Gedanken bei der Zeitungslektüre

2. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bill Bonner) Ich habe mich letztens morgens mit den Zeitungen und einem starken Kaffee an den Küchentisch gesetzt. Die eine oder andere Nachricht löste eine Flut von Gedanken aus, die ich schnell hingeschrieben habe, um sie nicht wieder zu vergessen. Hier mein „brainstorming“ in Form meiner Notizen…

– dass Vorstellungen von der Theorie geformt werden

– dass Theorien meistens dann aufkommen, wenn sie gebraucht werden – um zu erklären und zu rechtfertigen, was gerade passiert.

– dass man ohne die richtige Theorie zur richtigen Zeit blind für das ist, was um einen geschieht.

– dass sich die amerikanische Presse den Forderungen des Imperiums beugt, ohne dass es ihr auffällt.

– dass die Theorien der Amerikaner sie dazu gebracht haben, fälschlich anzunehmen, dass sie jeden Tag reicher werden, während sie in Wirklichkeit immer ärmer werden.

– und dass es für die Anleger eine gute Zeit sei, beim Dollar auszusteigen und beim Euro…  oder bei Gold einzusteigen.

Meine Schlüsse daraus werden Ihnen sicher bekannt vorkommen. Aber selbst diejenigen, die schon lange diesen Newsletter lesen, werden bemerkt haben, dass an der Logik, die mich zu diesen Schlüssen bringt, etwas neu ist. Kaum hatte ich aufgehört mir Sorgen zu machen und angefangen das amerikanische Imperium zu bewundern, schon sah ich die neuen und amüsanten Eigenheiten. Dinge, die vorher keinen Sinn machten waren immer noch absurd, aber weniger rätselhaft.

Das Wall Street Journal ist wahrscheinlich das führende Käseblatt auf der imperialen Tagesordnung. Auf ihren Leitartikelseiten fand man noch nie ein militärisches Abenteuer, das ihnen nicht gefiel oder militärische Ausgaben, die sie nicht (von jemand anderem) zahlen (lassen) wollten. Sicher, das macht wirklich Sinn. Die Zeitung ist die Zeitung der amerikanischen Geschäftswelt und sie ist schlau genug zu durchschauen, was für ein Business Amerika ist und wie es funktioniert. Das Geschäft des Imperiums bietet Sicherheit und Ordnung, die es braucht, damit die Märkte funktionieren können. Es ist grundlegend ein Geschäft der Politik… des Militärs…ein Geschäft, das sich eher auf Zwang als auf Überzeugung verlässt.

Das ist die Theorie (Idee), die das Wall Street Journal antreibt. Es ist auch die Theorie, die das moderne Amerika geformt hat, wenn das auch nur wenige Leute erkannt haben. Amerikanische Wirtschaftswissenschaftler sehen im Handelsbilanzdefizit entweder einen Vorteil… oder sie sehen es überhaupt nicht. Wir saugen nur den Überschuss“ der weltweiten Ersparnisse auf, sagt Ben Bernanke. Das Handelsbilanzdefizit ist das Ergebnis aus der Tatsache, dass die amerikanischen Schulden schneller steigen als das Einkommen, jedoch hat diese Information keinen Platz in der Theorie der imperialen Finanzen. Deshalb bleibt sie unsichtbar. Sie scheint nicht relevant zu sein.

Auch die Tatsache, dass die Gewinne aus der Produktion zusammengebrochen sind hat, hier keinen Platz. Die amerikanische Wirtschaft ist überlegen, glauben sie. Sie sehen es als ihre Aufgabe an, herauszufinden, warum sie überlegen ist. Und weil es kein traditionelles Wirtschaftmodell gibt, das es erklären könnten, sind sie gezwungen, sich auf leere Worthülsen zu beschränken, so wie dynamisch“, flexibel“, innovativ“ und so weiter. Die Wörter mögen nichts bedeuten, aber wenigstens klingen sie gut.

Fast alle Amerikaner können sich nicht vorstellen, dass eine schwache zentrale Regierung gut sein könnte, weil eine starke zentrale Regierung für imperiales Streben essentiell ist. Amerika hat eine starke zentrale Regierung, Amerika ist die einzige Supermacht der Welt. Deshalb müssen starke zentrale Regierungen überlegen sein. Niemand hat bisher die Europäer in den Irak einmarschieren sehen… oder in Afghanistan. Europa hat keine starke zentrale Regierung, kein starkes Militär und verfolgt keine imperialen Ziele. Die Europäer sind von den beiden Weltkriegen so traumatisiert, dass sie genug von militärischen Abenteuern haben – zumindest im Moment.

Stattdessen haben sie sich nach innen gewendet – und sie konzentrieren sich auf ihre allgemeinen Feiertage und auf die öffentliche Gesundheitsversorgung. Das kann man feststellen, wenn man die Zeitungen liest. Die amerikanische Presse schaut nach außen und versucht Wege zu finden, die Welt besser zu machen. Die Leitartikel schreiben, was man wegen des chinesischen Geldes unternehmen sollte… oder wegen der Gesundheitsprobleme in Afrika… oder wegen Japans Wirtschaft… oder sogar wegen der Regierung in Europa.

Die europäischen Zeitungen neigen hingegen dazu, sich auf die eigenen Probleme zu konzentrieren – Reformen beim Gesundheitssystem, nationale Wahlen und politische Fraktionen. Die Mordrate in London liegt bei nur 2 pro 100.000 seit dem Ende des Krieges, obwohl Morde dort in den Zeitungen an prominenter Stelle erwähnt werden.

In Washington hingegen werden Verbrechen auf den letzten Seiten der Zeitungen abgehandelt. Es wird für niederträchtige Nabelschau“ gehalten, sich wegen solcher Dinge in Amerika Sorgen zu machen. Stattdessen widmen sich die Titelseiten der Frage, wie man eine Gesetzgebung nach amerikanischer Art in den Irak und nach Europa bringen könnte. Ich kann mich kaum zurückhalten, wenn ich darüber nachdenke. Mein Zwerchfell vibriert vor Lachen, ich bekomme Seitenstechen.

Quelle: Kapitalschutz Akte
Gedanken bei der Zeitungslektüre (von Bill Bonner)
Weitere Informationen: Investor Verlag

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Ein Kommentar auf "Gedanken bei der Zeitungslektüre"

  1. khaproperty sagt:

    Schlecht geschlafen?
    Warum denn der hämische Unterton bei dem reichlich wirren Parforceritt durch USA und den Rest der Welt?
    Warum reizt es zum Lachen, wenn sich Menschen in einem (oder auch anderen) Land Gedanken machen, wie sich globale Probleme lösen ließen?

    Auf die Probleme einer zu starken Zentralmacht weist in USA etwa Ron Paul oder andere führende Vertreter bei den Republikanern und vor allem deren Abteilung TeaParty, also die Libertären, deutlich hin.
    Daß grade sozialistisch angehauchte sogenannte Demokraten wie auch Nr. 44 zu gern in der Welt herumschießen, ist seit den zwei Weltkriegen nichts Neues.

    Und ganz nebenbei regen sich imperiale Gelüste just im Zuge des Euro vor allem wieder bei der deutschen großen Führerin in – wie sie meint – rosigen Zeiten.
    In südlichen Gefilden der Eurozone vermeint man bereits den nächsten (nach Hitler) Versuch zu erkennen, Europa zu erobern, nun mit anderen Mitteln.

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