Ganz schön verprimelt!

27. März 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Im letzten Monat noch gaben die Verbraucher ihr Geld mit vollen Händen aus. Jetzt aber sparen sie plötzlich wieder, meldet die GfK. Wer bitte schön soll nun den ganzen Plunder kaufen, der extra für die Verbraucher hergestellt wurde? Was kümmert es mich? Ich verrate Ihnen aber ein kleines Geheimnis…

Seit einigen Wochen habe ich einen kleinen Garten an der Backe. Er ist nicht besonders groß, aber wegen des Wetters in diesem Jahr schon schön grün. Nachdem ich aber die Thujas gefällt habe, Gott hab sie selig, ist nun Platz für allerlei Experimente. Fast hätte ich schon Palmen angepflanzt, aber ich traue dieser Klimakatastrophe noch nicht ganz. Rasen ist in diesem Jahr wieder in. Da hinten in der Ecke wäre noch Platz für Kakteen und eine Sanddüne.

Ach wie ich mich freue! So ein Garten lenkt von den vermeintlich wichtigen Dingen ab. Abende ohne Nachrichten, Superstars und Gutmenschen. Und da sitze ich nun in eine Decke gepackt im Freien, und denke nach. Eigentlich ist ja schon alles gesagt.

Was mir aufgefallen ist, die gute alte Primel ist in diesem Jahr schon wieder der Liebling der Nation und für die Deutschen bestens geeignet – ohne besondere Ansprüche, schreiend bunt und schlicht. Abgesehen vom Stiefmütterchen, passen Deutsche und Primeln bestens zusammen. Fast überall stehen jetzt diese hochgezüchteten, ja uniformierten Pflanzen herum. Sie kosten nicht viel, vielleicht 29 Cents. Ob durch Kinderarbeit im Ausland produziert oder durch Dauerpraktikanten in den Gärtnereien hierzulande – industriell produziert – jeder kann sich heute Primeln leisten.

Auch in den Vorgärten ist diese Pest ausgebrochen. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber die Deutschen kennen eben nur noch Primeln. Das erklärt auch, warum die Primel-Absätze wegen des milden Wetters schon im März um eigens geschätzte 4.000 Prozent gestiegen sind. Das waren Breaking News! Ganz dick und rot… Pardon… Blau-rot-weiß-gelb-blau-rot-weiß-gelb… Doch diese News reichten aus, dass die Leute schlagartig die Baumärkte stürmten. Gar vom Primel-Horten war die Rede. Kurz darauf stiegen die Primel-Verkäufe um weitere 4.000 Prozent, was neue Breaking News auslöste. „Engpässe bei Primeln!“… „Blühender Primel-Schwarzmarkt“. Es gab Sondersendungen.

In den verstrahlten Ratgebersendungen hieß es, man solle in Zeiten der Engpässe auf die Plastik-Varianten oder Stiefmütterchen ausweichen. Daraufhin explodierten die Stiefmütterchen-Absätze, welche weitere Breaking News und „Brennpunkte“ nach sich zogen. Experten sagten, unter den Thujas sehen Stiefmütterchen besonders schick aus, was zu Engpässen bei Thujas führte. Ich hätte da übrigens noch ein paar abgesägte Exemplare. Diese in eine Blumenvase gestellt, haben sie bis zum Sommer Wurzeln geschlagen. 98 Prozent der Deutschen glauben mir diesen Pflegetipp. Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht – aber wer heute Nachrichten schaut, glaubt alles.

Was mir noch auffiel ist die Liebe der Deutschen zu Orchideen. Ein paar dieser Sklaven auf der Fensterbank lassen Passanten auf dem Gehweg staunen und auch die Nachbarschaft. Orchideen, vor allem das Phalaenopsis-Unkraut, sind sehr pflegeleicht. Deshalb werden sie immer wieder erneuert. Und da es die Deutschen immer gut meinen, halten sie diese als Sumpfpflanzen, auch wenn Orchideen das nicht mögen. Ich habe schon ertrunkene Plastik-Varianten beobachtet. Ich sage ja, wer mit Blumen nicht umgehen kann, hat auch mit Menschen seine Probleme

Für mich als Gartenbesitzer bricht jetzt eine aufregende Zeit an. Schon jetzt feiert die Grillbranche 25 Stunden am Tag den Aufschwung. Bald wird der Konsum an Billigfleisch und eingeschweißten Würstchen zu weiteren Schlagzeilen führen und Experten mit ihren Grilltipps gefordert sein.

Ich freue mich auf die permanent aufsteigenden Rauchsäulen in der Nachbarschaft. Wenn der grillfähige Füllstoff Flammen schlägt, wird es wieder heißen, uns ginge es gut. Zugleich steigt die Zahl der Massentötungen industriell hergestellter Schweine und Rindviecher. Grillen für den Aufschwung! Konsum ist schon eine seltsame Sache, aber offenbar wichtig.

Es ist kühl. Deshalb wird diese Kolumne etwas kürzer. Wie ich feststelle, regt man sich im Garten über Unkraut und Ungeziefer auf, erfreut sich aber an der Blumenpracht. Doch das dauert noch. Ich sitze allein im Schein einer Laterne und genieße die Stille. Meine Nachbarn ziehen sich gerade die neuesten Putin-Bashing-Talkshows in den Öffentlich-Rechtlichen und anderen geistigen Füllstoff durch die Augen ins Hirn. Vielleicht sterben deshalb die Pflanzen so gerne in der Nähe eines Fernsehgerätes. Wir Menschen sind da robuster.

Auf meiner Terrasse schreit nur die Eule. Gernsheim hat dieses Tier im Stadtwappen. Vielleicht gibt es bald schon Nachwuchs. Im vorletzten Jahr hatte die Nachbarschaft versucht, die Eulen von ihrem nächtlichen Plärren mit Luftpistolen abzuhalten. Sie hätten auf den Flachbildschirm schießen – und sich danach in den Garten setzen sollen.


 

Schlagworte: , , , ,

4 Kommentare auf "Ganz schön verprimelt!"

  1. Rahel sagt:

    Hallo Hr. Mayer,

    bin eben „Schier vom Stuhl gefallen“, beim Lesen ihrer Kolumne!
    Besonders der Schlußsatz,…. Zitat: „Gernsheim hat dieses Tier im Stadtwappen. Vielleicht gibt es bald schon Nachwuchs……………………… Sie hätten auf den Flachbildschirm schießen – und sich danach in den Garten setzen sollen“.

    Genial,… 🙂

    Grüße von Ladenburg nach Gernsheim
    Rahel

  2. bluestar sagt:

    Hallo Herr Meyer,

    herzlichen Glückwunsch zum Garten !!!
    Kann man da auf botanische Fotos Teil 2 von Ihnen hoffen ???

    VG und einen schönen Tag für Sie.

  3. Chris sagt:

    Hallo

    Mal bitte die Anschrift mitteilen, dann schicke ich einen interessanten Ableger per Post.

    Grüße

    Chris

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.