Gedanken zum Jahreswechsel: Der Weg nach Null (1)

24. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer

Während sich die aktuellen Geschehnisse auf unserer Welt aufregend in den Vordergrund drängen und auch im Dezember an allen Fronten einfach keine Ruhe einkehren will, war es mir dieses Jahr danach, zum Jahreswechsel über einen Trend nachzudenken, der seit langer Zeit anhält und, ohne dass ein Gegenlenken erkennbar wäre, direkt ins Fiasko führt…

Es ist auch schwer, sich wirkungsvolle Maßnahmen für ein Gegenlenken vorzustellen. Wir sind in bestimmten Vorstellungen dieser Welt so gefangen, der Kokon von scheinbar unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten ist so dicht gewoben, dass das Ende des Fadens, von welchem her man die Problematik aufdröseln und entschärfen könnte, kaum zu entdecken ist.

Auch ich suche noch nach einer befriedigenden Lösung, glaube aber, zumindest die Richtung angeben zu können, wo sich die Lösung für dieses Problem finden ließe, dessen verheerende Auswirkungen uns mit größerer Gewissheit treffen werden als die befürchteten Auswirkungen des Klimawandels.

Genug der Vorrede.

Menschen sind vorteilsorientiert und gestalten sich ihre Welt so, dass ihnen daraus Vorteile erwachsen. Den Prozess dieser Umgestaltung der Welt nennt man Fortschritt.

Unglücklicherweise ergeben sich gerade aus dem Fortschritt immer neue Problemstellungen, aus denen der Menschheit insgesamt Nachteile entstehen. Nachteile, die direkt auf den Fortschritt zurückzuführen sind. Dazu gehört zum Beispiel die Verschmutzung von Luft und Wasser durch den Schadstoffausstoß fortschrittlicher Produktions- und Transportmittel.

Von daher ist es nur folgerichtig, dass die Gestaltung der Welt neben dem Prozess des Fortschritts eine weitere Vorteilsmehrungsstrategie hervorgebracht hat, die nicht mehr dem Fortschritt alleine huldigt, sondern darauf abzielt, den Nutzen des Fortschritts und die Nachteile des Fortschritts voneinander zu trennen. Wenn elektrische und elektronische Geräte nach ihrer Nutzung in Europa als Schrott nach Afrika verschifft werden, wo durch Abbrennen der Kunststoffe nicht nur Metalle wiedergewonnen, sondern auch hochgiftige Gase freigesetzt werden, ist diese Trennung von Nutzen und Nachteil klar zu erkennen.

In diesem Aufsatz geht es jedoch um ein viel größeres, übergeordnetes Problem, das direkt aus dem Fortschritt erwächst, nämlich der absehbare, vollständige Zusammenbruch des arbeitsteiligen Wirtschaftens. Wir befinden uns bereits auf dem Weg in Richtung Null und beschleunigen immer noch.

Aus Gründen, die im Finanzsystem ihre Ursache haben, lastet auf dem menschlichen Wirtschaften der Fluch eines Wachstumszwanges, der – oft verkannt – nicht etwa auf das Wachstum von Produktion und Umsatz gerichtet ist, sondern auf das Wachstum der Gewinne, wofür über lange Zeit wachsende Produktion und wachsende Umsätze hilfreich waren, aber eben nur als Mittel zum Zweck.

Dazu ein paar einfache Begriffsklärungen:

Gewinne schreibt ein Unternehmen dann in die Bücher, wenn am Ende einer Periode die Umsatzerlöse höher waren als die Gesamtkosten.

Umsatz beziffert das Ergebnis aus der Multiplikation der Menge verkaufter Produkte mit deren Preis.

Gesamtkosten stellen den gesamten Aufwand dar, der während einer Periode vom Unternehmen zur Erzielung des Umsatzes zu erbringen war.

Tabelle-1

Die hier nur sehr gering differenziert ausgewiesenen Kostenarten stellen zwar für die Statistik und die Planung des Unternehmens wichtige Kriterien dar, sie verstellen allerdings den Blick darauf, dass aus einer übergeordneten Sichtweise, wenn man also alles bis an seinen Ursprung zurückverfolgt und die gesamte Wertschöpfungskette einbezieht, im Grunde nur ein einziger, letzter Kostenfaktor existiert, nämlich der Lohn für menschliche Arbeit.

Was daneben in die Kalkulation der Herstellungskosten eines beliebigen Erzeugnisses eingeht, sind „Gewinne“ aus Eigentumsrechten von „Lieferanten“.

