold gehalten hat, konnte die inflationsbereinigte Kaufkraft seines Vermögens um 242 Prozent steigern. Wer hingegen auf kurzfristige, verzinsliche Euroguthaben gesetzt hat, konnte in gleicher Zeit nur einen Wertzuwachs von 5 Prozent verbuchen. Unverzinsliche Euro (etwa in Form von Euro-Bargeld) büßten 28 Prozent ihrer Kaufkraft ein. Mit Gold hatten die Sparer und Investoren folglich ein Geld, mit dem man seine Kaufkraft merklich steigern konnte. Bis zum Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab Mitte 2007 stieg der Goldpreis vor allem aufgrund eines fulminanten Rohstoffpreis-Booms. Nach dem Ende der Preiskorrektur vom Herbst 2011 begann der Goldpreis (in Euro gerechnet) ab Anfang 2014 wieder deutlich zu steigen – denn der Euro-Außenwert begann ab diesem Zeitpunkt, gegenüber dem US-Dollar nachzugeben. Seit Einführung des Euro zu Beginn 1999 bis zum April 2017 haben US-Dollar und Euro etwa 88 Prozent ihrer Kaufkraft gegenüber dem Gold eingebüßt.

Die Eingriffe der Zentralbank haben das Anlegerverhalten maßgeblich verändert: Die Risikoscheu der Investoren hat deutlich abgenommen. Investoren sind wieder bereit, ihr Geld in riskante(re) Anlagen zu investieren – und hoffen, dass bei Problemen die Zentralbank zur Rettung kommt. (Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Moral Hazard“). Nur so ist es wohl zu erklären, dass überdehnte Schuldner – Staaten wie Banken – problemlos neue Kredite bekommen, und das zu historisch sehr niedrigen Zinssätzen. Der Kreditfluss ist wieder in Gang gekommen und schiebt eine neue konjunkturelle Scheinblüte an.

Ausufernde Bankbilanzen

Wie zu erkennen ist, wächst in allen betrachteten Währungsräumen die Gesamtbilanzsumme – also die Summe aus Zentralbank- plus Geschäftsbankenbilanz. Das ist ein untrügliches Zeichen für die Zielrichtung der Geldpolitiken: Sie haben in den letzten Jahren vehement in das Marktgeschehen eingegriffen, um das zu finanzieren, was die Geschäftsbanken nicht mehr finanzieren können oder wollen. Dadurch haben sie gezielt ein Schrumpfen der gesamten ausstehenden Kredit- und Geldmenge verhindert – und damit auch die volkswirtschaftlichen Folgen einer solchen Entwicklung abgewehrt.

Die Zentralbanken sind dadurch jedoch mehr denn je zu einem aktiven Spieler in den Kreditmärkten geworden. Sie beschränken sich nicht mehr darauf, den Geschäftsbanken Geld zu leihen, damit diese damit Kredite an die Privatwirtschaft und die Staaten vergeben. Die Zentralbanken füllen jetzt diese Rolle mehr oder weniger selbst aus – beispielsweise indem sie Schuldpapiere von Staaten, Banken und Unternehmen direkt erwerben (und die Käufe mit neu geschaffenem Geld bezahlen). Die „klassische Trennung“ zwischen Zentralbank auf der einen Seite und Geschäftsbanken auf der anderen Seite ist damit im Grunde (und für alle sichtbar) aufgehoben.

Im Ergebnis bedeutet das zum einen, dass ein immer größeres Kreditvolumen auf einem gegebenen Eigenkapitalbestand aufgesattelt wird. Dadurch verringert sich der Verlustpuffer, die Zahlungsausfälle, sollten sie denn auftreten, auffangen kann, ohne die Verbindlichkeiten des Bankenapparates gegenüber seinen Kreditgebern und Einlegern zu gefährden. Zum anderen stehen die Zentralbanken zusehends im Feuer: Sie haben nunmehr ein deutlich erhöhtes Kreditrisiko gegenüber Staaten und Geschäftsbanken. Dadurch steigt der politische Anreiz für die Zentralbanken, die Geldmenge auszuweiten (also zu inflationieren), um Zahlungsausfälle bei ihren Schuldnern zu verhindern. Nach dem Motto: Lieber die Geldmenge vermehren, um offene Zahlungen zu begleichen, als Kreditausfälle erleiden.