Schließlich ist alles, was irgendwie be- und verarbeitet werden kann, zunächst einmal vollkommen kostenlos auf diesem Planeten vorhanden. Theoretisch – und ohne ein allumfassendes Eigentumsrecht – könnte sich jeder von allem, was da ist, nehmen, was er braucht. Weder Erdöl noch Eisenerz, weder ein Blumenkohl noch eine hochgewachsene Kiefer müssten etwas kosten, gäbe es nicht jemanden, auf dessen Grund und Boden sie sich befinden.

Um allerdings einen Menschen dazu zu bewegen, für einen anderen nach Erdöl zu bohren oder Eisenerz aus einer Mine zu fördern, Blumenkohl zu ernten oder Holz zu schlagen, muss diesem Lohn, zumeist in Form von Geld, versprochen werden.

Auch der Staat muss seinen Beamten und Angestellten einen Lohn versprechen, damit sie Formulare erfinden, Steuern eintreiben und Ausschreibungen für Bauprojekte auf den Weg bringen. Wo der Staat als Kunde auftritt, steht er genauso da, wie jeder andere und muss den geforderten Preis bezahlen, der sich aus den Kosten für Löhne und den Gewinnen aus Eigentumsrechten zusammensetzt. So fließt also auch die Staatsfinanzierung durch Steuern wiederum in die beiden einzigen Töpfe, die es gibt, nämlich in

  • den Lohntopf der Beschäftigten und in
  • den Gewinntopf der „Eigentümer“.

Sie erinnern sich an die Erkenntnis, dass unser Wirtschaftssystem nicht auf wachsende Bedarfsbefriedigung, nicht auf das Wachstum von Produktion und Umsatz ausgerichtet ist, sondern ausschließlich auf das Wachstum der Gewinne, gleichgültig auf welche Weise diese erwirtschaftet werden. Da die Erträge des Wirtschaftens letztendlich immer nur auf die beiden genannten Töpfe verteilt werden können, kann Gewinnwachstum einzig durch Einsparungen bei den Lohnkosten erreicht werden.

Aufmerksame Leser werden hier anmerken, dass Gewinnwachstum selbstverständlich auch durch Umsatzausweitung und Preiserhöhungen erreicht werden kann, und sie haben damit Recht, was das einzelne Unternehmen betrifft. Bei einer Gesamtbetrachtung, wie sie in Zeiten der Globalisierung unvermeidlich ist, lässt sich dieses Argument jedoch nicht mehr aufrechthalten, denn auch weltweit gibt es eben nur diese beiden Töpfe – und jeder Dollar, jeder Euro, jeder Yen, der in den Gewinntopf wandert, kann zwangsläufig nicht gleichzeitig im Lohntopf erscheinen.

Aus dieser Erkenntnis ließen sich jetzt die alten Diskussionen um den gerechten Lohn, um die Rechtfertigung für Zinseinkünfte und vieles mehr neu entfachen, doch alle diese begleitenden Aspekte sollen hier gar nicht angesprochen werden.

Das heiße Thema ist die absehbare, weltweite Entwicklung der Löhne.

Wenn Gewinnwachstum letztlich nur durch Lohnkürzungen möglich ist, erscheint es zweckmäßig, zunächst die Frage zu stellen, auf welche unterschiedliche Weisen Personalkosten gesenkt werden können und welche Folgen das hat. Grundsätzlich gibt es drei Methoden zur Senkung der Personalkosten – wieder über die gesamte Wertschöpfungskette gesehen – nämlich:

– Senkung der Löhne der Beschäftigten.

– Minimierung des Arbeitsumfanges durch Rationalisierung

– Minimierung des Arbeitsumfanges durch Qualitätsverschlechterung

Alle Maßnahmen führen zum gleichen Ergebnis: Die Kaufkraft der Beschäftigten sinkt bruttolohnseitig, während gleichzeitig der Aufwand für die sozialen Sicherungssysteme wächst, was die Netto-Löhne der (noch) Beschäftigten nochmals reduziert, soweit und solange die sozialen Sicherungssysteme aus den Beiträgen der Beschäftigten gespeist werden.

Nun können aber die erzeugten Produkte nicht zu so niedrigen Preisen angeboten werden, dass dadurch der Kaufkraftverlust der Beschäftigten kompensiert würde. Denn dann ergäbe sich aus der Maßnahme ja kein Gewinnwachstum mehr. (!)

Auch dazu, zum vollen Verständnis, die Fortsetzung des Zahlenbeispiels. Dabei haben wir je 50 Prozent der Material- und Energiekosten als Lohnkosten bzw. Gewinne der Lieferanten angesetzt. Die Kapitalkosten sind vollständig als „Gewinne in Kosten“ angeführt.

tabelle-2

Im Falle der Produktivitätssteigerung steht den Beschäftigten kein zusätzlicher Lohn zur Verfügung, um die mehr erzeugte Menge abzunehmen, im Falle der Lohnkürzungen fehlt Geld, um im bisherigen Umfang konsumieren zu können.