Boom-und-Bust

Die aktuelle konjunkturelle Erholung sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Volkswirtschaften nach wie vor in einem Boom-Bust-Zyklus befinden. Der Grund: das ungedeckte Fiat-Geld. Zentralbanken, zusammen mit den Geschäftsbanken, erhöhen fortwährend die Geldmenge durch Bankkreditvergabe. Genauer: Die Geldmenge steigt durch eine Bankkreditvergabe, die nicht durch echte Ersparnisse gedeckt ist. Dadurch wird der Marktzins unter sein „natürliches Niveau“ gesenkt (also das Niveau, das sich einstellt, wenn keine künstliche Kredit- und Geldmengenvermehrung zugelassen würde).

Die künstlich gesenkten Zinsen wiederum ermuntern Unternehmen, neue Investitionsprojekte anzugehen. Für Konsumenten und die Staaten wird es attraktiv, auf Pump zu leben. Die Wirtschaft zieht dadurch zunächst an. Früher oder später jedoch merken die Unternehmen, dass die Investitionen sich nicht rechnen – weil entweder die Preise der Produktionsfaktoren stärker steigen als ursprünglich kalkuliert, oder weil die erhoffte Nachfrage nach den Erzeugnissen ausbleibt. Unternehmen beginnen daraufhin, unrentable Investitionen abzubauen. Arbeitsplätze werden gestrichen.

Die Wirtschaft, die durch den anfänglichen Kredit- und Geldmengeneinschuss, verbunden mit den künstlich gesenkten Zinsen, einen künstlichen Aufschwung (Boom) erfahren hat, fällt in einen Abschwung (Bust). Im Bestreben, die herannahende Rezession-Depression abzuwehren (die ökonomisch gesehen in Wahrheit eine Korrektur der zuvor aufgelaufenen Kapitalfehllenkungen ist), senken die Zentralbanken die Zinsen noch weiter und versuchen, den Zufluss von Kredit- und Geldmengen in Gang zu halten. Die „Krise“ wird also mit den Mitteln „bekämpft“, die sie zuvor verursacht hat.

Was mit Boom-und-Bust gemeint ist

Häufig wird unter „Boom“ eine Wirtschaftsphase verstanden, in der die aktuelle Produktion ihren Langfristtrend übersteigt. Ein „Bust“ wird entsprechend als Phase verstanden, in dem die Produktionsleistung unter den Trendverlauf fällt. Doch diese Interpretation trifft den Kern der Sache nicht (und daher ist die nachstehende Grafik auch mit Vorsicht zu interpretieren). Ein Boom ist nämlich eine fehlerhafte Ausrichtung der Produktion, eine Kapitalfehllenkung.

Durch künstliche Zinssenkungen der Zentralbank werden falsche Signale gesetzt. Die Produktion in kapitalintensiven Sektoren nimmt zu, die in weniger kapitalintensiven Sektoren wird zurückgefahren. Diese Entwicklung kann, muss aber nicht dazu führen, dass die Wirtschaftsleistung für alle sichtbar über den Langfristtrend ansteigt. Ein Boom – eine Phase der Kapitalfehllenkung – kann sich auch bei „normalen“ Wachstumsraten, die die meisten vermutlich nicht als Boom erkennen würden, auflaufen. Das ist auch die Erklärung, warum ein Boom gewissermaßen „wie aus heiterem Himmel“ zu einem Ende kommen und in einen Bust umschlagen kann.

Es stellt sich eine Abfolge von Boom-und-Bust ein, denn auch die neuerlichen Zinssenkungen und Kredit- und Geldmengenvermehrungen enden letztlich ebenfalls in einem Bust. Diese ökonomische Erkenntnis hat einen aktuellen Bezug: Die weltweite Konjunkturerholung ist – wie eingangs aufgeführt – durch eine (man muss schon sagen: geschichtlich) beispiellose Tiefzinspolitik herbeigeführt worden. Es spricht daher viel dafür, dass sich die Volkswirtschaften wieder in einer „Boomphase“ bewegen, auf die irgendwann wieder ein Bust folgt.

Nun lässt sich nicht mit Gewissheit prognostizieren, wann der nächste Bust einsetzt und was ihn auslösen wird. Allerdings lassen sich mit Blick auf das Funktionieren des Fiat-Geldsystems einige „kritische Elemente“ identifizieren, die es verdienen, genauer beobachtet zu werden. Dazu gehören: das Zinsniveau, die Steilheit der Zinskurve, die Entwicklung der Bankkredite, die Knappheit des Eigenkapitals der Banken und der Bestand der notleidenden Kredite… (SEITE 2)

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