Die Lösung dieses Problems erfolgt auf zwei Wegen. Die fehlende Kaufkraft aus Lohneinkünften wird zum Teil ersetzt durch Auflösung von Vermögen und/oder durch Aufnahme von Krediten. Während zugleich das überschüssige Angebot dadurch reduziert wird, dass Anbieter, die ihre Produkte nicht mehr gewinnbringend absetzen können, weil die Kaufkraft fehlt, in die Insolvenz geschickt werden. Sinkende Löhne führen also zu einer Anpassung des Angebots an die Kaufkraft, einerseits durch Produktionseinschränkungen, andererseits durch Qualitätsminderung.

Es bilden sich folglich „schleichend“ zwei getrennte Märkte. Einer für die Unterschicht, der bei den Tafeln beginnt und bei den bekannten Discountern mit ihren lieblos vollgestellten Lagerhallen schon wieder endet, ein anderer für die Oberschicht, wo die glänzenden Fassaden und Schaufenster in den Bestlagen der Innenstädte Otto Normalbürger noch nicht einmal zum Stehenbleiben animieren, weil er weiß, dass er auf zwei Paar Hosen und ein Paar Schuhe verzichten müsste, wollte er dort nur eine Krawatte oder einen Schal kaufen.

Da, wo früher die Mittelschicht im guten Fachgeschäft Artikel von guter Qualität zu angemessenen Preisen kaufte, stehen die Geschäftsräume oft schon leer oder sind von Trendshops für Elektronik-Spielzeug oder obskuren Trödelmärkten mit Geldwäsche-Odeur okkupiert.

Die letzten Überlebenden kämpfen einen verzweifelten Kampf um die letzten treuen Kunden, doch auch die orientieren sich um, nutzen das Internet zur Schnäppchenjagd und erwerben dort nicht selten die Konkursware des Einzelhändlers, dessen Verschwinden aus dem Straßenbild sie so sehr bedauern.

Doch das alles sind nur die Anfänge.

Industrie 4.0 hat den Fuß schon in der Tür.

Die Zukunftsforscher sehen die menschenleere Fabrik zwar schon seit annähernd 50 Jahren vorher, doch immer noch sehen wir Scharen von Arbeitern und Angestellten in die Fabriken und Büros strömen.

Dass es weniger geworden sind, fällt nur auf, wenn man die Arbeitslosenstatistik zu Rate zieht und nicht auf den ersten Seiten stehen bleibt, sondern sich auch ein Bild davon macht, wie viele Arbeitslose aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr gezählt werden, und wie viele von denen, die einen Job haben, von dem, was sie da verdienen, nicht leben können. Von den vielen Rentnern, die ergänzende Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssen und von den vielen Beschäftigten, die gerade so viel verdienen, dass der Staat nicht mehr hilft, die damit aber auch nicht besser dastehen, als die Millionen von Leistungsempfängern, soll dabei gar nicht erst geredet werden. Das alles ist schon Realität – doch der Fortschritt geht weiter.

Roboter sind auf dem Vormarsch.

Sie sind zwar nicht intelligent und werden es auch nie werden, doch sie beherrschen die Arbeiten, für die sie geschaffen und programmiert wurden, perfekt – und sie werden immer billiger und gleichzeitig vielseitiger. Eine im Grunde wunderbare Entwicklung, wäre da nicht der Pferdefuß, der da heißt:

Die Personalkosten-Einsparung muss größer sein als die im Preis – vielleicht – weitergebene Kostenersparnis.

Jede Rationalisierung und Automatisierung, die sich gewinnsteigernd auswirkt, reduziert automatisch die Kaufkraft der Nachfrage. Alle Experten gehen davon aus, dass uns ein großer, neuer Automatisierungsschub bevorsteht. Die „Industrie 4.0“ wird mit Macht vorangetrieben. Maschinen und Roboter sollen miteinander kommunizieren, sich absprechen und sich koordinieren. Menschliche Erfahrung und Intelligenzleistung wird zur digitalen Entscheidungsmatrix umgeformt und den Maschinen zur Verfügung gestellt.

Klar, diese Technologie bringt tatsächlich viele neue Jobs hervor, doch diese neuen Arbeitsplätze können den Verlust der „alten Arbeitsplätze“, die durch den Robotereinsatz entfallen, nicht ausgleichen. Es würde sich dann nämlich nicht rentieren.

Nehmen wir gedanklich eine Situation vorweg, die uns in wahrscheinlich weniger als 30 Jahren bevorsteht:

70 Prozent dessen, was heute noch menschliche Arbeit in Anspruch nimmt, wird dann von Computern, Robotern und hochautomatisierten Fertigungsanlagen ersetzt sein. (Fortsetzung folgt…)

© Egon Wolfgang Kreutzer – Homepage

 

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